Blog-Archiv


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Stefan Korol, 20.10.2015

Tilman Mayer, Politikwissenschaftler, in den Tagesthemen zum Attentat auf Henriette Reker, Kandidaten für das Amt des Kölner OB


Wissenschaft und Medien – ein schwieriges Thema. Wer forscht, ist Experte, weiß über ein Thema alles. Wer Fernsehen schaut, ist Laie, weiß über Vieles wenig. Diese Kombination geht selten gut – und eben auch nicht in den Tagesthemen am vergangenen Samstag.
Henriette Reker, Kandidatin für das Amt des Kölner OB, wird niedergestochen – klar suchen die Journalisten jetzt nach einem Experten, der Theorien und Vermutungen für die Gründe liefern kann. Ob ein Politikwissenschaftler wie Tilmann Mayer dafür der Richtige ist – nicht wichtig. Wichtig ist: Wer als Experte befragt wird, muss als Experte auftreten. Und das gelingt Mayer leider gar nicht. Weder inhaltlich noch sprachlich bietet er dem Zuschauer (und der Redaktion) einen Mehrwert.

Okay, für die Frage des Moderators „Können die Aktionen von Pegida den Attentäter zu seiner Tat motiviert haben?“ ist ein Politikwissenschaftler nicht der richtige Ansprechpartner. Dennoch muss der Interviewpartner mehr liefern als eine Bestätigung dieser Vermutung. Aber davon ist bei Mayer nichts zu hören:
„Ja, nach allem, was wir wissen, kann es hier ja auch eine psychisch-soziale prekäre Existenz sein, die hier zur Tat geschritten ist. Er war wohl motiviert worden - insofern wirkt natürlich die Tat auf die Pegida-Bewegung zurück, die sich dann hier auch fragen lassen muss, inwieweit sie hier auch Verantwortung übernehmen muss.“
So so. Aber diese Vermutung ist sicher schon an den Stammtischen geäußert worden, einen Politikwissenschaftler hätte es dafür nicht gebraucht.

Die zweite Frage betrifft dann Mayers Fachgebiet – aber leider patzt er auch hier: „Im Vergleich zu vor einem Jahr – was ist anders?“
Mayer: „Nun, man muss schon sehen, dass das Sein das Bewusstsein ein wenig bestimmt, das heißt, der Flüchtlingsstrom in diesem Ausmaß und in der doch an sich geringen Beherrschbarkeit, die sich zeigt, das beunruhigt schon die Bevölkerung insgesamt, bei allem guten Willen, hier zu helfen. Und insofern entsteht hier schon ein gewisser Stressfaktor, könnte man sagen.“

Die journalistische Übersetzung dafür lautet: „Die vielen Flüchtlinge machen der Bevölkerung Angst. Auch deswegen, weil man den Eindruck hat, dass die Regierung diese Flüchtlingswelle nicht in den Griff kriegt.“ Ach so. Aber neu ist das auch nicht gerade.

Auch die beiden weiteren Fragen und Antworten zeigen: Der Moderator stellt in seinen Fragen Theorien auf, die der Experte in den Antworten bestätigt. Inhaltlich sagt Mayer: „Ja, sehe ich auch so.“ Formal hängt er (offensichtlich spontane) Gedanken aneinander. Heraus kommt ein einziger, dafür langer Schlangensatz mit vielen Einschüben, ohne Pausen und ohne klare Botschaft.

Und da beklagen sich die Wissenschaftler, dass sich keine Sau für sie und ihre Arbeit interessiert.

Dr. Katrin Prüfig, 28.09.2015

Wie Theologe Friedrich Schorlemmer beim Thema Flüchtlingspolitik überzeugt

Radio – geht ins Ohr, bleibt im Kopf! Mit diesem Slogan wirbt das öffentlich-rechtliche Radio sehr bildhaft um Hörer. Nicht immer hält der Slogan, was er verspricht. Denn was Politiker und Verbandsfunktionäre auf den Infokanälen der Republik in Interviews so wegnuscheln, geht glatt am Ohr vorbei. Phrasen, tausendmal gehört. Da bleibt nichts.

Ganz anders das Interview, das der evangelische Theologe und DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer dem Inforadio des NDR vor kurzem gab. Thema: Flüchtlinge, Grenzkontrollen, Willkommenskultur.

Schorlemmer – so hat man den Eindruck - beantwortet alle Fragen aus tiefstem Herzen. Das ist nicht immer geschliffen, das ein oder andere „ähm“ schleicht sich ein, mitunter zögert er vor dem nächsten Satz. Manche Antworten geraten zu lang. Es ist also nach rein formalen Kriterien kein perfektes Interview.

Und dennoch unterbricht ihn der Moderator nicht, ist offenbar selbst gefangen vom leidenschaftlichen Plädoyer eines Mannes, der selbst „27 Jahre lang eingemauert“ war. Was tut Schorlemmer – auch dem Bauch heraus? Er argumentiert mit Leidenschaft dafür, die Flüchtlingsströme zu begrenzen. Er redet Klartext – und verleiht seinen Botschaften stimmlich Nachdruck. Und: Er liefert keine verbalen Nebelkerzen, sondern Schlagzeilen. Schlagzeilen wie diese:

„Wir lösen ein Problem. Und wir schaffen ein Problem!“ (Wenn die Grenzen offen blieben und alle, die wollten, nach Deutschland dürften.)

„Wir dürfen die Flüchtlinge nicht in Gegenden bringen, wo keine Hoffnung ist. Gegenden, wo viel Hoffnung ist, die müssen die Menschen aufnehmen!“ (Zur Frage, wo die Flüchtlinge denn am besten untergebracht werden sollen.)

Und – zur Bemerkung des Bundespräsidenten über „Dunkeldeutschland“ (= das fremdenfeindliche Deutschland): „Das dunkle und das helle Deutschland leben Wand an Wand!“

Schorlemmer fasst hier komplexe Sachverhalte in einfache, eindringliche Worte. Die bildhafte Sprache fesselt genauso, wie der Nachdruck, mit dem er die Dinge sagt. Nichts klingt, als hätten es ihm andere diktiert. Nichts erweckt den Eindruck, als habe er es schon hundertfach gesagt. Schorlemmer fesselt mit authentischer, leidenschaftlicher Kommunikation. Geht ins Ohr. Bleibt im Kopf.

Kathrin Adamski, 23.09.2015

VW-Chef Winterkorn mit abgelesenen Phrasen statt echter Emotionen

„Wenn Du es nicht fühlst, Du kannst es nicht erjagen“, das wusste schon Goethes Faust. Was er damit meinte? Du wirst niemanden mit logischen Argumenten oder einer ausgefeilten glatten Rhetorik überzeugen können, wenn Du nicht wirklich fühlst, was Du sagst.

Und genau das ist Volkswagen Vorstandschef Martin Winterkorn in seiner „Entschuldigungsansprache“ für den Abgas-Skandal passiert. Ein Videostatement, das der Anfang seiner „Image-Rettungsaktion“ sein sollte. Ein Videostatement, bei dem man ja bekanntlich weiß, es spricht mehr Sinne an als ein Zitat in einer Pressemitteilung. Gute Idee – wenn es denn gut umgesetzt wird. In diesem Fall geht es daneben. Denn sein Statement liest Winterkorn ab. Man sieht es an den Augenbewegungen, die einen ungeübten Teleprompterleser verraten. Seine betroffene, entschuldigende, etwas kleinlaute Wortwahl bleibt in den Silben hängen, tropft von seiner Krawatte herunter – und landet im kommunikativen Nirgendwo.

Was passiert bei uns, den Zuschauern? Wie nehmen ihm die Entschuldigung und Betroffenheit nicht ab. Warum? Weil seine Mimik keine Regung zeigt, weil er nur darauf konzentriert ist, seinen Redetext fehlerfrei rüberzubringen. Da spiegeln sich keine Emotionen in seinem Gesicht. Idiomotorische Effekte nennt man solche kleinsten Muskelbewegungen, die für unterschiedliche Gesichtsausdrücke sorgen und die niemand bewusst steuern kann. Sie „geschehen“ und sie richten sich nach Bildern, die wir entweder vor dem realen oder auch nur dem geistigen Auge sehen. Sie richten sich im besten Fall sogar nach Gefühlen und unserer inneren Haltung, die wir zu einem Thema haben.

Diese idiomotorischen Effekte bieten uns als Zuschauern Resonanzpunkte, lassen uns „mitfühlen“. Bei Herrn Winterkorn haben wir keine Resonanzpunkte, können Betroffenheit nicht nachvollziehen, empfinden die Entschuldigung als Phrase. Und im Stillen könnte der Zuschauer denken, dass Winterkorn vermutlich mehr damit beschäftigt ist, über seine eigene Zukunft nachzudenken als über die der Marke VW.

Fazit: Wer sich proaktiv in Bewegtbildern präsentiert, dann bitte mit wirklichen Gefühlen, ohne vorgeschriebene, abgelesene Texte und mit mehr Mimik, die für echte Emotionen steht.

Das Video zum Blogbeitrag finden Sie auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=_3ZdBvRiCTk

Katja Schleicher, 01.09.2015

Ob Unternehmer, Promi oder Hochleistungssportler: Irgendwann kommt der Moment, wo sie sich alle mehr oder minder freiwillig den Fragen der Journalisten stellen. Die ersten Statements von Medien-Newbies kommen oft unverhofft oder unerwartet, haften aber in Zeiten des Internets besonders hartnäckig. Begleitet von der Neugier der Journalisten und deren Wunsch, nichts verpassen zu können/dürfen. Wer weiß, vielleicht erlebt man hier sogar den Anfang einer großen Legende mit?
Genauso wichtig: erste Interviews/ Statements werden häufig als Referenz für künftige herangezogen. Sie dienen Redakteuren als Benchmark: Kann man sie oder ihn wieder mal befragen? Zu welchen Themen und in welcher Rolle?

