Totale Transparenz: Von der Leyen souverän im Kreuzverhör


Juliane Hielscher, 09.02.2016

Nur im äußersten Notfall empfehlen wir, Wissen aus dem Medientraining aktiv in ein Interview einzubringen. Zu groß ist die Gefahr, als Klugscheißer dazustehen. Zu verführerisch, sich als stärker zu empfinden, als man möglicherweise ist. Manchmal allerdings ist die totale Transparenz das Mittel der Wahl - als ultima ratio. So am 7. Februar 2016 von Ursula von der Leyen am Ende der Talkrunde von Anne Will erfolgreich umgesetzt.

Es ging um den Stand der Bundeskanzlerin in der Flüchtlingskrise. Insgesamt eine muntere, aber unaufgeregte und deswegen informative Ausgabe. Gegen Ende wollte es die Talkmasterin aber dann doch noch wissen und nahm die Bundesverteidigungsministerin in die Mangel. Was, wenn Schengen versagt und Europa auseinander bricht? Macht Deutschland dann doch die Grenzen dicht?

Geschlagene siebenmal versuchte Anne Will, der Ministerin innerhalb von nicht ganz fünf Minuten ein "Ja" aus der Nase zu ziehen. Sie probierte es mit einer klaren Fragestellung, mit einer Nachfrage in anderer Form, mit Unterstellungen, mit der Aussage als Vorgabe zur Bestätigung. Doch nichts half. Selten sieht man solche Hartnäckigkeit in dennoch höflicher Form bei der fragenden Person. Noch viel seltener gibt es so souveräne, freundliche und ebenso hartnäckige Antworten wie die der Verteidigungsministerin. Sie blieb stoisch bei der Erklärung, die Bundesregierung halte an Schengen und Europa fest und nutzte die mehrfachen Nachfragen, um ihre Argumente klug zu wiederholen. Als es ihr dann beim siebten Anlauf doch zu bunt wurde, sagte sie mit einem immer noch freundlichen, bald schon amüsierten Lächeln: „Ich weiß, dass Sie gerne diese Schlagzeile hätten. Nein, das ist der falsche Weg. Wir wollen Europa zusammenhalten.“ Und damit war das Verhör beendet, und es gab Platz für einen anderen Schlussgedanken.

Drei Dinge hat Ursula von der Leyen richtig gemacht:

  1. Sie hat sich durch die sicherlich nervenden Wiederholungen nicht aus der Ruhe bringen lassen.
  2. Sie hat jede Fragewiederholung genutzt um ihre Kernbotschaft zu platzieren.
  3. Sie ist zugewandt und höflich geblieben, selbst in dem Moment als sie ihr Meta-Wissen ausgepackt und das As mit der „Schlagzeile“ aus dem Ärmel zog.

So kann man es machen! Gut vorbereitet, gut trainiert und gut umgesetzt.

 

Die Sendung sehen Sie hier in der ARD-Mediathek.

Autorin

BMTD

Juliane Hielscher

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