VW-Chef Müller braucht zwei Interview-Anläufe


Katja Schleicher, 14.01.2016

VW-Chef im Statement-Stress beim amerikanischen Radiosender NPR

Matthias Müller, der VW-Retter in der weißen Weste, ist momentan auf „Mea Culpa“-Tour in den USA. Es steht viel auf dem Spiel für den angeschlagenen deutschen Vorzeige-Autobauer. Die Reputation ist bereits im Keller, die befürchtete Klagewelle in den USA könnte den Konzern auch wirtschaftlich auf die hinteren Plätze verweisen. Matthias Müller hatte seine Reise auch mit dem Versprechen angetreten, das Konsumenten-Vertrauen in VW zurück zu gewinnen. Schon seine offiziellen Auftritte auf der Detroiter Auto-Show waren nur mäßig dazu geeignet. Danach aber gießt Müller noch zusätzlich Öl ins Feuer und verschlimmert den Schaden an der Reputation. Nach dem Auftritt auf der Auto-Show stellt Sonari Glinton, Journalist beim amerikanischen Radiosender NPR, dem VW-Chef ad hoc ein paar Fragen. Mikro unter die Nase, los geht’s. Nichts Außergewöhnliches oder Unerwartetes.

Noch dazu ist die erste Frage eigentlich die perfekte Vorlage für ein neuerliches Schuldeingeständnis. Aber Matthias Müller ist offensichtlich wenig fokussiert, unter enormem Stress und will nichts als raus da. Und versagt doppelt: er geht in den Verteidigungs-Modus und er lügt: nein, es sei in erster Instanz ein technisches, kein ethisches Problem gewesen…, und wieso der Journalist das fragen würde… Monate, nachdem der Konzern sein ethisches Fehlverhalten bereits mehrfach eingestanden hat, rudert Müller zurück! Noch dazu in den USA, wo man reuige Sünder noch mehr liebt als in Europa…

Niemand sollte den Stress bei ad hoc-Fragen -besonders nach einem öffentlichen Auftritt- unterschätzen oder kleinreden. Besonders die Managerspezies der „angry white men“ („ich kann alles, schaff alles, mir kann keiner, wer widerspricht, fliegt“) neigt dazu… Sicher lässt sich nicht jede einzelne Interview-Situation vorab trainieren und jede Frage vorhersehen. Wie jedoch jemand unter Stress reagiert, lässt sich austesten und dann entsprechendes Gesprächsverhalten trainieren. Der Zeitaufwand ist gering im Vergleich zu dem „long tail“, das Müller mit seinem Statement auslöst:

Müllers PR-Team greift ein und gibt an, es sei während des Interviews viel zu laut gewesen, jeder hätte geschrien und darum hätte Müller vor lauter Mikrofon- und Kamera-Wald kaum die Fragen verstanden. Ob man das Interview vielleicht nochmal…?

NPR kommt dem Wunsch nach, Müller kann das Interview am nächsten Morgen nochmal führen. (Welches PR-Wunder oder Druckmittel dazu geführt hat, ist nicht bekannt, wäre jedoch höchst aufschlussreich und könnte Platz in PR-Lehrbüchern bekommen). Der Sender veröffentlicht dann beide Versionen des Gesprächs auf seiner Webseite: Interviews bei NPR

Die deutschen Medien (die die Reise des VW-Vorstandsvorsitzenden ohnehin mit Argus-Augen verfolgen, nehmen diesen Sachverhalt großflächig auf und bringen eine „Story in der Story“: die vom Ausbügel-Interview, (auszugsweise die Links zu den Artikeln in Handelsblatt, Spiegel online und Stern online),

Fazit:

„Worst Case“ -Szenarien und Stress-Situationen lassen sich in einem Medientraining kontrolliert herbeiführen und trainieren. Das psychologische Stress-Niveau läßt sich im geschützten Raum des Trainings-Setups hervorragend erhöhen, um den Sprecher Stück für Stück auf die Interview-Wirklichkeit vor Mikrofon und Kamera vorzubereiten und den härtesten Aufprall abzufedern. Eine Rückmeldung, die wir aus unseren Trainings häufig bekommen: „Ich hätte nie gedacht, dass ich unter Interview-Stress so extrem reagieren würde“. Vorab wissen nicht einmal Presse-Sprecher, was sie erwartet: cool und arrogant wie Müller oder verhuscht und zurückgezogen wie andere. Die eigene Widerstandsfähigkeit in Sachen Stress nicht vorher im Medientraining zu überprüfen und ggf. zu erhöhen, ist fahrlässig und hat gravierende Konsequenzen für Reputation, Personal und Budget.

Autorin

BMTD

Katja Schleicher

Kontakt: ks@interview-training.eu