Einfach mal entspannen und freuen: Winfried Kretschmann und der Wahlstress


Andrea Müller, 14.3.2016

Was predigen wir in unseren Medientrainings immer: freundlich und gelassen bleiben, verbindlich sein und wenn es sich anbietet, gerne auch mal den Humor-Joker ziehen. Das mag der Zuschauer, das ist schon die halbe Miete.
Eigentlich beherrscht er das: der grüne baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, ein Polit-Profi. Aber am Wahlabend war gar nichts spaßig: weder mit noch an ihm. Er war keine Spur verbindlich oder freundlich. Im Heute Journal sah der Zuschauer einen genervten, humorlosen und angespannten Kretschmann.

Warum bloß? Zugegeben, die schwierigen Mehrheitsverhältnisse nach dieser Wahl konnten ihm nicht gefallen. Das war seinen Antworten zu Koalitionsfragen auch anzumerken. Er war schlecht gelaunt. Okay, da hatte er auch Grund dazu, also Haken dran.

ABER: der Vorzeigegrüne hatte einen fulminanten Wahlsieg eingefahren. Er war der Held des Abends. Und wurde auch so anmoderiert: Christian Sievers begrüßte ihn als „grünes Wunder“, als „Mann, der Geschichte geschrieben hat“. Das entlockte dem zugeschalteten Winfried Kretschmann wenigstens kurz noch ein schmallippiges Lächeln. Und das sollte, bis auf das Schlussnicken, der einzige wirklich freundliche Gesichtsausdruck bleiben während des gesamten 5-Minuten-Interviews.

Dabei lieferte Moderator Sievers genügend gute Vorlagen, um mit Humor zu punkten. Einstiegsfrage: “Haben Sie gewonnen, weil Sie so tolle Politik machen, oder weil Sie für Angela Merkel beten?“
Kretschmanns Antwort ist eine völlig spaßbefreite Aufzählung seiner Regierungsleistungen.
Oder Schlussfrage: „Brauchen die Grünen dringend mehr Kretschmänner?“ Reaktion: kein Wimpernzucken, kein amüsiertes Lächeln – nichts, was ihm Sympathiepunkte eingebracht hätte. Schade, das war komplett verschenkt!
Dabei wäre es so einfach gewesen: Regel Nr. 1: direkt antworten. Vorschlag: „Kretschmänner kann man immer brauchen, nicht nur bei den Grünen…“
Regel Nr. 2: immer freundlich bleiben. Und schon wäre beim Zuschauer hängen geblieben: Was für ein souveräner, netter Politiker, der hat zu Recht gewonnen.

 

Die Sendung sehen Sie hier in der ZDF-Mediathek.

Autorin

Andrea Müller

Andrea Müller

Kontakt: www.andrea-mueller-coaching.de

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