Wahl-Blog 2017: Eingesprungene Kommunikativ-Pirouetten


Katrin Göring-Eckart im neuen ARD-Format „Frag selbst“

Katja Schleicher, 04.07.2017


"Frag selbst" mit Grünen-Spitzenkandidatin Göring-Eckardt, 02.07.2017 / Screenshot


Lust und Last eines neuen Formates

Um den Wahlkampf zu begleiten, hat die ARD ein Publikums-Format gestartet. „Frag selbst“ ist eine Art Bürgerforum im Fernsehen: Die Fragen der Bürger werden -kurz durchmoderiert- an den entsprechenden Gast weitergegeben. Die grüne Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckart nimmt im Anschluss an ihr Sommer-Interview als erste auf dem Gäste-Stuhl Platz. Vorteil: Das Format ist neu, das gibt extra viel Aufmerksamkeit. Nachteil: noch ist nicht alles eingespielt, da ist die Unsicherheit für alle Beteiligten höher. In dieser Erst-Ausgabe wirkt die interviewte Politikerin insgesamt entspannter und sympathischer als die ARD-Journalistin.

Botschaften und Bilder zuerst!

Gerade in einer so schnellen Sendung (möglichst viele Fragen, möglichst unterschiedlich) gilt: Botschaften und Bilder zuerst! Weniger erklären, was es nicht ist, was man nicht denkt. Direkt mit dem ersten Halbsatz die Botschaft in den Mittelpunkt stellen, die Aussage zuspitzen, ein oder zwei griffige Beispiele anbieten. Katrin Göring-Eckart hat genug davon parat. Sie kommen bei jeder Frage. Und jedes Mal zu spät. Sie zeichnet griffige Beispiele. Die durch den späten Einsatz automatisch an Wirkung einbüßen.

Konjunktivistischer Glaube

„würde, hätte, könnte“… Im Wunsch, alles richtig zu machen, strapaziert die grüne Spitzen-Politikerin den Konjunktiv über Gebühr. „Wenn Sie mich nach frühen Erlebnissen fragen, dann würde ich sagen…“ „Ich würde niemals behaupten, mich immer richtig zu verhalten“… Puh, bis da des Pudels Kern zum Vorschein kommt. In einem so schnellen Format fällt das besonders auf: „Wie alle Menschen zweifle ich, ob ich alles richtig mache“ ist eine Alternative, die Medientrainer hier anbieten können. „Also eigentlich glaube ich nicht, dass …“ ist auch so eine Einstiegs-Formulierung, die nirgends hin führt. Stattdessen lieber gleich sagen, was zutrifft: „Das schmerzt.“ statt „Es ist nicht so, dass das an einem abprallt.“

Ja zu Trigger-Wörtern

Das Interview entfaltet seine stärkste Kraft, wenn die Grünen-Politikerin mit einem Wort oder Halbsatz ein Bild zu malen vermag. Dann ist sie direkt bei den Leuten. Ist es umgedreht, kommt erst die Aussage, dann die Bewertung, dann verliert die Botschaft an Kraft. „Ich hab mal eine Sache gemacht, die hat mir geholfen. Erstaunlicherweise.“ Und dann erst kommt, worum es eigentlich geht: das Vorlesen der eingegangene Hass-Mails. Stattdessen: „Als ich die eingegangenen Hassmails laut vorgelesen habe,“ … und dann die emotionale Bewertung dahinter setzen. In einem anderen Format (einem Porträt beispielsweise) ist das möglich, beim hohen Tempo in dieser Sendung jedoch das Risiko zu hoch, das Publikum zu verlieren.

Abwechslung in die Stimme

Katrin Göring-Eckart hat als Polit-Profi die Ruhe weg. Auch in der Stimme. Toll für die überhitzten Polit-Podiums-Diskussionen. Nachteilig, wenn diese Ruhe zu übermäßigem Gleichmaß und eintöniger Modulation in der Stimme führt. Stark ja, aber eben gleichförmig. Da sucht sich die Aufmerksamkeit des Publikums schnell ein anderes Ziel. Gerade bei einem solch bürgernahen Format eine ungenutzte Chance.

FAZIT:

Die Botschaft gleich im ersten Satz platzieren. Ganz früh dran sein. Mit einem anschaulichen Beispiel illustrieren. Damit bleibt das Interview griffiger und spannender fürs Publikum. Kurzum: Wenn der Anfang stimmt, bleibt das Publikum gern bis zum Ende.



Zum Nachschauen:

https://www.tagesschau.de/inland/frag-selbst-107.html

Der BMTD ist unabhängig, überparteilich und ausschließlich der professionellen Kommunikation verpflichtet. Die Auswahl der Interviewpartner und ihrer Zitate sowie die entsprechenden Bewertungen erfolgen ausschließlich nach den BMTD-Empfehlungen für einen erfolgreichen Auftritt und sind deswegen kein Ausdruck einer politischen Richtung.

Autorin

BMTD

Katja Schleicher

Kontakt: ks@interview-training.eu

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