Wahl-Blog 2017: Die ÜBER-Kandidaten


Der Berliner FDP-Parteitag im Lichte des öffentlichen Auftritts.

Katja Schleicher, 02.05.2017



Christian Lindner und sein ÜBER-Ich

Der Spitzen-Mann der FDP zeigt seiner Partei auf der Berliner Bühne nur zu gern, was für einen hervorragenden Job er in den vergangenen Jahren gemacht hat. Da steht der Mann, der die FDP halbtot 2013 übernommen, fast im Alleingang wiederbelebt und aus der Misere geführt hat. Er hat in Berlin einfach alles unter Kontrolle. So sehr, dass er oft mehr wie ein Moderator der Veranstaltung wirkt als ihr inhaltlicher Lenker. So sicher, dass seine Körpersprache keinen Moment Innehalten und Reflexion zulässt. Ein Entertainer, der sich diebisch auf seine eigene Pointen freut. Mehrfache Ich-bezogene Aussagen wie „und ich muss sagen, ich hatte recht“ manifestieren diesen Eindruck noch. Einige Prozent-Punkte mehr Weichheit und Nähe im öffentlichen Auftritt von Lindner könnten der FDP möglicherweise einige Prozent-Punkte an Stimmen bringen.

Insgesamt wirkt Lindner durchchoreographiert und ÜBER-trainiert. Aber: Perfektion macht misstrauisch… War schon in der Schule so. Den Klassenprimus haben viele zwar bewundert, ihn aber nie rückhaltlos gemocht oder ihm vertraut. Stattdessen immer auf der Lauer gelegen, um ihm einen Fehler nachzuweisen oder anderweitig eins auszuwischen.

Nach oben zu kommen und oben zu bleiben, erfordert zwei verschiedene kommunikative Strategien. Das kommunikativ-integrierende, verbindende, sollte für Christian Lindner jetzt stärker in den medialen Fokus rücken.

Wenn ihm die besagte Gelassenheit, für die er oft gelobt wird, auf der Bühne abhandenkommt, kippt sein Auftritt schnell ins deklamatorisch-demagogische. Besonders deutlich wird das, wenn die Bild-Regie Lindner auf den Riesenschirm projiziert und Lindner vor seinem Screen-ÜBER-Ich spricht. Da werden Star-Wars Bilder aufgerufen, gegen die man sich schwer wehren kann.


Nicola Beer

Unter den deutschen Politik-Frauen ist Nicola Beer eine ausgesprochen authentische Persönlichkeit. Zum Parteitag kombiniert sie Lederjacke in hellblau mit Perlenkette und passenden Ohrsteckern. Botschaft: „Ich bin ein vielseitiges Rock-Chick, kann aber auch ganz soft.“ Absolut stimmig, auf den Punkt, ohne übertrieben zu sein. Stimmlich dagegen wird Behr fürs Publikum schnell ermüdend. Zum einen spricht sie die gesamten 40 Minuten mit gepresster Kopfstimme, was sehr anstrengend ist. Für Sprecher wie für Zuhörer. Erschwert wird das durch die immer gleiche Modulation und Intonation ihrer Stimme. Stark ja, aber eben gleichförmig. Da sucht sich die Aufmerksamkeit des Publikums schnell ein anderes Ziel.


Wolfgang Kubicki

Bleibt Wolfgang Kubicki, der alte Haudegen. Weiß selbst, dass er nur portionsweise zu genießen ist. Schlau genug, das bewusst einzusetzen: Genau so viel sagen, dass die anderen darüber diskutieren. Impulse geben, und sich dann lächelnd zurückziehen. Auch in seinem Parteitags-Auftritt wird wieder ÜBER-deutlich klar: Liebt mich oder hasst mich. Aber wagt es ja nicht, keine Meinung zu mir zu haben.

Auch wenn es ein „hauseigener“ Parteitag war: Die Botschaften sollten schon geschärft sein, um maximale Wirkung beim externen Publikum zu erzielen: Da hat der ÜBER-Schliff gefehlt, egal ob beim Thema Bildung oder dem FDP-Liebling Digitalisierung: bis September wäre empfehlenswert, diese Botschaften auf die Eindeutigkeit ihrer externen Wirkung hin zu überprüfen.


FAZIT:

Es geht ein kommunikatives Trio in den FDP Wahlkampf. So ÜBER-selbstbewusst, dass sich mancher auf dem Parteitag nach bescheidenen Tönen zwischendurch vielleicht sogar gesehnt hat. Im Medientraining würden wir die Spitzen dieser Ego-Amplituden glätten und am Gefälligen und Verbindlichen des öffentlichen FDP-Auftritts arbeiten.

Zum Nachschauen:

Der BMTD ist unabhängig, überparteilich und ausschließlich der professionellen Kommunikation verpflichtet. Die Auswahl der Interviewpartner und ihrer Zitate sowie die entsprechenden Bewertungen erfolgen ausschließlich nach den BMTD-Empfehlungen für einen erfolgreichen Auftritt und sind deswegen kein Ausdruck einer politischen Richtung.

Autorin

BMTD

Katja Schleicher

Kontakt: ks@interview-training.eu

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