Sommerinterview Bodo Ramelow, Thüringer Ministerpräsident, im „MDR Thüringen Journal“


Wie ein Ministerpräsident nicht aus der Rolle fällt - und was Goethe und Schiller mit einem Linken-Politiker gemeinsam haben.

Daniel Baumbach, 20.07.2017

Bodo Ramelow im „MDR Thüringen Journal“

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow ist einer der rhetorisch begabtesten Landespolitiker Deutschlands. Ein Sommerinterview in seinem Heimatprogramm ist für ihn eine willkommene Bühne, um seine „Thüringer Landeskinder“ zu erreichen und von seiner Sicht der Dinge zu überzeugen. Hier kann er brillieren, hier kann er aber auch Sympathien verspielen. Denn neben seiner rhetorischen Begabung hat Ramelow ein Problem mit seinem Temperament. Wenn er sich angegriffen fühlt, schlägt er schnell mal zurück. Bei Twitter oder Facebook fällt er beispielsweise regelmäßig aus seiner Landesvater-Rolle, wird dort zum gewerkschaftlichen Straßenkämpfer, der er in den 90er Jahren noch war. Und verschreckt dann meist diejenigen Wähler, die in einem „Landesvater“ einen Politiker sehen, der seiner Worte überlegt, sachlich und sympathisch formuliert, der immer Herr der rhetorischen Lage ist.

Ramelow fällt nicht aus der Rolle

Im Sommerinterview des „MDR Thüringen Journal“ ist es Ramelow diesmal geglückt, Ministerpräsident zu bleiben. Er schießt nicht übers Ziel hinaus, eröffnet kein neues Scharmützel mit der Opposition, beleidigt niemanden und ist selbst auch nicht beleidigt, als ihm die Moderatorin ständig ins Wort fällt. Ramelow steckt das weg, akzeptiert die Führungsrolle der Journalistin und beendet seine Sätze sofort, wenn sie zu sprechen anfängt. Das ist kein Zurückstecken, das ist souverän, weil er es trotzdem schafft, seine Botschaften zu platzieren. Einzig seine Stirn müsste der Linken-Politiker glätten. Seine Falten verraten die Anspannung. Die erwartet der Zuschauer bei einem solch medial-erfahrenen Politiker nicht. Andererseits zeigen die Falten, dass er das Interview ernst nimmt und es für ihn kein Tagesgeschäft ist.

Gekonnt um Aussage gedrückt

In den knapp sechs Minuten werden sechs Themen angesprochen. Bei der Gebietsreform, dem größten Regierungsvorhaben seiner Amtszeit, das zu scheitern droht, verschafft sich Ramelow Zeit. Erst nach der Sommerpause liege das schriftliche Urteil des Verfassungsgerichtes vor. Erst dann könne er mehr sagen. Das ist ein Herumdrücken um die Antwort, aber durchaus legitim. Denn als Chef der Exekutive achtet er die Entscheidung der Judikative.

Gleichzeitig betont Ramelow, dass die Gebietsreform kommen wird, wenn auch nicht unbedingt vollständig in dieser Legislaturperiode. Kein Wort dazu (und auch keine Feststellung der Journalistin), dass das ja ein Scheitern ist. Denn bis 2018 sollte die Gebietsreform unter Dach und Fach sein, bevor die Landräte neu gewählt werden. Gekonnt auch, wie Ramelow es schafft, die Reform von seiner weiteren Karriere zu entkoppeln. Er habe einen Amtseid abgelegt, und das Land müsse „zukunftsfest“ gemacht werden. Die Botschaft ist klar, hier klebt ein Ministerpräsident nicht an seinem Sessel, sondern tut selbstlos sogar Umstrittenes für das Wohl des Landes.

Gesicht wurde gewahrt

Beim zweiten großen Thema des Sommerinterviews schwächelt der Ministerpräsident allerdings ein wenig. Hier muss er erklären, warum er seine Bildungsministerin abgelöst hat. Die Linken-Politikerin gilt selbst in den eigenen Reihen als unglückliche Personalie und ist seit Monaten schwer erkrankt. Ramelow bekommt es im Interview hin, das Gesicht der Frau zu wahren. Sie habe gesagt, sie schaffe den Job nicht mehr. Kein Wort dazu, dass er sie eigentlich schon vor Monaten hätte ablösen müssen - nicht weil sie erkrankt ist, sondern weil sie dem Amt nicht gewachsen war. Er kann seine Führungsschwäche so unwidersprochen kaschieren. Allerdings schafft es der große Redner nicht, in einfachen emphatischen Worten Mitgefühl zu zeigen. Hier wirkt er durch viele Substantivierungen hölzern.

Goethe, Schiller und der Linke

Etwas unfreiwillige Komik dann, als es um den Nachfolger der Bildungsministerin geht, einen Linken-Politiker aus Mecklenburg-Vorpommern. Ob das nicht eine umstrittene Personalie sei, weil es niemand aus Thüringen sei, will die Moderatorin wissen. Ramelow antwortet mit einer Gegenfrage. „Woher kam Johann Wolfgang von Goethe, woher kam Herr Schiller? Alles Menschen, die von irgendwo kommen und als große Thüringer gelten.“

Einen Bildungspolitiker auf eine Stufe mit den berühmtesten Dichtern Deutschlands stellen? Das ist ein Schuss deutlich übers rhetorische Ziel hinaus. Aber zumindest schafft es Ministerpräsident Ramelow, sich nicht noch selbst zu Goethe und Schiller hinzuzufügen. Er kam schließlich aus Niedersachsen nach Thüringen.

Der BMTD ist unabhängig, überparteilich und ausschließlich der professionellen Kommunikation verpflichtet. Die Auswahl der Interviewpartner und ihrer Zitate sowie die entsprechenden Bewertungen erfolgen ausschließlich nach den BMTD-Empfehlungen für einen erfolgreichen Auftritt und sind deswegen kein Ausdruck einer politischen Richtung.

Autor

BMTD

Daniel Baumbach

Kontakt: medienspezialist.com

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