Einige Beispiele von medialen Premieren, von denen es unzählige gibt – von geglückt bis gescheitert: Die kanadische Tennisspielerin Eugenie Bouchard erlebt mit 17 ihren ersten Medienhype. Toller Return, tolle Beine, die Presse ist voll des Lobes. Sie selbst sagt damals von sich: “I’m expecting great things from me”. Dann verweigert sie nach einer Niederlage der Konkurrentin den Handschlag. In der darauf folgenden Pressekonferenz pampt sie den Journalisten, der dazu eine Frage stellt, an: "Ich bin nur hier um zu gewinnen." Als die Karriere danach nicht mehr so steil nach oben geht, berichtet die Presse auch darüber. Fast jeder Artikel verweist auf jene Äußerung auf der Pressekonferenz in 2013. Kein Wunder, dass die Kameras bei den US Open Anfang September auf sie gerichtet sein werden.

Jazmin Grimaldi ist 18, als die Öffentlichkeit erfährt, dass sie die uneheliche Tochter von Albert von Monaco ist. Nach dem Outing herrscht zwei Jahre mediale Stille. Erst diesen Sommer, nach ordentlicher Vorbereitung, gibt es ein gut gedachtes und gemachtes Interview (glamouröse Fotostrecke inklusive) bei Harpers Bazaar.

VLogger Florian Mund (alias Le Floid) ist bei der deutschen Youtube-Generation Kult. Deshalb soll er die Kanzlerin interviewen, was so mittelmäßig gelingt. Seit seinem ersten Zusammentreffen mit dem klassischen Medium TV bei Markus Lanz Mitte August sieht er sich mit Kritik zu seiner Merkel-Befragung konfrontiert und wirkt dabei eher blässlich und wenig souverän. Bei ihm ganz besonders ärgerlich, weil jetzt bei der klassischen TV-Generation der Eindruck entsteht, dass diese jungen Formate nicht ernst zu nehmen sind.

Wie klappt es mit dem ersten Statement oder großen Interview? Zu Beginn kommt es auf einfache Dinge an: Wie gelingt Sympathie vor der Kamera? Wie gestalte ich meine Botschaft?
Sind die Umstände bei einem Zeitungs-Interview noch halbwegs beeinflussbar, werden ausnahmslos alle Interview-Neulinge spätestens dann nervös, wenn es ins Studio geht: Maske, Licht, Kamera, Moderator & Mikrofon… Wer die „großen Unbekannten“ in einem Training schon mal erlebt hat, wird es da leichter haben. Die Labor-Situation des Trainings ist gut geeignet heraus zu finden, ob die eigene Botschaft schon tragfähig und öffentlichkeitsrelevant ist.
Auch der Umgang mit Lampenfieber und Angst vor dem „ersten Mal“ kann einem mit wenig Trainings-Aufwand genommen werden. Damit wird ein positiver „Primär-Imprint“ (der Vermittlung des Gefühls von „ach so geht das“, „gar nicht so schlimm“) erreicht. Gelingt das gut, ist der Weg geebnet für positive Assoziationen für den zukünftigen Umgang mit Medien. Damit die jungen Stars Stück für Stück Interview- und Kamerapersönlichkeit entwickeln. Und Journalisten sie beim nächsten Mal gern wieder zum Interview anfragen.

Fazit:

Medien-Training hilft vorausschauend zu denken. Weil eben nicht nur der erste Aufschlag zählt, sondern der Match-Gewinn. Vorbereitung ist hier einmal mehr die Mutter der-Botschaft-Porzellankiste... Falsch gesetzt, gibt es oft später einen Scherbenhaufen. Im Vergleich zu den Kosten und Mühen, die PR-Abteilungen nach einem image-schädigenden Interview haben, sind ein oder zwei Medien-Trainingstage eine sinnvolle Investition. Unternehmen und Sportverbände sollten früh dafür sorgen, das Medientraining integraler Teil der Nachwuchs-Förderung ist. Im Sport-Bereich ist das besonders einfach umzusetzen: schließlich ist Medientraining auch ein Training - nur in einer anderen Disziplin!

Stefan Korol, 06.06.2015

Hans-Olaf Henkel im Radio-Interview, 21. Mai WDR 5 

Über mangelnde mediale Aufmerksamkeit musste sich Hans-Olaf Henkel noch nie beklagen. Egal ob früher, als Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, oder jetzt als AfD-Gründer und Mitglied: Henkel ist oft zu sehen und zu hören. Klar, wer eine Funktion, Position hat, gibt häufig Interviews. Aber entscheidender bei Henkel sind Verständlichkeit (kurze Sätze, einfache Worte) und die Verlässlichkeit, mit der er Meinung sagt und macht. Über die Inhalte seiner Interviews und Sätze kann man streiten – darüber, dass er es versteht, strategisch, geplant und dramaturgisch zu sprechen, nicht. Das hat er auch in diesem Radio-Interview in der WDR 5-Sendung „Morgenecho“ bewiesen. Henkel und andere AfD-Mitglieder haben die Aktion „Weckruf 2015“ gestartet; die Querelen in der AfD sollen damit beendet, die Partei soll aus der rechten Ecke geholt werden. Beispiele, Auszüge:

Eingangsfrage:
„Sie sind aus Protest gegen den Rechtsruck in der Partei zurückgetreten – man hat den Eindruck, dass Sie in der Partei keine Mehrheit haben.“ 

Henkel:
- „Das ist die mediale Darstellung.“ (Das ist eine Schuldzuweisung an die Medien – aber sachlich, fast wissenschaftlich formuliert. Inhaltlich wehrt er den Vorwurf ab.)
- „Ich darf daran erinnern…“ (er verweist auf die Zustimmung der AfD zum Ein-Personen-Vorstand – und das ist unbestreitbarer Fakt, da können wir nur zustimmend nicken….)
- „Dann ist was Interessantes passiert…“ (Jetzt kommt seine Meinung – aber spannend angeteasert mit diesem Einleitungssatz.)
- „Und das ist die Ursache der ganzen Sache (Das ist zwar auch Meinung – aber folgt der inneren Logik dieser Antwort.)

Übertrieben formuliert: Diese Antwort hat eine dramaturgische Struktur. Ein „normaler“ Interviewpartner formuliert Info an Info – Henkel nennt nur zu Anfang Infos (die wir zudem schon wissen und damit bestätigen); es folgt seine Meinung, die aber logisch zu den genannten Infos passt – und auch da nicken wir. Zufall? Natürlich nicht:

Frage, konfrontativ: „Frau Petry ist ja mit ihrem Aufstand wohl sehr erfolgreich, sonst müssten Sie ja nicht zur jetzigen Aktion „Weckruf 2015“ aufrufen…

Henkel: „Das ist völlig richtig.“ Was – der stimmt der Formulierung zu? Ja. Beruhigt die Interviewerin. Zeigt sich einsichtig. Gibt den Verlierer. Um dann mit vollem Elan seine Attacke gegen Frau Petra zu fahren: „Frau Petry hat die AfD in eine tiefe Krise gestürzt…. Erst nachdem sie Unterstützung aus dem Landesverband hat, greift sie nach dem Parteivorsitz…. Frau Petry hat keine politische Richtung, sie steht nur für sich selbst.“

Frage: „Sie tarnen das als „Aktion“. Aber wollen Sie nicht eine neue Partei gründen?“

Henkel: „Überhaupt nicht!“ Klare An-bzw. Absage. „Das ist die Behauptung von Frau Petry – aber diese Behauptung ist durch nichts bewiesen.“ Es folgen Fakten – unbestreitbar:
- „Man kann der Aktion auch als nicht-AfD-Mitglied beitreten“
- „Viele, die wegen des Rechtsrucks aus AfD raus sind, sind jetzt wieder dabei.“
- „Wir hatten mit 100 Eintritten gerechnet – innerhalb von 24 Stunden sind es schon 2.000.“ Und dann noch eine weitere klare Ansage: „Ex-NPDler haben in der AfD nichts zu suchen, diese Leute haben ganz klar eine rote Linie überschritten!“

Zwischendurch rhetorische Elemente, die die Interviewerin und die Hörer mit ins Interview ziehen: „Sie haben doch Frau Petry selber interviewt“ / „Die Hörer werden sich noch dran erinnern“ / „Ich denke, da werden mit die Hörer zustimmen“

Und zum Schluss noch ein schönes Wortspiel:

„Frau Petry benutzt sehr oft das Wort „integrativ“. Mir fällt zu ihr ein ähnliches, aber ganz anderes Wort ein: Ich halte sie für intrigant.“

Man muss Henkel, seine Meinung und seine Taten nicht mögen. Aber wer in Radio und Fernsehen „gut rüberkommen“ will, kann viel von ihm lernen. Das gilt vor allem für diejenigen Befragten, die noch glauben, mit harmonisch formulierten einerseits-andererseits Antworten die Aufmerksamkeit der Journalisten und die Sympathie von Lesern, Hörern und Zuschauer zu gewinnen. Sie haben die heutige Medienwelt (noch) nicht verstanden.

Ich formuliere etwas, was ich denke, aber eigentlich nicht hätte sagen sollen – das wird gerne als Freud´scher Versprecher bezeichnet. Da bricht sich etwas aus den Tiefen des Empfindens Bahn und sprudelt heraus, bevor mir klar wird, dass es wenig diplomatisch war oder nicht politisch korrekt ist. Meist geschieht dies im Affekt. Und gerade deswegen ist oft die Reaktion der anderen: Interessant, so denkt der also wirklich, aber… Schwamm drüber.

