50 shades of dark grey


Katja Schleicher, 10.10.2016

Die zweite US-Präsidentschafts-Debatte – und was man für eigene Auftritte daraus lernen kann

Format: Townhall-Arena

Das sogenannte Townhall ist ein häufiges Format für öffentliche Debatten. Kein Pult zum Festhalten oder Verstecken, ungeschützt vom Scheitel bis zur Sohle. Großes Spektakel, es grüßt der Circus Maximus. Das Publikum ist zum Greifen nah: ein weiterer „Himmel oder Hölle-Faktor.“

Struktur
Die inhaltlich relevanten Themen, die interessant sein sollten für die amerikanische Öffentlichkeit, sind längst dem Showdown geopfert worden. Dadurch gerät Clinton ins Hintertreffen, denn inhaltlich kann sie mit ihrer Erfahrung natürlich punkten. Wodurch es noch schwieriger wird: Sie ist zwar inhaltlich Meilen voraus, ihr Kontrahent aber kaum an Inhalten interessiert. So wird ihre wahre Stärke doppelt gebrochen: durch das öffentlich und durch Trump gering gehaltene Interesse an den Dingen, die Amerika wirklich bewegen. Für Panel-Diskussionen ein Punkt, der in die Vorbesprechungen mit den Redaktionen gehört: Zu klären: Was weiß das Publikum schon? Was muss es wissen, um folgen zu können? Was will es gern wissen? Denn nicht die Schlauesten gewinnen, sondern die, die von der Mehrheit am besten verstanden werden.

Stimm-Einsatz
Auch hier verlässt sich Trump aufs Authentische: Seine Stimme hat in der Townhall-Debatte dieselbe aufgepeitschte Agitiertheit, die sie immer hat (und wirkt damit verlässlich aufs Publikum: „ja, der redet so wie immer, der macht uns auf der Bühne nix vor“). Clinton, deren Stimm-Qualitäten in kleineren Formaten viel leichter strahlen und zum Tragen kommen, wirkt stimmlich in diesen Zirkusmanegen immer forciert und metallen im Ton. Manager und Politiker, die medial stärker wahrgenommen werden wollen, sollten früh mit ihrem Team klären, in welchen „Setting“ sie am besten zur Geltung kommen. Keiner muss schließlich alles können (außer natürlich angehende US-Präsidenten).

Sprachmuster
Sich verbal mit ihrem Publikum zu verbinden, bleibt Hillary Clintons große Herausforderung: Die Neuro-Linguistin Elisabeth Wehling hat das in einem Interview mit ZEIT Campus treffend beschrieben: „Schlimmer als Hillary kann man es nicht machen. Zum Beispiel wenn sie sagt: Ich bin Politik-Expertin. Ich werde das regeln. Sie sprach im Wahlkampf lange Zeit nur von sich – und vernachlässigte damit einen Kern-Wert der Progressiven: das Miteinander. Natürlich kennt auch die progressive Moral Autoritäten, aber die müssen Rechenschaft ablegen. Statt: Ich verändere Amerika, sollte sie lieber "wir" sagen.“ Obwohl Trump sein Publikum herzlich gleichgültig ist, gelingt es ihm fast spielend, den für ihn authentischen Ton zu treffen. Elisabeth Wehling dazu: „Neben Werten überzeugt Menschen vor allem Authentizität. Trump ist ein Rowdy, aber ein authentischer.“

Körpersprache
Was Hillary Clinton an verbaler Erniedrigung durch ihren republikanischen Herausforderer hinnimmt, ist fast schon masochistisch. Ein authentisches kommunikatives Aus-dem-Hosenanzug-fahren sei ihr für den Rest der Rallye gewünscht. Körpersprachlich war ihre Vorstellung sehr passend. Trumps Rumgehampel im Hintergrund hat ihn diskreditiert und seine Unsicherheit deutlich gemacht. Gewünscht hätte man sich mehr Farb-Wärme. Das hätte in einem so dunklen Bühnen-Setup hätte auf Clintons Seite sehr wohltuend gewirkt. So blieb Trumps Krawatte der einzige Farbklecks in vielen Grau-Schattierungen. Für jede Panel-Teilnahme oder andere Art von öffentlichen Auftritt gilt: Das Outfit sollte nicht nur stimmig zur eigenen Persönlichkeit, sondern auch zur Umgebung sein. Es schwächt die Auftritts-Wirkung, wenn der schwarze Anzug im Bühnenhintergrund „absäuft“.

FAZIT:
Es war ein sado-masochistisches Show-Schlachten. Nein, auch die zweite Debatte ist kein Vorbild für überzeugende gewinnende Kommunikation. Amerika, zeig‘ uns, dass du das besser kannst. Vor und nach dem 08.November.


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Autorin

BMTD

Katja Schleicher

Kontakt: ks@interview-training.eu