Von Lampenfieber und Säbelzahntigern

oder: Warum wir uns über Nervosität vor dem Auftritt freuen sollten!


Unruhe, Lampenfieber, Adrenalinschübe – manchmal setzen sie schon ein,  wenn die Anfrage kommt, ob wir für ein Interview zur Verfügung stehen oder bei einer Veranstaltung vor Publikum eine Rede halten wollen. Andere erwischt es erst unmittelbar vor dem Auftritt: der Mund wird trocken, die Hände werden feucht. Manche Redner oder Interviewte bekommen auch hektische Flecken am Hals oder im Gesicht. Warum eigentlich reagieren wir so auf Situationen, die uns herausfordern und manchmal einfach auch fremd sind?
Ein kleiner Blick in die Evolution hilft, Anspannung und Nervosität als etwas sehr Hilfreiches und (früher zumindest) sogar Lebensrettendes zu verstehen: Unsere Vorfahren in der Steinzeit standen unter großer Anspannung, wenn sie sich zum Beispiel einer unbekannten Höhle näherten. Oder einem Gebüsch, aus dem sie ein Geräusch hörten. Sie waren innerlich vorbereitet auf den Angriff eines Säbelzahntigers oder Bärs. kämpfen oder flüchten. Für beides musste der Körper und besonders die Muskulatur in Bereitschaft gebracht werden. Muskeln brauchen zum Arbeiten als "Antriebsstoff" Adrenalin. Das wurde damals ausgeschüttet mit den von dir beschriebene Symptomen. Durch Muskelarbeit (weglaufen, draufhauen etc.) wird Adrenalin verbraucht.
Adrenalin floss in diesen Momenten durch alle Zellen des Körpers. Bein- sowie Armmuskulatur wurden besonders durchblutet. Sie waren damit zum Kämpfen gerüstet – oder auch zum Flüchten, je nach Größe des Gegenübers. Denn Muskeln brauchen Adrenalin als „Treibstoff“. Auch das Gehirn war gut mit Blut versorgt. Magen und Darm dagegen stellten vorübergehend ihre Tätigkeit ein, denn für einen Angriff oder eine Flucht wurden sie nicht gebraucht. An Essen war da nicht zu denken.

Nervosität vor dem Auftritt – ja bitte!!

Dieses Phänomen kennen wir heute noch: Lampenfieber und Aufregung verschlagen uns den Appetit, im Magen stellt sich ein flaues Gefühl ein. Adrenalin wird nicht abgebaut wie früher, als wir den Säbelzahltiger entweder im Kampf besiegten – oder durch weglaufen (und somit Bewegung) ebenfalls Adrenalin abbauen konnten. Insgesamt sind wir unruhig, schlafen schlecht, machen uns vielerlei Gedanken. Und eins ist klar: Ganz abstellen können wir die Nervosität nicht, höchstens durch Routine mildern. Aber vor allem können wir lernen, mit ihr zu leben und sie als etwas Sinnvolles zu akzeptieren.
Denn wer einem Vortrag oder einem Auftritt „entgegenfiebert“, der wird sich entsprechend vorbereiten. Der wird aktuelle Fakten und Entwicklungen zum Thema verinnerlichen, seine eigenen Aufzeichnungen noch mal durchgehen, Argumente pro und contra abwägen, gründlich recherchieren. Nervosität in diesem Fall also: ein Ansporn zur gründlichen Vorbereitung!
Ist der Zeitpunkt für den Auftritt gekommen, führt Nervosität – positiv betrachtet – dazu, dass wir auf den Punkt konzentriert sind. Wir haben keine Lust, über Urlaubserlebnisse zu sprechen. Wollen eher nicht die Anekdoten anderer hören. Sondern in erster Linie sind die Rede oder das anstehende Interview wichtig. Alles andere kann warten.
Für das Publikum ist übrigens oft nur ein Bruchteil der eigenen, gefühlten Nervosität sichtbar – auch da muss man sich also keine Sorgen machen!