Stefan Klager, 12.05.2015

Was aber, wenn einer Bundesbehörde ein solcher Fauxpas passiert und hier sogar nicht entschuldigend von einem Affekt die Rede sein kann, weil diese Freud´sche Fehlleistung schriftlich fixiert ist?!

Nehmen wir zum Beispiel die Minijob-Zentrale. In einem offiziellen Standard-Schreiben heißt es: „Sofern Sie keine geringfügigen Arbeitnehmer mehr beschäftigen, teilen Sie uns dies bitte mit.“ Ich lese zweimal, dreimal – und traue meinen Augen nicht. Steht da wirklich etwas von „geringfügigen Arbeitnehmern“?

Ein Adjektiv beschreibt – so lernt man es hoffentlich auch heute noch in der Schule – das nachfolgende Bezugswort näher. Die Beschäftigung des Arbeitnehmers ist geringfügig, aber doch nicht der Arbeitnehmer selbst. Ich unterstelle, dass dies auch gemeint ist, aber warum wird es dann nicht so geschrieben? Ein Freud´scher Verschreiber? Hält die Bundesbehörde die Minijobber für geringfügiges Klientel? Wohl kaum, aber dann bitte auch nicht so formulieren! Und schon gar nicht in einem offiziellen, standardisierten Schreiben, das vermutlich täglich in hoher Auflage verschickt wird!

Der Duden definiert „geringfügig“ mit unbedeutend, nicht ins Gewicht fallend, belanglos. So gesehen ist sogar die allseits übliche Formulierung „geringfügige Beschäftigung“ politisch nicht korrekt und verbietet sich.

Warum Funktionen und Titel mitunter deutlich gekürzt werden müssen

Dr. Katrin Prüfig, 25.02.2015

Die Europäische Union ist nicht nur ein Hort überbordender Bürokratie und Regulierungswut, sondern mitunter ein echtes Kuriositäten-Kabinett:

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat einen Kommissar ernannt, der sich darum kümmern soll, dass die EU nicht zu viele nutzlose oder nebensächliche Vorschriften produziert. Dieser Kommissar soll also vereinfachen, verschlanken, die EU weniger abgehoben wirken lassen.

Und wie heißt dieser neue Posten, Junckers rechte Hand? „Erster Vizepräsident und EU-Kommissar für Bessere Rechtssetzung, interinstitutionelle Beziehungen, Rechtsstaatlichkeit und Grundrechtecharta in der EU-Kommission“. Total einfach und schlank, oder?

Als Erster darf diesen Titel der niederländische Politiker und frühere Außenminister Franciscus Cornelis Gerardus Maria Timmermans tragen. Puh. Schöner Name – langer Name. Wenn Herr Timmermans ein Fernsehinterview gibt und sein vollständiger Name eingeblendet wird, wäre der mindestens zweizeilig. Redakteure finden das gar nicht schön. Aber Herr Timmermans hat schon ganze Arbeit geleistet – und seine diversen Vornamen auf Frans reduziert. Das passt.

Bleibt seine sperrige Funktion. Stellen Sie sich mal die Anmoderation im Radio vor „Und nun spreche ich mit Frans Timmermanns, Erster Vizepräsident……usw.“ Da bleibt doch kaum ein Hörer dran! Die Presse hat sein Amt deshalb längst reduziert auf „Dr. No“. Weil er „Nein“ sagen soll zu ausufernden Gesetzen und Regularien. Einen Versuch, die Darreichung von Olivenöl an Restauranttischen gesetzlich zu regeln und auf bestimmte Karaffen zu beschränken, konnte er gerade noch verhindern.

Übersetzungsversuche: EU-Verschlankungskommissar vielleicht? Klingt zu sehr nach Frühjahrsdiät. EU-Vermeidungskommissar? Auch nicht toll. Also Dr. No.

Was heißt das nun für Ihren Medienauftritt, wenn Sie „Deputy President and Managing Director Supplies and Sales for Central and Eastern Europe“ sind oder verantwortlich für „Marketing and Communication Regional Managers D-A-CH and Middle East“? Dann sind Sie gut beraten, ihre Funktion im Kontakt mit Journalisten in einfaches Deutsch zu übersetzen und zu verschlanken. Sonst macht sich der Journalist ans Werk. Und heraus kommt vielleicht Mr. X…

Was Formulierungen mit Imagegewinn zu tun haben

Stefan Klager, 30.01.2015

Er taucht immer und überall auf: Der amtierende Außenminister Frank-Walter Steinmeier, ein gefragter Mann. Auch diesmal wieder: Der neue griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras, der als pro-russisch gilt, musste auf Kurs gebracht werden. Denn es ging in Brüssel mal wieder um Einigkeit mit Blick auf EU-Sanktionen gegen Russland. Die News des Tages war: Tsipras unterstützt die Sanktionen. Das, was der deutsche Außenminister in die internationalen Mikrofone im Originalton sagte, war dieser Satz:

"Jedenfalls ist es am Ende und… ähm… nach... ähm… einer Diskussion über Formulierungen, die dann am Ende von allen akzeptiert werden konnten, gelungen, den griechischen Kollegen davon zu überzeugen, den jetzt vorgelegten Text, der Ihnen jetzt gleich zugeht, mitzutragen.“

Ein Satz, der sich wie Kaugummi zieht. Die Stimme geht am Ende des zitierten Statements nach oben, was heißt, dass der Satz bei der Pressekonferenz sogar noch in die Verlängerung ging. Der O-Ton wird in dem Tageschau-Beitrag an der Stelle abgeschnitten, der Zuschauer mit weiteren unwichtigen Details verschont. Sendezeit: 21 Sekunden – immerhin fast 25 Prozent der Länge eines durchschnittlichen Tagesschaubeitrags. Sendezeit, die überzeugender hätte genutzt werden können. Nun muss Herr Steinmeier nicht um mediale Aufmerksamkeit buhlen - die ist ihm qua seines Amtes sicher. Dennoch sollte er das Wesentliche auf den Punkt bringen. Aus inhaltlichen und eigennützigen Gründen – und dies gilt für jeden, der Gehör haben und mit seinen Botschaften ankommen möchte. Nach dem oben zitierten Satz, bleibt bei jedem Zuhörer und Zuschauer hängen: Oh je, wie langwierig und wie langweilig! Und das, obwohl die Botschaft eine wichtige war: Der selbst ernannte Quertreiber in der EU hat in seiner ersten politischen Entscheidung auf EU-Ebene Schulterschluss bewiesen. 1:0 für die EU. Genau das wäre die Botschaft gewesen, die Steinmeier hätte transportieren müssen. Und zwar gut gelaunt. Stattdessen formuliert er fahrig, pomadig und wirkt gelangweilt.

Wie es besser geht, beweist in der gleichen Tagesschau-Sendung der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz. Er spricht Klartext, wie die EU gedenke, mit Tsipras umzugehen:

"Die große Gefahr ist dabei, dass man ihm Versprechungen macht, die man nicht halten kann. Eine Versprechung, die man nicht halten kann, ist, dass man sagt: „Wir geben euch Geld.“, aber man hat das Geld nicht und hofft darauf, man bekommt es von anderen. Da genau lag eine gewisse Befürchtung und liegt auch immer noch eine gewisse Befürchtung.“

Auf den Punkt formuliert – in 16 Sekunden! Anschaulich. Verständlich. Nachvollziehbar. Was „hängenbleibt“ ist: Der Mann weiß, wovon er spricht; er ist kompetent. Imagegewinn!

Ergo: Nicht drumherum reden, sondern geradlinig. Botschaften klar verständlich formulieren. Aktiv und kraftvoll sprechen. So kommen die Botschaften an. Das eigene Image profitiert ganz nebenbei.

Wenn Fremdworte zu Stolperfallen werden

Kathrin Adamski, 26.01.2015

Maybritt Illner am Donnerstag dem 22.1.2015. Es geht um das Thema Islam: „Mord im Namen Allahs – woher kommen Hass und Terror?“. Unter den Diskutanten auch der bekennende Atheist und ehemalige Lehrer Jürgen Trittin und Julia Glöckner, die stellv. Parteivorsitzende der CDU. In der Diskussion geht es auch um die mediale Darstellung von Gewalt durch radikalisierte Islamisten. Julia Glöckner will den Vergleich zwischen biblischen Bestrafungsbildern und den Bildern und Geschichten des Koran herstellen:

„Wenn man eine Synapse zwischen den Bildern aus dem Alten Testament und dem Koran herstellt…“ Gelächter im Publikum. Jürgen Trittin korrigiert: „Synopse, Frau Glöckner, Synopse…“ „Danke Herr Lehrer…“ Frau Glöckner ärgert sich sichtbar über die Betonung ihres verbalen Fauxpas und versucht, schnell von sich abzulenken. Denn nichts ist peinlicher als solch ein Fremdwort wählen zu wollen und dann die falschen Synapsen (Kontaktstelle zwischen Nerven- und anderen Zellen) zu verschalten und das falsche Fremdwort aus den Hirnwindungen zu zaubern.

Und wir als Zuschauer freuen uns darüber. Nicht weil wir gemein sind, sondern weil wir froh sind, dass auch andere über das Fremdwort Synopse stolpern. Und sogar die, die es selbst verwenden wollen. Das gibt uns in dem Fall Zeit, das Fremdwort Synapse oder Synopse zu verarbeiten.

