Wahl-Blog 2017: Inhalte sind gut – Botschaften sind besser


Die SPD hat auf ihrem Sonderparteitag ihr Wahlprogramm verabschiedet. Jetzt muss sie noch lernen, gegenüber den Wählern nur Wichtiges zu präsentieren. Und Unwichtiges wegzulassen.

Prof. Stefan Korol, 26.06.2017



Kurz, aber heftig – auf die SPD/Schulz-Euphorie im Frühling 2017 folgte der Einbruch, auf aktuell 16 Prozentpunkte hinter der Union. Auf dem Sonderparteitag der SPD am 25. Juni 2017 in Dortmund wollten die Partei und ihr Vorsitzender Martin Schulz den Startschuss geben für die Aufholjagd. Was die Präsentation von Inhalten und Personen angeht, sind gestern vier Dinge deutlich geworden, an denen die SPD noch arbeiten kann:

  1. „Wir können alles!“. Bestimmt haben sich Basis, Arbeitsgruppen und Parteiführung viel Mühe gegeben mit dem Wahlprogramm, das die Partei gestern präsentiert hat. Es umfasst viele Themen und politische Ziele. Aber es gibt keine Schwerpunkte. Keine hervorgehobenen Botschaften. Kein Fokus auf die wichtigsten Punkte. Die SPD verstößt mit dieser Präsentation gegen eine wichtige Regel in der öffentlichen Kommunikation: „Nicht vollständig. Sondern verständlich.“ Nur wer Kunden (Wählern) in wenigen, dafür aber klaren Sätzen die Vorteile und Nutzen des eigenen Produktes deutlich macht, bleibt im Gedächtnis. Wird gekauft oder eben gewählt.

  2. „Wir sind super korrekt!“. Im Interview wird Martin Schulz gefragt, warum die SPD in Dortmund keine Koalitionsaussage gemacht hat. Seine Antwort ist lang. Alles was er sagt, klingt inhaltlich richtig. Und korrekt. Und furchtbar langweilig. Warum nicht selbstbewusst, leidenschaftlich und kämpferisch dem Journalisten (und den Wählern) ein „Das ist Schnickschnack. Wir wollen stärkste Partei werden!“ entgegenhalten? Was sind die Rentenpläne der SPD? Auch hier zählt Schulz brav und akribisch alle Punkte auf; will nichts und niemanden unerwähnt lassen. Und am Ende seiner Antwort kann man als Zuschauer nicht mehr sagen, was die Rentenpläne der SPD sind. In seiner Abschlussrede bedankt sich Hubertus Heil bei allen, die bei und an diesem Parteitag mitgearbeitet haben: Mitglieder, Landesverbände, Stadt Dortmund, Polizei, Sanitäter, Saalordner – und noch, gefühlt, 20 weitere Berufsgruppen. Auch das ist richtig. Vollständig. Eben korrekt. Und total langweilig.

  3. „Schaut mal, was die anderen alles falsch machen…!“. Die Aufgabe einer (Chef-)Rede ist es, zu motivieren. Die Stärken des Unternehmens, seiner Produkte und seiner Mitarbeiter herauszuheben. Zu loben. Und damit Leidenschaft und Motivation zu entfachen. Das macht Schulz – auch. Aber er verwendet viel Zeit darauf, akribisch aufzuzählen, was die CDU und Merkel alles falsch machen. So hebt er lang und langatmig hervor, dass Merkel sich weigert, zu aktuellen Themen und Problemen Stellung zu nehmen, alles nur aussitzt. Sogar einen Extra-Titel hat er sich für diese Geschichte ausgedacht (ja, Geschichten zu erzählen ist immer gut.): „Ich erzähle euch jetzt einmal die Geschichte… (kurze Pause) …von der asymmetrischen Demobilisierung“. Wie bitte? Was ist das denn für ein Wort-Ungetüm? Ja, eine Partei muss gerade bei einem Parteitag auch mit dem politischen Gegner abrechnen. Aber diese Auseinandersetzung darf weder zeitlich noch inhaltlich die Präsentation der eigenen Stärken überdecken.

  4. „Aber wir sind doch die Arbeiterpartei!“. Ja, auch im Jahr 2017 darf eine Partei kurz auf ihre historischen Erfolge verweisen. Aber die Entscheidungen von heute stark in den Kontext der SPD-Gründerväter und -jahre zu stellen – das ist dann doch sehr klischeehaft, noch dazu in einem Land, das trotz einiger sozialer Ungleichheiten zu einem der wohlhabendsten Länder der Welt zählt. Und vielleicht sollte jemand den Genossinnen und Genossen einmal sagen, dass wir in Deutschland keine Arbeiterfront mehr haben. Und das, was davon noch übrig ist, von den Gewerkschaften vertreten wird. Deswegen sollte die Partei auch ihre traditionelle Parteitags-Schlusszeremonie überdenken: Das gemeinsame Absingen von „Wenn wir schreiten Seit‘ an Seit‘“ klingt heutzutage eher wie ein Abgesang. Das Relikt der alten Tante SPD.

Fazit: Schwerpunkte setzen, verkürzt und dafür merkbar kommunizieren, sich nicht vom Gegner dirigieren lassen, (historischen) Ballast abwerfen – der Weg zu einer Markenbildung ist ja hinlänglich bekannt. Die SPD wird sich entscheiden müssen, ob sie hier über ihren eigenen Schatten springen und Wählerstimmen holen will. Oder weiterhin nur alles, alles vollständig, alles korrekt und alles wie immer machen will.

Der BMTD ist unabhängig, überparteilich und ausschließlich der professionellen Kommunikation verpflichtet. Die Auswahl der Interviewpartner und ihrer Zitate sowie die entsprechenden Bewertungen erfolgen ausschließlich nach den BMTD-Empfehlungen für einen erfolgreichen Auftritt und sind deswegen kein Ausdruck einer politischen Richtung.

Autor

BMTD

Prof. Stefan Korol

Kontakt: www.medientraining.info

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