Nervosität im Griff behalten

Was aber kann man tun, um vom Lampenfieber nicht gelähmt zu werden? Z.B. durch den sprichwörtlichen „Pudding in den Beinen“,  wenn sich Adrenalin stressbedingt im Körper staut, die Muskeln also übervoll davon sind. Der erste Tipp heißt: bewegen. Die Treppe nehmen, nicht den Aufzug. Im Sitzen: Beinmuskulatur im Wechsel anspannen und entspannen. Fäuste ballen und entspannen. Das reduziert das Adrenalin spürbar.
Dann ist natürlich die positive Einstellung gegenüber der Nervosität wichtig – siehe oben. Wir müssen akzeptieren, dass sie nun mal vor Auftritten dazugehört. Auch Schauspieler mit jahrzehntelanger Bühnenerfahrung berichten davon, dass sie immer noch Lampenfieber haben – und dass dieses Lampenfieber sie zu Höchstleistungen antreibt.
Außerdem hilft vielen die Erkenntnis, dass sie ja zu ihren eigenen Themen befragt werden oder sprechen, und nicht etwa ein Mediziner zum neuen Raumfahrt-Programm der NASA, und der Chef eines Maschinenbau-Unternehmens nicht zum Thema Herzchirurgie. Ganz wichtig: Wir sind EXPERTEN auf dem Gebiet, zu dem wir sprechen! Wir können das! Es sind UNSERE Themen! Kein Grund zur Panik also.
Auch mit unserer Atemtechnik können wir Lampenfieber abbauen. Allerdings nicht durch den oft gehörten Ratschlag „atmen Sie tief ein und aus“. Nein, das würde im Körper nur zusätzlichen Stress schaffen. So geht es richtig: Lassen Sie den Atem entspannt einfließen und zwar bis in den Bauchraum hinein. Der Bauch darf sich dabei durchaus heben. Und dann atmen Sie druckvoll und zügig aus. Das Ganze drei Mal, kurze Pause mit normaler Atmung, dann wieder drei Mal. Und immer dann, wenn der nächste Adrenalinschub kommt.
Stress- und nervositätsmindernd ist es darüber hinaus, wenn wir dem Anlass entsprechende Kleidung tragen, von der wir wissen, dass  wir uns darin WOHL fühlen! Vor einem Auftritt möglichst keine Experimente aus dem Kleiderschrank zaubern. Und auch keine aus dem Schuhschrank! Es mag banal klingen, aber gut sitzende, nicht drückende Schuhe können ungemein entspannend sein – gerade wenn der Tag insgesamt sehr spannungsreich wird.
Professionelle Redner nutzen außerdem die Zeit vor dem Auftritt, um sich mit dem Ort, dem Mikrofon, den Rahmenbedingungen also, vertraut zu machen. Kommt ein Kamerateam, ist es hilfreich, mit dem Reporter offene Fragen zu klären, sich aber durchaus auch ein wenig für die Technik zu interessieren. Also: Wie soll ich stehen oder sitzen? Wie sieht der Hintergrund aus? Und durchaus auch den Rat des Kameramanns mit einzubeziehen, z.B. mit einer Frage wie: Sitzt die Krawatte richtig?
Kurzum: Alles, was die Unruhe erhöht und den Stress steigert, sollten wir nach Möglichkeit ausschalten bzw. von vornherein außen vor lassen.

Was tun beim Blackout?

Trotzdem gibt es Momente vor der Kamera oder vor Live-Publikum, da ist der Kopf einfach leer. Was wollte ich sagen? Wie geht es weiter? Wo war mein roter Faden? Keine Ahnung. Ein Blackout. Der KANN mit Nervosität zusammen hängen, tritt aber auch in relativ entspannten Situationen auf. Was tun?
Ein Blackout ist eine Art Blockade im Gehirn. Wir können sie auf zweierlei Weise lösen:
Erstens indem wir uns bewegen. Das Gewicht von einem Bein auf das andere verlagern. Einen Schritt vor oder zurück machen. Im Sitzen die Position wechseln. Manchmal auch einfach, indem wir nach unten schauen oder mal zur Seite. Bewegung lockert Blockaden – und löst den Blackout.
Zweitens indem wir einen schon gesagten Satz wiederholen. Entweder unsere Kernthese, so als wollten wir sie dem Publikum nochmal in Erinnerung rufen. Oder sogar den Titel der gesamten Veranstaltung. Oder den zuletzt gesagten Satz, an den wir uns noch erinnern. Also einfach auch sprachlich in Bewegung bleiben. Auch das löst den Blackout – und sehr wahrscheinlich sogar, ohne dass das Publikum etwas bemerkt.
Und noch ein persönlicher Tipp: Ich stelle mir – wenn das Adrenalin kreist – einfach schon vor, wie ich mich NACH dem Auftritt wohl fühlen werde. Wenn die Anspannung abfällt und es (ganz sicher!) alles gutgegangen ist.

Autorin

BMTD

Dr. Katrin Prüfig

Kontakt: www.die-medientrainer.de



Hier finden Sie den Text dieser Seite zum Herunterladen und Ausdrucken.

Download
(PDF 299KB)