Doch das ist nicht immer der Fall. Fremdworte sind auch gefährlich für die Aufmerksamkeit. Man stelle sich das so vor: Der Zuschauer hängt dem „Sprecher“ auf dem Bildschirm immer einen Moment hinterher, bis er verarbeitet und verstanden hat, was da gerade erzählt wurde. So lange der Sprecher in einfachen, kurzen Satzstrukturen spricht und einfache, dem Zuschauer geläufige Worte verwendet, kann der Zuschauer ohne Anstrengung folgen. Fällt ein Fremdwort, stellt man sich das am besten vor wie einen großen Felsbrocken, der dem Zuschauer plötzlich vor die Füße geworfen wird. Der Zuschauer muss den Felsbrocken „bezwingen“. Entweder muss er drübersteigen, drum herum gehen oder ihn aus dem Weg räumen. Sprich – er muss über das Fremdwort nachdenken, es ggf. herleiten oder zerlegen. Das braucht Zeit. Und während er das tut, geht die Geschichte des Sprechers weiter. Allerdings ist der Zuschauer da schon „raus“. Die Lücke zwischen Sprecher und Zuschauer wird größer, die Aufmerksamkeit sinkt. Ulrich Schwinges hat diesen Zusammenhang in seinem Buch „Das journalistische Interview“ so dargestellt:

Und Frau Glöckner zeigt uns auch noch, welche Gefahr in der Nutzung von Fremdworten für den Interviewgast liegt. In stressigen Momenten hat der Interviewte nicht immer die volle Kontrolle über seine Synapsen. Da kann es schon mal zu Fehlschaltungen im Gehirn kommen. Und um die zu vermeiden, ist es empfehlenswert – besonders in Situationen, die man nicht immer mit vollem Bewusstsein kontrollieren kann - einfache, alltägliche Worte zu verwenden. Warum die Synopse ziehen, wenn es die Gegenüberstellung oder der einfache Vergleich auch tut. Das kommunikative Ergebnis wäre sicher vergleichbar, oder sollte man besser sagen synoptisch?

Im Interview stellen die Journalisten die Fragen. Gegenfragen sind Gift für’s Gesprächsklima. Und deshalb nur sehr selten sinnvoll.

Dr. Katrin Prüfig, 12.01.2015

Klar, dass eine wie sie sich das traut: Arbeitsministerin Andrea Nahles, SPD, reagiert gleich auf die erste Frage im aktuellen ZEIT-Interview mit einer Gegenfrage.

Die ZEIT: Nach einem Jahr in der Regierung liegt die SPD in der Wählergunst nur bei 25 Prozent. Muss Ihre Partei in diesem Jahr wieder linker werden?

Andrea Nahles: Wieso sollte sie das?

Upps. Eine Vollbremsung, bevor Nahles überhaupt Gas gibt. Ein unerwartet holpriger Einstieg – auch für die Journalisten. Einerseits mutig von Nahles, den Spieß mal eben umzudrehen. Sie kann damit Zeit gewinnen, denn der Druck auf die zwei Interviewer wächst. Motto: Wer fragt, der führt!

Andererseits – muss sie ausgerechnet bei dieser erwartbaren Frage wirklich Zeit gewinnen? Denn eine solche Gegenfrage ist riskant. Die meisten Journalisten hassen Gegenfragen. Mit wenigen Ausnahmen, dazu gleich mehr. Sie hassen Gegenfragen, denn SIE führen doch das Interview. SIE sind doch der Anwalt der Leser, Hörer, Zuschauer und feuern stellvertretend für diese ihre Fragen ab. Eine Gegenfrage bringt also diese Grundkonstellation ins Wanken.

Aus meiner Sicht das wichtigere Argument: Wer eine Gegenfrage stellt, verpasst die Chance auf eine eigene, inhaltsreiche Aussage. Gespräche werden so schnell zu Scharmützeln, die Chance auf gute Kommunikation wird nicht genutzt. Denn Gegenfragen vergiften schnell das Gesprächsklima. Was Andrea Nahles vermutlich egal ist, so viele Interviews wie sie schon geführt hat, seit sie 1995 Juso-Vorsitzende wurde.

Wer weniger Routine im Umgang mit Medien hat, sollte mit Gegenfragen vorsichtig sein und wissen, dass er sein Gegenüber damit provozieren kann. Auf jeden Fall erlaubt ist diese Technik allerdings, wenn die Frage Falsches impliziert oder es um das Verständnis der Frage geht. Beispiel:

Frage Journalist: Studien belegen, dass die Stoffe, die Sie verwenden, gesundheitsgefährdend sind. Was sagen Sie dazu?

Gegenfrage des Interviewten: Mir ist nichts Derartiges bekannt. Von welcher Studie sprechen Sie?

Übrigens schaltet Arbeitsministerin Nahles im oben genannten Interview dann doch noch in den Antwort-Modus – und berichtet sehr amüsant und wortreich über ihren Spagat zwischen Spitzenamt und ihrer Tochter Ella Maria. Total sympathisch. (ZEIT vom 8. Januar 2015 – „Erklären Sie das mal als Mutter!“)

Wer Wichtiges zu sagen hat, macht keine Schachtelsätze. Wer verstanden werden will, fasst sich kurz.

Dr. Katrin Prüfig, 10.11.2014

Diplomaten sind häufig für schwammige Ausführungen, unscharfe Botschaften und die damit einhergehenden Endlos-Schachtelsätze bekannt. Oft laufen ihre Reden auf ein verschwurbeltes Sowohl-als-auch hinaus. Manchmal auch ein intellektuell aufgerüschtes Einerseits-Andererseits.

Nicht so Sir Simon McDonald, seit 2010 britischer Botschafter in Deutschland. In der aktuellen Ausgabe der ZEIT schreibt er über die Briten und die EU. Titel: „Wir wollen bleiben“. Und genau diese Kürze und Klarheit zieht sich durch den ganzen Artikel.

„Großbritannien ist anders.“ Ein Drei-Wort-Satz zum Auftakt. Es folgen rund 150 Zeilen, in denen nur wenige Sätze länger sind als 10 oder 15 Wörter. Der längste Satz bringt es auf 23 Wörter. Eine Länge, die in den Vorgaben der Deutschen Presse Agentur an ihre Autoren noch als tolerierbar, nicht aber als wünschenswert gilt. Ansonsten viele Sätze von der Sorte „Wir Briten sehen ein, dass wir Hausaufgaben zu erledigen haben.“ (10 Wörter) Oder: „Großbritannien muss für seine Sache eintreten (6). Aber wir brauchen die Unterstützung gleichgesinnter Partner (7). Dazu zählen wir Deutschland (4).“

Diese Kürze schafft Verbindlichkeit. Hier zieht sich keiner aus der Affäre. Hier wirft keiner verbale Nebelkerzen. Und diese Art zu schreiben – übrigens auch zu sprechen z.B. in Radio- oder TV-Interviews – ist unschätzbar wertvoll. Denn mit der Lesekompetenz ist es selbst bei Erwachsenen nicht immer weit her: Jeder 6. Deutsche liest wie ein Zehnjähriger, ergab jüngst eine Pisa-Studie unter Erwachsenen. Das Lese-Verständnis endet bei 10-15 Wörtern. Tests mit Kindern und Erwachsenen haben sogar gezeigt, dass 9 Wörter pro Satz optimal für eine durchgängige Verständlichkeit sind. Das Hörverständnis in flüchtigen Medien wie Radio und TV liegt vermutlich eher noch darunter.

Insofern lohnt es sich, so manchen langen Satz mit Einschüben und Relativ-Konstruktionen daraufhin zu überprüfen, ob man nicht zwei oder drei draus machen könnte (24 Wörter). Oder anders gesagt: Überprüfen Sie Ihre Sprache kritisch auf die Länge Ihrer Sätze (13). Sind sie zu lang, machen Sie zwei draus (8). Leser, Hörer und Zuschauer werden es Ihnen danken!

Was Formulierungen mit Imagegewinn zu tun haben

Warum es sich lohnt, praktisch jede Frage als Kommunikationschance zu nutzen

Dr. Katrin Prüfig, 20.10.2014

Randall Munroe hat früher für die NASA Roboter entwickelt. Heute zeichnet er drei Mal die Woche den Webcomic „xkcd“ (www.xkcd.com) zu wissenschaftlichen Themen. Das allein wäre schon eine Geschichte wert. Aktuell jedoch hat es Munroes erstes Buch auf einen Spitzenplatz der New York Times Bestseller-Liste geschafft: „What if? Serious Scientific Answers to Absurd Hypothetical Questions“. Und schon sind wir mitten im Thema.

Denn als absurd und rein hypothetisch tun viele Gesprächspartner die Fragen von Journalisten gern ab. „Hätte, hätte, Fahrradkette“, war die genervte Antwort Per Steinbrücks im Wahlkampf 2013 auf eine dieser Fragen. Und auch bei Podiumsdiskussionen sind die Fragen aus dem Publikum oft nur eine anstrengende Pflichtübung.

Der Wissenschaftler Munroe hat sich für einen anderen Weg entschieden. Leser (auch Kinder) durften ihm jede nur denkbare Frage stellen, wie z.B. „Kann man ein Steak garen, indem man es aus dem Orbit Richtung Erde fallen lässt?“ (Nein, trotz der enormen Hitze beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre.) Oder „Könnte man aus allen Lego-Steinen der Welt eine Brücke von London nach New York bauen?“ (Ja, fast. Es fehlen noch ein paar Millionen Steine, aber grundsätzlich könnte man eine schwimmende Brücke bauen.) Also, er wertschätzt die Frage, und sei sie noch so weit hergeholt. Er sucht eine Antwort. Auf manche hypothetische Fragen gibt es auch nur eine hypothetische Antwort. Macht nichts. Seine Leser sind trotzdem glücklich und inspiriert.

Auf die Kommunikation in jedweder medialen oder nicht-medialen Öffentlichkeit übersetzt heißt das: Sie müssen nicht auf jede Frage eine Antwort parat haben. Es geht vielmehr darum, wie Sie sich mit der Frage auseinandersetzen. Beispiel: Sie werden zu einer Kundenbeschwerde gefragt, von der Sie noch nicht gehört haben. Antwortvariante: „Dieser konkrete Fall ist mir nicht bekannt. Grundsätzlich kann ich Ihnen aber sagen, dass wir alle Fälle dieser Art genau analysieren….“ Hier besteht die Herausforderung darin, durch die innere und äußere Haltung eine Wertschätzung gegenüber der Frage oder dem Anliegen zu transportieren. Und dem Journalisten ggfs. die konkrete Antwort nachzuliefern.

