In der Sachlichkeit liegt die Stärke


Stefan Klager, 05.09.2016

Wie sich mit provokativen Fragen umgehen lässt

Der stellvertretende Fraktionschef der SPD im Bundestag, Hubertus Heil, im WDR-Hörfunk. Konfrontiert wurde er mit dem überraschenden Rückwärts-Salto von SPD-Chef Gabriel in Sachen TTIP. Vor knapp zwei Jahren – so der WDR-Moderator in der Anmoderation des Gesprächs mit Heil - habe Gabriel erklärt, das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA müsse klappen, sonst „werden uns unsere Kinder und Enkel für eine ängstliche und ideologische Debatte verfluchen“. Und jetzt erkläre Gabriel: TTIP ist tot!

Darauf wird Heil vorbereitet gewesen sein, und so erläutert er sachlich, faktisch, nüchtern, aber durchaus lebhaft und inhaltlich nachvollziehbar, dass sich mit den USA in drei Jahren und 14 Verhandlungsrunden nichts bewegt habe und es unrealistisch sei, dass sich bis November noch etwas bewegen wird. Man müsse nun vom totgerittenen Pferd absteigen.

Der WDR-Journalist hakt nach, stellt eine legitime, aber provokative Frage: „Bei allem Respekt: Welcher Wähler soll das [gemeint ist Gabriels Sinneswandel] ernst nehmen?“

Heil kontert ruhig; Gabriel habe schon vor längerem darauf hingewiesen, dass die Zeit ticke; er belegt dies.

Die nächste Frage wirkt wieder wie eine Provokation, denn der Moderator formuliert die These eines Kollegen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Gabriel opfert TTIP, um CETA, das Freihandelsabkommen mit Kanada, parteiintern durchzuboxen.

Heil spricht von zwei Paar Schuhen: Bei TTIP gebe es keine Annäherung, mit CETA liege ein gut verhandelter Vertrag auf dem Tisch. Es folgen nachvollziehbare Argumente.

Der WDR-Moderator zieht die Daumenschrauben weiter an und unterstellt einen Zusammenhang mit der Bundestagswahl 2017 und den aktuell anstehenden Landtagswahlen. Subtext: Gabriel vollzieht diese Kehrtwende aus wahltaktischen Gründen.

Heil hält kurz inne, wechselt die Ebene, indem er die Frage hinterfragt, um aber kurz darauf von selbst wieder auf die inhaltlich argumentative Ebene zurückzukommen. Heil wörtlich:

"Wissen Sie was? Manchmal muss man auch im Gespräch mit Journalisten als Politiker Wert darauf legen, dass wir uns für die Sache interessieren. Und Sie unterstellen in jeder Frage einen taktischen Hintergrund. Es geht für die SPD tatsächlich darum, dass wir inhaltlich unsere Maßstäbe anlegen werden an den vorliegenden Text. […] Ich finde es nicht statthaft, ständig zu unterstellen, dass Politiker […] alles, was sie machen, nur aus taktischen Gründen machen. Das finde ich unangemessen.“

Die Sprechgeschwindigkeit hat leicht zugenommen, aber die Stimme bleibt ruhig. Heil hat bewusst eine Zäsur gesetzt, pocht darauf, die Ernsthaftigkeit von Politikern nicht immer grundsätzlich in Frage zu stellen - und das zu Recht! Was macht der Journalist? Er hakt nach, setzt hier und da einen Stachel – auch das zu Recht, schließlich ist dies seine Aufgabe.

Dass Heil sich nicht provozieren lässt, sondern jede noch so stichelige Frage konsequent durch Sachlichkeit und Informationen konterkariert, ist die eigentliche Stärke des Interviews. Was bleibt, ist die Aufklärung in Sachen „Verhandlungsstand TTIP und CETA“. Was bleibt, ist, dass der Hörer nun Verständnis für den vermeintlichen Gabriel-Salto hat. Was bleibt, ist, dass Heil als authentisch und „ehrlich“ wahrgenommen wird, der in der Lage ist, seinen Standpunkt deutlich zu machen, ohne sein Gegenüber anzugreifen. Die Botschaften sind transportiert, die Sympathiewerte für Heil eher gestiegen. Das nennen wir „gelungene Kommunikation“.

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Autor

BMTD

Stefan Klager

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