Klare Worte von Justin Trudeau


Katja Schleicher, 26.01.2016

Der kanadische Premier zeigt auf dem WEF in Davos und im Rest der Welt, wie öffentlicher Auftritt gelingt

Seit seiner Vereidigung im November 2105 hat der kanadische Ministerpräsident unmittelbar auf den Podien der Welt gezeigt, was einen gelungenen öffentlichen Auftritt ausmacht. Man spürt bei jeder Rede, jedem Interview, dass hier ein Vertreter einer jungen Politik-Generation am Start ist, die die Kluft zwischen Sagen und Tun so klein wie möglich halten will. An einigen Beispielen seiner Auftritte beim Davoser Weltwirtschaftsforum soll hier gezeigt werden, was dem jungen kanadischen Premierminister in den einzelnen Teilbereichen so treffend gelingt:
 

Struktur/Aufbau/Dramaturgie:

Eine große Stärke in den Reden des kanadischen Liberalen sind die Übergänge in seinen Reden, diese dramaturgischen Brücken zwischen den einzelnen Themen-Komplexen. Durch diese feine Dramaturgie zahlt jede einzelne Kernbotschaft in Inhalt und Form auf das kommunikative Gesamt-Konto ein (in Trudeaus Fall, Kanada als ausgleichende politische Kraft und modernen Staat ins Licht zu rücken). Dadurch wird das Ganze seiner Rede mehr als die Summe ihrer kommunikativen Einzelteile. Gegenteiliges lässt mit schöner Regelmäßigkeit in den Diskussionsbeiträgen deutscher Politik-Talkshows beobachten, wo es den Teilnehmern mehr darum geht, den Gegner argumentativ abzuwehren anstelle die eigenen Kernaussagen zu verdeutlichen. 

Trudeau ist außerdem auf wertschätzende Weise authentisch. Es gibt sehr wenige Spitzen-Politiker, die ihre direkten Vorgänger wertschätzend in einer ihrer ersten großen Reden erwähnen. Der noch dazu aus dem gegnerischen politischen Lager kommt. Hier zeigt sich wahre Größe. “My predecessor wanted you to know Canada for its resources. I want you to know Canadians for their resourcefulness.”
 

Körpersprache (hier bezogen auf Mimik und Gestik):

In Rhetorik-Trainings lernt man, eine „positiv-freundliche“ Grundhaltung und Ausstrahlung einzunehmen, ohne dabei ständig angestrengt zu lächeln. Justin Trudeau gelingt das scheinbar mühelos, er ist körperlich gefühlt in konstantem Dialog mit seinem Publikum: Handbewegungen, Blickkontakt, Bewegungen des Oberkörpers sorgen dafür, dass er „bei uns“ ist und nicht sein Manuskript oder der Teleprompter als Dialogpartner herhalten muss. Dagegenstellt sei hier das ängstliche Am-Zettel-Kleben vieler Wirtschaftsbosse, wenn sie vor ihren Aktionären sprechen.
 

Sprache (inklusive Betonung, Modulation der Stimme, Pausensetzung):

Justin Trudeau trifft stimmlich genau den Ton zwischen klarem Statement und Angebot ans Publikum. Den pathetisch-beschwörenden Redestil vieler nord-amerikanischer Politiker (Donald Trump ist da nur die Spitze des Eisberges) hat Trudeau sich gar nicht erst angeeignet. Er spricht „Konversations-Ton“ und begibt sich dadurch mit seinem Publikum auf Augenhöhe. Nichts an seiner Art erweckt den Anschein, seine Politik sei Zauberei oder Geheimniskrämerei und ohnehin nicht zu entschlüsseln. Als Gegenbeispiel sei hier nochmal an „…ein Teil dieser Antwort würde einen Teil der deutschen Öffentlichkeit überfordern…“ des deutschen Innenministers erinnert. Dass Trudeau den zweiten Teil seiner Rede auf Französisch, der zweiten offiziellen kanadischen Amtssprache, hält, passt wunderbar in sein Konzept von Diversität und gibt seinem Auftritt zusätzliche Leichtigkeit.

Dem kanadischen Premier gelingen einfache Wortwahl und die Kunst, Außergewöhnliches mit gewöhnlichen Worten zu sagen. Dabei beherzigt er Kurt Tucholskys wichtigste „Ratschläge für einen guten Redner“: Hauptsätze. Hauptsätze. Hauptsätze. Er spricht mit Stolz und ohne Pathos. Der Grat zwischen beidem ist sehr schmal, Trudeau geht ihn virtuos. Dadurch wird es dem Publikum möglich, seine Worte ohne viel Reibungsverlust auf sein Land, Kanada, zu übertragen.
 

Stimmungen beim Publikum, äußere Faktoren & Agenden, andere „Befindlichkeiten“:

Trudeau nutzt Themen, die ohnehin im öffentlichen Bewusstsein obenan stehen, surft auf der Agenda-Welle und setzt klare Botschaften, die im Sinne des Großen und Ganzen stehen. Damit sichert er sich zusätzliche Aufmerksamkeit der Medien und wird vielfach auch dort zitiert, wo es in erster Instanz gar nicht um WEF-Berichterstattung geht. „I will raise my sons as feminists .“ ist innerhalb weniger Tage einer der am meisten zitierten Davos-Sätze geworden.
Sehr subtil macht er darauf aufmerksam, wie elitär er die WEF-Gemeinschaft findet: “The 4th industrial revolution is not going to be successful unless we are providing real opportunities for the billions that were not able to join us this week.”

Der Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schultz von Thun spricht von „Stimmigkeit“, wenn alle Bereiche der öffentlichen Wahrnehmung so übereinstimmen, dass für das Publikum ein kongruentes Bild entsteht. Dieses Gefühl entsteht beim Publikum dann, wenn alle Teil-Bereiche ausbalanciert sind. Ist beispielsweise die Körpersprache engagiert bis agitiert, alle sprachlichen Aspekte dagegen unterkühlt und zurückgenommen, entstehen im Kopf des Zuschauers unklare Bilder. Justin Trudeau zeigt, wie sich diese Balance bei Reden und Interviews herstellen und halten lässt.
 

Fazit:

Das Fazit ist der Aufruf an alle Politiker, große und kleine Wirtschaftsbosse, deren Referenten und Pressesprecher, sich Justin Trudeaus öffentliche Auftritte und Statements anzuschauen und dann ihre eigene Identität in Interviews zu entwickeln. Immer wieder zu üben und zu verbessern. Zumindest, wenn sie beim Publikum mit authentischen, stimmigen und klugen Auftritten in Erinnerung bleiben wollen. So wie der kanadische Premier.

 

Beispiele sehen Sie hier: 

Autorin

BMTD

Katja Schleicher

Kontakt: ks@interview-training.eu

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