Wie man kulturellen Missverständnissen vorbeugt

Katja Schleicher, 12.10.2014

Nun hat es Satya Nadella, der Chef von Microsoft und Nachfolger von Steve Balmer, also geschafft und ist kommunikativ fein ins Fettnäpfchen getreten. Auf die Frage, was Frauen tun sollen, die sich nicht nach einer Gehaltserhöhung zu fragen trauen, antwortete er auf einer Podiumsdiskussion in Hamburg, es sei ein Zeichen von gutem Karma, wenn eben jene Frauen diese Gehaltserhöhungen gar nicht proaktiv einfordern, sondern auf das Signal vom (universalen) System warten und damit ihr gutes Karma verstärken würden. Ahh, der Stoff, aus dem die Twitter-Shitstorms sind.

Aus der Perspektive des vorbereitenden Medientrainings sind zwei Aspekte hervorzuheben, Authentizität und Corporate Message hervorragend miteinander zu verbinden. Denn alles, was im Fall Nadella zu negativer Karma-Verschiebung führt, kann mit entsprechender Vorbereitung verhindert werden.

1) Agenda-Check:

Eine offene Frage-Runde auf einem Panel birgt immer Risiken. Es kann minimiert werden, wenn im Vorfeld mit dem Sprecher sogenannte Themen-oder Agenda-Wolken durchgesprochen werden.

Dass z.B. das Thema "Equal Pay" zur Sprache kommen würde, war vorherzusehen. Dafür steht es schon zu lange international auf allen Agenden. Dass aber der Unterschied zwischen Frauen-und Männergehältern in Deutschland überdurchschnittlich hoch ist, hätte ins Briefing gehört. Weiterer Aspekt: In Deutschland verwendet Microsoft viel Energie und Zeit darauf, zu den beliebtesten Arbeitgebern zu gehören. Was diese Art Frage dann nochmals wahrscheinlicher macht. Nadella hätte hier mit nur etwas mehr Vorbereitung diesen Arbeitgeber-Bemühungen großen Auftrieb geben können (ohne einen Cent Budget!).

Lokal relevante Themenkomplexe werden oft außer Acht gelassen, wenn internationale Top-Manager in einem Land sprechen. Hier hilft eine einfache Liste, in der die sensibelsten Aspekte zusammengefasst sind.

2) Kultur-Check:

Nadella's Wurzeln liegen in der Hinduistischen Kultur Indiens. Karma hat für ihn eine weitaus alltäglichere Bedeutung als für uns, die wir Karma oft auch mit dem "Wunsch ans Universum" gleichsetzen.

Sein Beispiel zeigt, dass gerade für international gefragte Sprecher und Interviewpartner zwei Aspekte im Vorfeld zu bedenken sind:

a) Was ist mein ganz persönliches (auch kulturell geprägtes) Verständnis von den Dingen, über die man spricht?

b) Auf welchen Bedeutungen/ Begrifflichkeiten setzt meine Zielgruppe auf? Auf welche Gemeinsamkeiten kann ich bauen? Zwei andere Beispiele zur Verdeutlichung: Die Verwendung des Schuld-Begriffes (der im christlichen Abendland fest verwurzelt ist) kann in asiatischen Kulturen zu großem Unverständnis führten. Das unkontrollierte kommunikative Übertragen des deutschen Ordnungs-Begriffes in Griechenland hat interkulturell und politisch zu großen Verstimmungen geführt.

Vor jedem internationalen Interview/Panel sollte dieser "Kultur-Abgleich" vorgenommen werden. Das sorgt für eine gemeinsame Basis zwischen Zielgruppe und Sprecher, ohne die Authentizität des Sprechers anzugreifen.

"Advocatus Diaboli"-Übung

Im Medientraining nutzen wir diese "Anwalt des Teufels" -Technik gern, um genau solche schwierig greifbaren Aspekte zu üben. Damit lässt sich die Angst vor gefühlt kritischen Fragen verringern und das Kommunikations-Portfolio erweitern. Gemeinsam werden die allerkritischsten Fragen gestellt und dann gemeinsam vorab beantwortet.

Es ist unmöglich, sich auf jede Interview-Eventualität vorzubereiten. In Sachen thematische und interkulturelle Befindlichkeiten dagegen kann Interview/Panelvorbereitung durch Mediatraining sehr wohl deutlich verbessert und die gefühlte Angst vor kritischen Fragen verringert werden. Wenn dann noch die Authentizität des Sprechers deutlich zum Interview-Erfolg beiträgt, dann klappt's auch mit dem Karma.

Pressekonferenz mit Paderborns Trainer André Breitenreiter in der Allianz-Arena München

Stefan Korol, 24.09.2014

Dass den Kleinen und Schwachen, aber Mutigen die Herzen der Menschen zufliegen, ist ja ein alter Hut. Aber eben doch immer wieder ergreifend, wenn man es erlebt. Der FC Paderborn verliert gegen den FC Bayern. Mit 0:4. Das ist schon eindeutig. Das kann am Selbstbewusstsein nagen. Das kann zu Mitleid und Selbstmitleid führen. Insofern hatte man sich als Zuschauer schon seine Abwehrtaktik gegen mögliches Fremdschämen bei der anstehenden Pressekonferenz beider Trainer nach dem Spiel zurechtgelegt.

Der Trainer der Gast-Mannschaft beginnt, André Breitenreiter. Sein erster Satz: „Herzlichen Glückwunsch zum tollen Sieg einer tollen Mannschaft.“ Huch? Haben wir uns da verhört? Hat er vielleicht was nicht richtig mitgekriegt? Aber er legt sogar noch nach: „Ein Gegner von überragender Qualität, die Bayern haben ein wahres Offensivfeuerwerk abgebrannt.“ Ja, das sehen wir auch so. Aber muss ein Trainer nicht nach Ausreden suchen, warum es heute nicht geklappt hat? Nein – muss er nicht. Jedenfalls nicht, wenn er so authentisch auftritt wie Breitenreiter: „Für uns war das ein tolles Erlebnis, hier heute aufzulaufen zu dürfen.“ Was können wir nun anderes tun, als diesen Mann einfach toll zu finden? Sympathisch. Ehrlich.

Dann der zweite Teil der Antwort: Das Lob für seine Mannschaft: „Die Bayern in Best-Besetzung, volle Kapelle, das ist natürlich auch ein Lob für uns. Und wir haben ja auch gute Aktionen gehabt, haben nicht einfach draufgehauen, sondern zwei, drei ganz gefährliche Situationen herausgespielt.“ Und dann öffnet er die Beziehungsgruppe: „Und nicht nur die Mannschaft, sondern alle unsere Fans können stolz darauf sein, was wir in den letzten Monaten geschafft haben.“

Teil 3 der Breitenreiter´schen Charme-Offensive: Gefühl, Leidenschaft: „Was soll ich noch sagen? Für mich ist das eine Ehre, hier sein zu dürfen, hier zu sitzen mit Pep Guardiola.“ Das geht ganz tief rein, denn davon träumt natürlich jeder Fußball-Fan. Und dann, am Ende, so steht es ja auch in jeder Redner-Anleitung, ein kleiner Witz. In diesem Fall wohl eher unbeabsichtigt, aber geklappt hat es dennoch: „Und so viel Leistung belohnen wir natürlich, wir gehen morgen für ein paar Stunden auf die Wies´n.“ Lacher im Publikum.

Was können Interviewpartner von Breitreitner lernen? Vor allem: Sei und bleib wie du bist. Ja, es gibt Regeln für den öffentlichen Auftritt. Aber: Die Regeln müssen zum Menschen passen. Alles andere wirkt steif, unpersönlich, unsympathisch. Dazu kommen Eigenschaften, die uns schon die Oma immer gepredigt hat: Sei bescheiden, zurückhaltend. Und Breitreitners dritter „Trick“: Jammere nicht, sondern siehe das Gute in einer Sache. Wenn dann auch noch die Leidenschaft dazu kommt, in diesem Fall für den Fußball, dann fliegen dem Mann alle (Fußballer-)Herzen zu: „Ich wünsche dem FC Bayern alles Gute, für die Champion League, für die Bundesliga. Haut sie zuhause alle weg. Dann sind wir auch nicht die einzigen.“

Herrjeh, was sagt dieser Mann erst, wenn Paderborn mal gegen Bayern gewinnt?

Frank Asbecks Auftritt in der ARD-Reportage

Stefan Korol, 29.07.2014

Geld. Erfolg. Macht. Status. Und dann ruft auch noch das Fernsehen an und fragt, will ein Porträt drehen. Im Unternehmen. Zu Hause. Mit Hintergrund und allem drum und dran.

Wir können nur hoffen, dass Frank Asbeck genau wusste, worauf er sich eingelassen hat, als er der ADR/dem WDR für diesen Dreh zugesagt hat: „Der Sonnenkönig“ (Montag Abend, 23.30 Uhr). Allerdings fällt das schwer zu glauben, wenn wir sehen, wie sehr er sich von den Journalisten provozieren lässt und schließlich, total verärgert, das Interview abbricht. Der Chef einer AG, erfahren, mit allen Wassern gewaschen – hat geglaubt, die Journalisten würden sich voller Ehrfurcht und Untertänigkeit von ihm durch seine Paläste und an der Nase herumführen lassen? Hatte nur den Gedanken „Das Fernsehen kommt und will einen Film über mich drehen“ im Kopf? Unwahrscheinlich, naiv, eitel. Aber nur so lässt sich Asbecks Reaktion auf die kritischen Fragen am Ende der Reportage (klar, wann sonst? Journalisten eröffnen nie konfrontativ) erklären.

