Provokation oder Dummheit?


Dr. Katrin Prüfig, 12.04.2016

Flughafen-Sprecher Abbou muss wegen eines kritischen Interviews gehen

Den feinen Unterschied zwischen offen und öffentlich muss nicht jeder kennen. Nur für Pressesprecher ist er existenziell. Der Pressesprecher aller Berliner Flughäfen einschließlich des Bauübungsplatzes BER (= Flughafen Berlin-Brandenburg) hat sich in einem Interview gegenüber dem „PR-Magazin“ extrem offen geäußert. Jetzt ist er seinen Job los. Was war passiert? Unter dem Titel „Alles kommt raus“ druckt das PR-Magazin ein Interview mit Daniel Abbou, seit Dezember 2015 Sprecher des BER. 

Darin Äußerungen wie: Die Berliner und Brandenburger hätten „ein Recht zu sehen, wo ihre Milliarden versenkt worden sind.“ Und Sätze wie dieser: „Glauben Sie mir, kein Politiker, kein Flughafendirektor und kein Mensch, der nicht medikamentenabhängig ist, gibt Ihnen feste Garantien für diesen Flughafen.“ Es sei „zu viel verbockt“, zu viele Milliarden seien „in den Sand gesetzt“ worden. Darüber hinaus äußert er sich kritisch über den jetzigen Flughafen-Chef Karsten Mühlenfeld und dessen versuchtem Versteckspiel mit dem Rechnungshof-Bericht.

Ich sehe den Redakteur vom PR-Magazin, der Abbou gegenübersitzt, förmlich grinsen: Da packt einer aus, wird er sich gedacht haben, den lassen wir mal schön reden…! Sonst hat man es ja häufig mit PR-Profis zu tun, deren Kernbotschaften so weichgespült sind, dass sie allein sprachlich den Stammtisch nicht streifen.

Die Frage ist, was reitet einen Pressesprecher, sich öffentlich so zu äußern? Offene Worte, Klartext, Selbstkritik und Reflektion – das gibt es klassischerweise in einem Hintergrundgespräch. Einem Gespräch „unter 3“, d.h. streng vertraulich. Die Informationen aus dem Gespräch sind nur als  persönliches Hintergrundwissen und für weitere Rechercheansätze des Journalisten gedacht und dürfen – ebenso wie die Quelle - nicht genannt werden. Ein Format, das hilfreich ist, wenn man den Kontakt zu Journalisten sucht und bestimmte Botschaften platzieren will, ohne gleich Kopf und Kragen zu riskieren. Wenn es komplexe Hintergründe zu erläutern gibt. Dann wird explizit Vertraulichkeit vereinbart.

So glücklich man Journalisten mit kernigen, offenen Aussagen macht: In einem Interview, dass zur Veröffentlichung bestimmt ist, haben sie aus Unternehmenssicht nichts zu suchen.
Der zweite, grobe Fehler (oder doch Provokation?) war, dass Abbou das Interview hätte autorisieren können, also freigeben. Spätestens da – mit Abstand zum ursprünglich Gesagten – hätte er die für ihn selbst gefährlichen Passagen erkennen und mildern können. Hat er aber nicht. Abbou ist zu lange im Geschäft, um das Risiko nicht zu kennen. Er ist für Klartext bekannt. Insofern muss man sein Interview wohl wirklich als Provokation deuten. Keine Empfehlung für den nächsten Sprecherjob.

Hier finden Sie eine verkleinerte Ansichtsversion des Interviews:

https://epaper.prmagazin.de/index.rnd?sid=1157175154;module=epaper;id=259;page=32

 

Autorin

BMTD

Dr. Katrin Prüfig

Kontakt: www.die-medientrainer.de

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