Martin Schulz bei Anne Will – 60 Minuten „best practice“


„Jetzt ist Schulz!“ steht auf einem Plakat im Willi-Brandt-Haus, als der Kanzlerkandidat und designierte, neue Parteivorsitzende dort seine Antrittsrede hält. „Jetzt ist Schulz“ – am Sonntagabend dann bei Anne Will. Eine Lehrstunde in Sachen guter Kommunikation.

Dr. Katrin Prüfig, 31.01.2017

Lektion 1 – der Blickkontakt

Martin Schulz wirkt überzeugt und überzeugend. Und das liegt unter anderem an seinem absolut konstanten, souveränen Blickkontakt zur Moderatorin bzw. zur Gesprächspartnerin im Publikum. Er ist somit „voll da“, sitzt sehr ruhig, und blickt nicht mal weg, als von seinem Abgleiten in den Alkoholismus in jungen Jahren die Rede ist. Und von seiner Tendenz zur Selbstüberschätzung.

Lektion 2 – auch mal etwas Persönliches erzählen

Schulz war 11 Jahre Bürgermeister in Würselen bei Aachen. Das sei lange her, meint Anne Will, ob er nicht die Bodenhaftung verloren habe durch die vielen Jahre bei der EU? Schulz kontert: Er wohne immer noch in Würselen. Sein Nachbar schräg gegenüber sei Feuerwehrmann, nebenan wohnt eine Familie mit kleinem Kind. Und genau diese Menschen gelte es, künftig wieder besser zu stellen. Sie ebenso wie Busfahrer, Altenpfleger, Bäckermeister und Polizisten bräuchten ein würdiges Einkommen. D.h. Schulz bringt die sehr konkreten, persönlichen Aussagen und steuert dann gezielt auf seine Kernbotschaften: mehr soziale Gerechtigkeit

Lektion 3 – Abpraller einsetzen

Schulz, der auch gern Fußballprofi geworden wäre, kann auch den rhetorischen Konter. Er habe doch gar keine Regierungserfahrung, sagt Anne Will. Hatte Barack Obama auch nicht, retourniert Schulz. So etwas fällt nicht in der Live-Situation vom Himmel, so etwas hat man am besten vorher einmal durchdacht.

Lektion 4 – Kurze Antworten

Schulz labert nicht. Er kommt konzentriert auf den Punkt, auf seinen Punkt. Nicht immer beantwortet er direkt die Fragen von Anne Will. Denn er will ja seine eigenen Kernbotschaften setzen. Und das tut er. Schnörkellos, kompakt, ohne „ähs“ und leere Phrasen.

Lektion 5 – Umgang mit Zahlen

Schulz verwendet kaum Zahlen. Aber diese hier: 10 Prozent der Wähler seien in der letzten Woche vor der Wahl noch unentschieden. 3 Prozent entscheiden sich sogar erst am Wahltag, so Schulz. Und auch an dieser Stelle beweist der SPD-Parteivorsitzende ein gutes Gespür für das richtige Maß. Zwei vergleichbare Zahlen in einer Aussage – das geht. Das ist verständlich und nachvollziehbar.

Feinschliff geht immer

An einigen Stellen verwendet der Kanzlerkandidat das Wort „versuchen“, z.B. „ich habe versucht, es präzise zu formulieren.“ Aus der Hirnforschung wissen wir, dass das Wort „versuchen“ das Scheitern schon in sich trägt. Ein schwaches Wort. Es passt gar nicht zu Martin Schulz. Und obwohl seine Ernsthaftigkeit eine seiner großen Stärken ist, dürfte er doch das eine oder andere Mal mehr lächeln. Nicht nur daheim in Würselen.

Autorin

BMTD

Dr. Katrin Prüfig

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