Dazu passt, dass das in den ersten Minuten der Reportage aufgebaute Image des netten Selfmade-Manns durch Asbeck selber erste Kratzer bekommt: Mit sichtlichem Stolz zeigt er auf die 99 selbst erlegten Füchse, die er an seine Bürowand genagelt hat. Mit LEDs in den Augenhöhlen. Auch die Begründung für seinen Maserati („Irgendeiner muss das bisschen Öl, das wir noch haben, ja schließlich durch den Auspuff jagen…“) lässt manchen Zuschauer die Nase rümpfen.

Dass Füchse und Maserati erste Hinweise auf die kritische Haltung der Journalisten sind, scheint Asbeck überhaupt nicht in den Sinn zu kommen; er sieht in ihnen offenbar nur die Bewunderer, die Hof halten wollen im Palast des Sonnenkönigs. Dass Reportage und Interview eine Richtung nehmen, die überhaupt nicht in seinem Sinne ist und die ihm deswegen überhaupt nicht passt, scheint er erst zu merken, als es zu spät ist: Da erlauben sich die Journalisten doch, ihn nach möglichem Insiderhandel zu befragen, werfen ihm vor, er habe seine Aktienpakete zu Vorzugspreisen bekommen. Und dann wird aus dem Sonnenkönig ein aggressiver Terrier, dem man den Futternapf wegnimmt: „Sie werfen doch hier alles durcheinander“; „Mit Ihnen rede ich darüber nicht“, „Sind Sie so naiv zu glauben wir hätten das alles nicht rechtlich abgesichert?“ Und schließlich, arrogant-bockig: „Wissen Sie, ich bin jetzt Mitte 50, das muss ich mir nicht mehr antun“ Und das ist das Ende des Interviews; Abgang Frank Asbeck, Vorstandsvorsitzender der Solarworld AG, die, noch immer, mit 500 Millionen Euro bewertet wird.

Wahrscheinlich müssen rund um Bonn heute wieder einige Füchse dran glauben.

Die Strategie für unpassende Interviewfragen

Stefan Korol, 16.07.2014

Deutschland ist Weltmeister. Die Fans sind außer sich. Die Journalisten auch. Und da kann es schnell passieren, dass die Interviewfragen noch weniger intelligent sind als sonst: „Wie geil ist der Tag heute für Sie“ fragt der RTL-Reporter Thomas Müller. Der, obwohl selten verlegen, windet sich: „Na ja, das ist schon ein besonderer….“ und so weiter und so weiter.
Und muss dann noch zwei weitere Fragen über sich ergehen lassen: „Was ist der Schlüssel für den Erfolg der Mannschaft?“ Und dann: „Was bedeutet dieser Tag für den deutschen Fußball?“ Müller ist genervt; er schwafelt, rettet sich über die Zeit. Und das völlig zu Recht: Vier Wochen WM, das Finale, die Nacht durchgefeiert. Und dann solche Fragen. Müllers Ärger über solche Fragen bekommt dann die kolumbianische Reporterin ab, die ihm gleich danach das Mikro vor die laufende Kamera hält. Ob er nicht enttäuscht sei, dass nicht zum besten WM-Spieler gewählt worden sei. Müllers Antwort: eine ärgerliche bayrische Deftigkeit: „Das interessiert doch gar nicht, so ein Blödsinn, den Pott haben wir geholt…..“.

Dass sich Thomas Müller und viele seiner Mitspieler über naive und überflüssige Journalisten-Fragen ärgern, ist völlig verständlich. Fußballer sollen Tore schießen und Spiele gewinnen; sie müssen keine Interview-Spezialisten sein. Allerdings ist diese Einstellung und vielleicht auch Müllers Weigerung, sich den Medien-Regeln anzupassen, gefährlich. Seine bayrische Antwort auf die spanische Frage mag von vielen als ehrlich und auch witzig eingeschätzt werden. Aber der Grat zwischen Humor und Unhöflichkeit ist bekanntlich sehr schmal. Das hat dann auch Bastian Schweinsteiger erkannt, der neben Müller stand und die Situation mit einer doch sehr freien und keineswegs wortgetreuen Übersetzung der bayrischen Tirade gerettet hat.

Es liegt an den Fußballern (und an allen anderen Interviewpartnern) selbst, das Problem zu lösen: Journalisten wollen Antworten, wollen Sätze und Geschichten, die sie drucken und senden können. Nur: Es muss gar nicht die Geschichte sein, nach der sie fragen. Es kann auch eine ganz andere sein.
Warum also hat sich Thomas Müller nicht vorher eine schöne Antwort überlegt, die er gleich in den vielen Interviews erzählt? Er wusste doch, dass sich Dutzende von Reportern auf ihn stürzen und befragen. Warum nicht eine schöne Geschichte aus dem Training, aus dem Hotel, aus der WM-Wohngemeinschaft, ein Spruch von seiner Oma (die wir ja schon aus einigen seiner Interviews kennen)?

Ob Müller dann tatsächlich diese vorbereitete oder eine spontane Antwort gibt – das kann er im Interview entscheiden. Wichtig ist: Er hat eine Alternative zu seiner spontanen Reaktion. Er entscheidet, was er sagt. Er entscheidet, was er von sich preis gibt und was nicht. ER führt das Interview. Und handelt damit auch vor Kamera und Mikrofon ebenso professionell wie auf dem Spielfeld. Denn wie schnell eine spontane, auf den ersten Blick witzige Idee, total daneben gehen kann, haben ja Götze, Klose und Co. bei der WM-Feier mit ihrer Gaucho-Nummer bewiesen („So gehen die Gauchos… so gehen die Deutschen…“). Die Reaktionen: Wilde Entrüstung bei Twitter und viele verspielte Sympathien in den Medien und damit bei Lesern, Hörern und Zuschauern.

Spontan kann gut sein. Aber wer nur darauf setzt – wird irgendwann verlieren.

Die zitierten Quellen finden Sie auch hier:

http://www.youtube.com/watch?v=66dIrBmsYIY (Müller)
http://www.youtube.com/watch?v=su2wA_e4QLQ (Gauchos)

Warum man bei einem Messeauftritt klare Antworten haben muss – besonders in einer Krise

Kathrin Adamski, 07.07.2014

Panorama vom 3.7.2014 – Illegaler Waffenhandel nach Kolumbien – klingt spannend und ist es auch, wenn es auffliegt. So geschehen durch die Recherchen des Investigativ-Formats Panorama. Neugierige Journalisten, mutige Mitarbeiter und eine interne Kommunikation mit mehr als einem Leck ließen das vermeintlich gut getarnte illegale Geschäft des Waffenherstellers SIG SAUER aus Eckernförde auffliegen. Bereits die Recherchen und Anfragen der Medien machten die Konzernspitze um Michael Lüke nervös und sorgten für sichtbaren Aktionismus der Konzernleitung. Die wusste nämlich sehr genau, was da wie illegal nach Kolumbien verkauft wurde. Eine Krise, die man schon kilometerweit gegen den Wind riecht. Doch das schien den Konzernlenkern nicht bewusst zu sein. Denn statt sich Gedanken zu machen, was man zu diesem brisanten Thema in der Öffentlichkeit kommuniziert – falls nachgefragt wird - stellt sich SIG SAUER Chef Michael Lüke auf eine große Waffenmesse, um potentielle Kundschaft für seine Waffen zu begeistern.

Und genau hier taucht er auf – der „Feind“ Journalist – getarnt als interessierter Besucher, aber bewaffnet mit einem Kamerateam, das sich allerdings ein paar Meter neben ihm postiert hat, und einer Frage. Kaum im Sichtfeld steuert Michael Lüke den vermeintlich interessierten Messebesucher an, freundlicher Handshake und Blickaufnahme mit dem Interessenten. Und der fragt: „Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“. Lüke blickt sich um, entdeckt die Kamera und antwortet: „Nein – ich gebe keine Interviews tut mir leid“. Mimik und Haltung sagen genau, was da gerade in seinem Inneren passiert: „Sch… der weiß was, will noch mehr wissen und ich will nichts sagen, wie komme ich da raus…?“ Der Journalist fragt trotzdem nach: „Wieso geben Sie keine Interviews...?.“ - Lüke verharrt kurz und sieht sich um – der Journalist nutzt das Verharren: „...SIG SAUER in den USA gibt auf der Internetseite an, sie hätten Pistolen nach Kolumbien geliefert…“. Lüke bleibt stehen und man sieht, wie es in ihm arbeitet. Und dann tut er das, was mehr sagt als tausend Worte und dem Zuschauer klar macht: Der Vorwurf des Journalisten ist so wahr, dass es wahrer nicht sein kann!

Lükes Hand wandert Richtung Kamera und er hält dem Kameramann die Linse zu. Schwarzes Bild und die Stimme dahinter: „Ich habe gesagt, es gibt keine Interviews…“. Ende des O-Tons – Schnitt – aber es ist ja auch alles gesagt!

Päng – die Waffe des überraschenden Messe-Interviews hat ihr Opfer getroffen. In diesem Fall zurecht. Denn wenn man weiß, dass die Krise vor der Tür steht, dann ist es ratsam, für unübersichtliche Schlachtfelder wie z.B. einen Messeauftritt gute Antworten auf die entwaffnenden Fragen eines Journalisten parat zu haben. Und wenn die Hand vor der Kamera – oder besser der freundliche, aber unmissverständliche Hinweis, dass die Kamera jetzt ausgeschaltet wird, der einzig verbleibende Fluchtweg ist, dann bitte gleich VOR Beginn des verbalen Angriffs. Sonst gewinnt auf jeden Fall der Journalist den kommunikativen Krisen-Krieg.

