Wahl-Blog 2017: Eine griffige Formulierung wird zur Schlagzeile


Wahlforscher Stefan Merz zeigt rhetorische Stärken und Schwächen im Radio-Interview

Stefan Klager, 21.08.2017

In der hr-Info-Serie „Das Interview“ war jetzt Stefan Merz zu Gast. Merz ist "Direktor Wahlen" bei Infratest dimap, dem Umfrageinstitut, das die Umfragen und auch die 18 Uhr-Prognosen und späteren Hochrechnungen für die ARD erstellt. Die Interview-Sendung ist knapp 25 Minuten lang. Merz freut sich offenbar auf das Gespräch - das ist an seiner Stimme zu erkennen - und er ist gut drauf.

Gleich zu Beginn wird deutlich, wie sehr Mimik zu hören ist, denn Merz lacht charmant – das macht ihn sympathisch. Gleich auf die erste Frage, ob denn der Wahltag etwas ganz Besonderes für ihn sei, liefert er eine schlagzeilenfähige Antwort: „Ja, Wahlabende sind so etwas wie eine Heilige Messe“. Prägnant. Aussagekräftig. Auf den Punkt. Kein Wunder, dass dieser Satz später bei „hr online“ in einem Bericht über das Gespräch als Headline übernommen wird.

Merz hat eine relativ hohe Sprechgeschwindigkeit, aber er formuliert leicht verständlich. Es ist kein Problem ihm zu folgen. Die Frage, was der Unterschied zwischen Umfrage, Prognose und Hochrechnung ist, hätte Merz erwarten können. Doch hier formuliert er verquast und nicht trennscharf. Erstaunlich, denn dies ist ja sein Tagesgeschäft. Vermutlich können ihm an der Stelle nur bereits informierte Hörer folgen. Besser kein oder nur relativ wenig Wissen voraussetzen, ist dann die bessere Strategie. Und innerhalb eines solchen Radio-Interviews nicht nur an die unmittelbaren Gesprächspartner denken – den oder die Interviewer -, sondern an die Hörer der Sendung. Erst auf Nachfrage bringt er den Unterschied zwischen Umfrage vor der Wahl und Prognose deutlich auf den Punkt. Sehr geschickt ist, dass er bei dem wichtigen Satz, die Erhebungen vor der Wahl seien ja nur Stimmungen in der Bevölkerung und keine konkreten Prognosen, seine Sprechgeschwindigkeit verlangsamt. Dadurch bekommen seine Worte ein zusätzliches Gewicht.

Unscharf bleibt Merz auch bei einer interessanten Frage der Journalistin, ob die Prognose denn nur das Auswerten von Daten sei. Er habe mal gesagt, es gehe unmittelbar vor der 18 Uhr-Prognose auch ums Knobeln. In der Tat eine Frage, die aufhorchen lässt und auf die Merz vorbereitet sein muss, denn dieser Begriff ist offenbar im Vorgespräch gefallen. Umso erstaunlicher, dass Merz hier völlig unklar bleibt. Es gebe keine Zauberformel, aber viele Daten, die ausgewertet werden, und es bedarf auch einer gewissen Erfahrung. Aha, aufgrund der „Erfahrung“ werden die konkreten Prognosedaten ermittelt? Hier verliert Merz seine Zuhörer, denn er bleibt unklar. Eine Boulevard-Zeitung hätte aus dieser schwachen Antwort eine Schlagzeile kreiert: „ARD: Die Wahl-Prognose wird geknobelt!“

Die Methode von Befragungen erklärt Merz unmotiviert; er wirkt unkonzentriert, fast gelangweilt. Seine Spannung in der Stimmung fehlt, wobei das für die Hörer ja interessant ist zu erfahren, wie die Erhebungen zustande kommen. Ein einziger Satz bleibt hängen: „Der Zufall braucht seinen Raum.“ Bitte was?
1000 Befragte stehen für 60 Millionen Wahlberechtigte - wie ist bei all den Zufälligkeiten gewährleistet, dass die Umfragen repräsentativ sind? Und wieder fällt der Satz: Dem Zufall Raum geben. Und es folgt keine erhellende Erklärung. Vertane Chance!

Die auflockernden Elemente wie das Auspacken einer Tüte mit Überraschungen meistert Stefan Merz charmant und locker, aber als gefragt wird, welche Koalition seiner Meinung zustande kommt, gerät Merz wieder ins Trudeln. Dies liegt aber diesmal nicht an ihm, sondern an der falschen Frage. Dies ist keine Frage für einen Wahlforscher. Recht spät bekommt er die Kurve: „Die Frage ist nicht von den Demoskopen zu beantworten, sondern von den politischen Akteuren.“ Richtig.

Und jetzt kommen die kritischen Fragen: Trumps Wahlsieg hätten die Wahlforscher nicht vorausgesagt, auch beim Brexit hätten sie danebengelegen. Das Abschneiden der SPD bei Landtagswahlen in NRW, im Saarland und in Schleswig-Holstein sei falsch prognostiziert worden.
Merz verliert an Lockerheit, seine Stimme verrät Anspannung. Es gebe viele verschiedene Dinge, die hier wichtig seien. Wieder beruft er sich auf den Unterschied zwischen Umfrage und Prognose. Ansonsten nennt er keine weiteren Argumente – obwohl er „viele“ angekündigt hatte. Eine Frage, mit der er hätte rechnen können, nein, müssen. Bei dem Thema „Parteien kaufen sich für sie genehme Umfragen“ kontert Merz stark: „Wir arbeiten nur für Medien, nicht für Parteien.“

Fazit: Merz wirkt sympathisch und grundsätzlich kompetent. Er zeigt aber durchaus schwache Phasen, was die Vermutung nahe legt, dass er sich auf das Interview nicht gut vorbereitet hatte. Seine Kernbotschaften hätte er schärfer formulieren sollen – doch über die hatte Merz vermutlich vorher nicht nachgedacht.

Hier finden Sie das komplette Interview.

Der BMTD ist unabhängig, überparteilich und ausschließlich der professionellen Kommunikation verpflichtet. Die Auswahl der Interviewpartner und ihrer Zitate sowie die entsprechenden Bewertungen erfolgen ausschließlich nach den BMTD-Empfehlungen für einen erfolgreichen Auftritt und sind deswegen kein Ausdruck einer politischen Richtung.

Autor

BMTD

Stefan Klager

Kontakt: www.Der-KommunikationsCoach.de

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