Hier finden Sie den Beitrag in der ARD-Mediathek 

Ganzer Beitrag von 21:57– 28:44
Ausschnitt Messe: 27:59 – 28:44

Welche Macht die Stimme haben kann, wenn die innere Einstellung passt

Kathrin Adamski, 23.06.2014

Montagmorgen 6:45 Uhr – ich bin gerade in den frühen Zug nach Frankfurt eingestiegen oder besser, habe mich zwischen Laptoptaschen-tragenden Pendlern und den kofferschleppenden Reisegruppen, einem Kinderwagen und einer Band samt Instrumenten auf meinen Platz durchgekämpft. Neben mir der Fahrgast hat es sich gestern im Restaurant gut gehen lassen – die Knoblauchfahne teilt er jetzt mit uns. Ich bin schon fix und fertig, bevor der Arbeitstag überhaupt richtig angefangen hat und zweifle an der Richtigkeit meiner Entscheidung, statt meines Autos den Zug genommen zu haben. Doch dann werde ich überrascht. Kurz nach Anfahrt des Zuges meldet sich eine sichtlich gut gelaunte und ausgeschlafene Stimme aus dem Lautsprecher und verkündet: 

„Guten Morgen – nachdem auch die Ulmer jetzt ihr morgendliches Fitnessprogramm absolviert haben, lehnen Sie sich doch entspannt zurück und genießen Sie die Fahrt mit der Deutschen Bahn. Mit uns geht´s nach Dortmund und unser nächster Halt ist Stuttgart.“ Man hört noch das Schmunzeln in der Leitung und dann kommt das berühmte „Knack“ und die lustige Stimme ist weg.

Ich muss innerlich grinsen, obwohl ich noch müde bin und denke. „Na, der hat aber Spaß bei der Arbeit“. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Nächster Halt: Stuttgart. Gefühlt die halbe Landeshauptstadt steht auf dem Bahnsteig, um samt Kind, Kegel und Gepäck den Zug zu stürmen. Ich bin nur froh, dass ich schon sitze. Da wird gedrängelt, geschimpft, über Reservierungen gestritten, angerempelt, sich aneinander vorbeigequetscht, hektisch die wenigen nicht reservierten Plätze belegt. Ein Tumult. Doch dann wieder die Stimme aus dem Off – diesmal im Tonfall väterlich erklärend: „Es ist Montagmorgen – die Autobahnen sind voll und unser Zug auch, aber bei uns stehen Sie wenigstens nicht im Stau. Und wenn Sie bei der Platzsuche jetzt Rücksicht nehmen, wird diese Fahrt auch entspannt“. Ich ertappe mich dabei, wie ich diesmal auch nach außen grinse und mich umschaue: überraschte Gesichter, mancher fühlt sich sichtlich ertappt und ich meine zu spüren, dass die Atmosphäre unter den Fahrgästen sich schlagartig verändert.

Ich staune nicht schlecht. So eine Fahrgastansage hätte ich der Deutschen Bahn gar nicht zugetraut und es zeigt mal wieder, wie wichtig die richtige innere Einstellung ist, wenn man den Mund aufmacht. Gerade Stimme ist so verräterisch. Sie zeigt uns, ob wir etwas wirklich meinen oder nicht, ob wir nur ablesen oder auswendig Gelerntes wieder geben oder ob wir fühlen. Und genau da liegt der Unterschied zwischen sprechen und sprechen. Wer wirklich etwas zu sagen hat und andere damit erreichen will, der muss es fühlen. Auswendig Gelerntes, jeden Tag in gleicher Weise abgespulte Phrasen sind Teflon-Kommunikation. Sie prallen an uns ab. Wer aber in dem Moment, wo er den Mund aufmacht, wirklich fühlt und ein echtes Kommunikationsbedürfnis hat, wie der Schaffner in meinem Zug, der sagt wirklich etwas. Denn wie hieß es schon in Goethes Faust: „Wenn Du´s nicht fühlst, du wirst es nicht erjagen.“

(Halb) Europa hat gewählt – und in den Statements der Politiker jeglicher Couleur ist vielleicht ein Grund für die Wahlmüdigkeit zu finden. Positiv denken falsch verstanden. Und der SPD-Chef muss wohl erst noch siegen lernen...

Stefan Klager, 26.05.2014

Europa hat gestern gewählt – oder besser gesagt: halb Europa. Die Wahlbeteiligung lag unter 50%. Und der Wahlsonntagabend im Fernsehen läuft nach den immer gleichen Regularien mit dem immer ähnlichen Procedere ab: 18 Uhr Wahlprognose, wenige Minuten später die erste Hochrechnung. Und die hat diesmal Substanz und Aussagekraft. Sie schlägt sofort ins Kontor jeder Partei. Innerhalb weniger Minuten ist die Wahl analysiert: Schlappe für CDU/CSU, Gewinne für die SPD, nichts Neues von der FDP, die Grünen hat´s erwischt und die AfD ist drin. 

Was nun folgt sind die zahlreichen Politiker-Stimmen. Und auch hier: Die faktischen Verlierer wollen nicht verloren haben. Die Gewinner – und das ist wirklich neu, Herr Gabriel – tun so als hätten sie nichts gewonnen, zumindest wirkt es so. SPD-Chef Sigmar Gabriel tritt kurz nach der ersten Hochrechnung mit dem europäischen Spitzenkandidaten Martin Schulz vor die Mikrofone des Willy-Brandt-Hauses. Jubel, zu dem die SPD lange keinen Anlass mehr hatte, erfüllt das Foyer. Martin Schulz freut sich sichtlich – darf aber nichts sagen. Stattdessen spricht Herr Gabriel zu den Genossen und kostet die Ovationen aus. Gabriel weist auf die Grundsätze der europäischen Politik hin, die sich die SPD auf die Fahnen geschrieben hat. Martin Schulz freut sich sichtlich – darf aber nichts sagen. Der Erfolg habe einen Namen, ruft Gabriel aus: „Martin Schulz!“. Jubel brandet wieder auf! Geklatsche! Gejohle! Die Führungskamera schwenkt von Gabriel auf Schulz. Martin Schulz freut sich sichtlich – darf aber nichts sagen. Denn Gabriel genießt diesen politischen Erfolg und weidet ihn aus. Verständlich, aber egoistisch. Denn die Genossen wollen den Wahlsieger hören. Gabriel gefällt sich offensichtlich in der Rolle des toughen Siegers. „Ich hab´s doch immer gesagt! Die Menschen wollen die SPD!“ – das zumindest ist der Subtext. Sein Auftritt ist einerseits stark – stimmlich präsent und inhaltlich bestens vorbereitet, aber er wirkt auch gekünstelt. Warum? Weil es eine Divergenz gibt zwischen dem, WAS er sagt, und dem, WIE er es sagt! Er spricht von Erfolgen, aber seine Mimik ist ernst. Er spricht von Freude, seine Mimik ist starr und wirkt fast verbittert. Kein Lächeln, kein Augenzwinkern, keine emotionale Regung, keine sichtbare Freude.

Das ZDF schaltet von Berlin wieder zurück in die Sendezentrale, um die aktuelle Hochrechnung zu vermelden. Und dann folgen der Reihe nach Politiker jeder Couleur, die ihr noch so mäßiges Abschneiden positiv interpretieren. Der CDU-Spitzenkandidat McAllister habe sein Wahlziel erreicht, denn die EVP werde in Brüssel stärkste Kraft. Ähnliches reklamiert der FDP-Spitzenkandidat Graf Lambsdorff als seinen Erfolg: Die Liberalen seien drittgrößte Fraktion im Parlament. Die persönlichen Ziele der deutschen Spitzenkandidaten sind über Nacht offenbar bescheiden geworden. AfD-Chef Lucke bezeichnet seine Partei als „Volkspartei“. Das ist man mit 7%? Die Grünen lesen aus ihren Verlusten das Signal, Europa wolle eine ökologische Kraft. Und CDU-Generalsekretär Tauber ist froh, dass die proeuropäischen Parteien die Oberhand behalten haben. Sorry, aber alles andere wäre auch mehr als überraschend gewesen. Auch der Linke Bartsch ist „wahnsinnig stolz“ auf das Ergebnis seiner Partei. Sie hat – wohlbemerkt – Verluste hinzunehmen. So sind alle zufrieden. Jeder hat seine Ziele erreicht – zumindest aus Politikersicht. Aber nicht aus Wählersicht. Die merken, dass weichgespült wird und aus dem größten Verlust noch etwas vermeintlich Positives gezogen wird. Das wirkt aufgesetzt und ist nicht authentisch. Vielleicht ist gerade diese „Interpretationsflexibilität“ unserer Volksvertreter der Grund dafür, dass nicht ´mal jeder zweite Wahlberechtigte gewählt hat.

Apropos, auch sprachlich ging´s an dem Wahlabend manchmal drunter und drüber oder besser: voll daneben. Das Politiker-Statement des Tages formuliert CSU-Generalsekretär Scheuer: „Wir haben unsere Wähler nicht zur Urne gebracht“. Das käme ja auch fast einer Sterbebegleitung gleich. Oder wollte er damit nur sagen: Da die Wählerschaft so klein ist, hätte seine Partei Fahrdienste zu den Wahllokalen anbieten sollen? Stell´ dir vor, es ist Europawahl und keiner geht hin. Keine Vision, sondern Realität. Stell´ dir vor, nach der Wahl sprechen Politiker Klartext und zeigen Emotionen. Keine Realität, sondern Vision.

Der neue DGB-Chef Reiner Hoffmann könnte ein bisschen Yoga gut gebrauchen – zumindest würde es seiner Haltungsnote dienen.

Dr. Katrin Prüfig, 19.05.2014

Ungefähr 20 Mal in jeder Yoga-Stunde ermahnt uns unsere Lehrerin, das Brustbein vorzuschieben und die Schultern sinken zu lassen. Egal, bei welcher Übung: Brustbein vor, Schultern runter. Inwieweit das Ganze dem Energiefluss dient, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall dient es einer aufrechten, präsenten und überzeugenden Körperhaltung. 

Dieses Mantra unserer Yoga-Lehrerin fiel mir diese Woche wieder ein, als ich Reiner Hoffmann sah. Gerade gewählt zum Nachfolger von Michael Sommer in das Amt des DGB-Chefs. Da steht er nun in seiner Antrittsrede vor den Delegierten, Schultern hochgezogen, Kopf geduckt. Er pendelt geradezu manisch vom linken auf den rechten Fuß und wieder zurück, schaut, nein, wirft nur einen kurzen Blick mal nach links, mal nach rechts. So, als gäbe es keine Mitte. Auch in anderen Interviews schaut er geduckt eher von unten nach oben, sein Blick, so scheint es, streift dabei die eigenen Augenbrauen. Die Hände sind mitunter gefaltet. Zu seinem Vorgänger Sommer soll ein englischer Gewerkschaftsgenosse mal gesagt haben: Sometimes I was scared of you – manchmal hatte ich Angst vor Dir! Nun also das Kontrastprogramm: Vor Reiner Hoffmann, so das optische Signal seiner Auftritte, muss sich niemand fürchten.

Seine Stimme: recht hell für einen Mann, vielleicht auch der Aufregung geschuldet. Jedenfalls nichts, was man „sonor“ nennt. Hoffmann macht das zum Teil wett, indem er klar, ruhig und akzentuiert spricht. Man kann ihm gut folgen. Aber was sagt er? Er will die „Arbeitszeit über die gesamte Erwerbsbiografie in den Blick nehmen“. Er spricht von „personenbezogenen Dienstleistungen“ und „Ein-Personen-Gesellschaften“. Seine Sätze sind eher lang, haben Subjekt, Prädikat, Objekte, Nebensatz. Alle. Ohne Ausnahme.

Kein schrilles „Das geht so nicht!“ oder „Schluss damit!“– wie es sein Vorgänger mit donnernder Stimme dem Publikum entgegen schleudern konnte. Wie es Gewerkschafter mitunter lieben. Kein Wunder, dass der Applaus nach Hoffmanns Antrittsrede schon nach weniger als einer Minute vorbei gewesen sein soll. Da werden sich die Genossen umstellen müssen. Allerdings: Sie haben ihn mit mehr als 93 Prozent ja selbst gewählt.

Und Hoffmann selbst? Aufrecht stehen, Brustbein vor, Schultern runter. Das auf jeden Fall. Und natürlich dürfen Reden spritziger sein, aus dem Leben gegriffen, vielleicht auch kämpferischer. Da muss er sich mehr trauen, das täte ihm gut. Dass er als Person ein anderes Temperament mitbringt, wird so mancher Talkshow gut tun. Er darf dort allerdings weder untergehen, noch zum Brüllaffen mutieren. Seine große Chance liegt darin, mit seiner verbindlichen und ruhigen Art zu überzeugen. Genug rote Krawatten für’s Fernsehen hat er auf jeden Fall. Jetzt gilt wie beim Yoga: Halte durch, es ist zu spät um aufzugeben!

Wie Top Manager NICHTS sagen wollen und mehr damit sagen als ihnen lieb ist. 

Kathrin Adamski, 21.03.2014

Tagesthemen vom 19. März. Es geht um die Krim-Krise. Wie man beim Deutsch-Russischen Forum zu den Sanktionen gegenüber Russland steht. Teilnehmer sind vor allem Vertreter von deutschen Großkonzernen, die wegen möglicher Sanktionen um ihr Russlandgeschäft fürchten und hinter verschlossenen Türen für ihre Geschäftsinteressen kämpfen. Reden darüber? Ungern wie der Reporter in den Vortragspausen feststellt. Da ist zum Beispiel Dr. Bernhard Reutersberg, Vorstand des Energieriesen EON. Gebückt sieht man ihn am Kaffeebuffet nesteln. Er duckt sich noch mehr, als der Redakteur in seine Nähe kommt, und taucht förmlich ab, als ihm das Mikro unter die gesenkte Nase gehalten wird. Er schüttelt den Kopf: „Nein!“ Ein Wort, das viel mehr sagt als NICHTS.

Dann der Reporter: „Es geht nur um die Bedeutung des Deutsch-Russischen Forums.“ Pech gehabt, Herr Reutersberg. Diese Frage müssten Sie doch als Mitglied des Forums einfach beantworten können. Aber Reutersberg hat etwas zu verbergen, wie uns Zuschauern schwant. Und er zeigt es uns mit seiner Reaktion deutlich: „Ich wollte heute keine Interviews geben – überhaupt nicht. Das ist mir zu spezifisch heute.“ Aha, zu spezifisch! Die Rolle des Deutsch-Russischen Forums, dessen Kuratoriumsvorsitzender er ist. Man darf sich wundern. Der Reporter weiß diese Antwort übrigens zu würdigen mit einem Bild, das mehr sagt als tausend Worte. Es folgt eine Sequenz, in der Reutersberg nochmals heftig den Kopf schüttelt, „Nein, nein“ stammelt, eine abwehrende Handbewegung Richtung Kamera macht und davoneilt – verfolgt von der Kamera und einem Off-Text, der entlarvt, um was es ihm geht: Sanktionen gegen Russland schmälern seinen Gewinn.

Keine zwei Schnittbilder weiter der nächste vermeintliche „Nichts-Sager“. Michael Ropers - Hauptstadtrepräsentant der Deutschen Telekom. Er steht wenigstens aufrecht, würdigt den freundlich auftretenden Reporter allerdings keines Blickes. Als der ihn mit der „einfachen“ Frage nach der Rolle des Deutsch-Russischen Forums konfrontiert, dreht er sich um und geht wortlos weg. Man fragt sich, ob Manager auch eine Kinderstube haben und wir die wohl aussah.

Und dann gibt es noch einen „Mehr-als-NICHTS-Sager“: Georg Graf Waldersee ist Vorstandsvorsitzender der Unternehmensberatung Ernst & Young und sitzt bereits im Vortragssaal, eingerahmt von Mithörern. Er kann nicht flüchten. Jetzt sind wir gespannt, wie er NICHTS zur – jetzt enger gefassten - Frage des Reporters sagt. Der möchte nämlich wissen, wie Waldersee die Sanktionen im Augenblick bewertet. Waldersee zuckt zusammen und beginnt zu stammeln: „Die Sanktionen müssen unter äh…ja sagen wir mal, äh… unter dem Aspekt gesehen werden, wie es auf eine bestimmte Reaktion... ähm und auf eine bestimmte Situation ähm…im Gesamtkontext zu reagieren…“ Wie bitte? Vermutlich hat er selbst nicht verstanden, was er sagen wollte. Auf jeden Fall ist eine Chance auf Kommunikation vertan. Unser Rat: In dieser Situation lässt sich nicht einfach NICHTS sagen. Jede Aussage, und sei es zu Russland als wichtigem Handelspartner, wäre besser gewesen als die Auftritte dieser drei Top-Manager.

Wenn „man“ vermeidet den „Mann“ anzusprechen. 

Kathrin Adamski, 10.02.2014

Wochenende ist Sportzeit für Fußballfreunde und der Fußballfan schaltet selbstverständlich nicht nach dem Abpfiff um. Nein, da wird jedes der unzähligen und oft unsäglichen Spielerinterviews audiovisuell inhaliert. Doch es fällt auf, dass die Spieler ihre Sachen in diesen Kurzgesprächen gar nicht so schlecht machen. Dafür so mancher Reporter. Ein Interview direkt nach dem Spiel. Die Fragen des Reporters: „War man sehr erstaunt, wie das gelaufen ist?“ Und „Hat man mehr erwartet?“ Und wir fragen uns: Wer ist eigentlich „man“? Du, Sie, Ihr, die anderen? Wir fragen uns, warum der Reporter den Torwart nicht direkt anspricht. Hat er nicht gesehen, wer wirklich auf dem Spielfeld stand? War er vielleicht gar nicht dabei? Weiß er nicht, ob er den deutlich jüngeren Spieler siezen oder duzen soll? Will er überhaupt seine persönliche Meinung hören? 

Und wenn „man“ meint, das wäre nur ein Versehen gewesen, dann täuscht „man“ sich und „man“ erlebt gleich im nächsten Interview denselben Fragestil. Diesmal hört „man“ die Fragen an den gegnerischen Sportskollegen:

„Nimmt man das Lob an oder will man das gar nicht hören?“ und „Würde man im Nachhinein etwas anders machen?“

Wie gut, dass wenigstens die Spieler wissen, wer „man“ ist: „Ja genau so stelle ICH mir das vor, ICH bin froh, dass es geklappt hat...“.

Wäre dieser Reporter ein Klient in einem Medientraining würde man (= der Trainer) ihm von dieser „man-ie“ abraten. „Man“ schafft Distanz, „man“ signalisiert, dass man (=der Interviewpartner) nicht hinter der Botschaft steht. „Man“ verallgemeinert und macht Botschaften nicht konkret. Mit „man“ verschleiert man (= Interviewpartner) den Absender einer Botschaft. “Man“ gibt dem Zuschauer das Gefühl, dass man (= der Interviewpartner) sich um eine Antwort drücken will und vielleicht sogar etwas zu verbergen hat.

Also sollte man (= wer etwas zu sagen hat) auf „man“ verzichten und lieber seinen Mann oder natürlich auch seine Frau stehen und klar Farbe bekennen zum „Ich“, „Wir“, „Sie“, „Ihr“.

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