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Katja Schleicher, 19.09.2017

Was nach dem Wahlkampf zur Bundestagswahl bleibt.



Dieser Wahlkampf war langweilig.

Schlagen wir die Zeitung auf oder schalten den Fernseher an, erwarten wir als Publikum Neues, Spannendes, Unerwartetes. Am liebsten jeden Tag. Entertainment, please! Deshalb sind wir enttäuscht, wenn sich SPD-Schulz und CDU-Merkel im TV-Duell maximal anfauchen, statt die Krallen auszufahren. Im Moment scheint es ohnehin so, als ob diese Zeit den Schreihälsen gehört und ein „normales“ Argument kaum noch gehört wird. Hauptsache Trommelwirbel und Feuerwerk. Oder mal inszeniert aus einer Sendung davonlaufen. Wird schon keiner hinter den Vorhang gucken. Doch auch wenn dieser Wahlkampf kaum Wellen geschlagen hat, und im Gegensatz zu US-amerikanischen Wahlkämpfen ausgesprochen fair war, hat er spannende Botschaften zutage gefördert:

  • Veränderungen in Deutschland sind von Natur aus träge und langsamer durchzusetzen.
  • Disruptiven Ideen steht Deutschland eher skeptisch gegenüber.
  • „Gegen“ etwas zu sein, Abgrenzung, funktioniert in Deutschland leichter als Integration.

Wer eher im Stillen wirkt, wird schnell von Medien vernachlässigt und vom Publikum ignoriert oder abgestraft. Für uns als Verband heißt das, mit all unseren Kunden präzise zu arbeiten. Damit jeder Medienauftritt wirkungsvoll und authentisch zugleich ist. Damit mit gewöhnlichen Worten Außergewöhnliches gesagt wird. Nicht umgekehrt..

Demokratie ist kompliziert.

Wir vom BMTD haben den „langweiligen“ Wahlkampf gern mit unserer wöchentlichen Kolumne begleitet und einige wichtige Erkenntnisse für den Medien-Auftritt beleuchtet. Gerade in Interviews zeigt sich, wie kompliziert es ist, den eigenen (politischen) Standpunkt in einfache Worte zu kleiden, ohne populistisch zu sein. Relevant zu sein und sich gleichzeitig von seiner menschlichen Seite zu zeigen.

Wir haben Respekt vor jedem Politiker (und jedem Manager), der sich dem stellt. Und unterstützen jeden mit unserer Arbeit als Medientrainer, den eigenen Standpunkt deutlicher und sich beim Publikum verständlicher zu machen. Erst die Freiheit der Rede macht es möglich, die Kraft der Worte zu nutzen. Um Kompliziertes auszuleuchten, zu belichten, ohne zu blenden. Dabei unterstützen wir als Verband Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen; geben Rückhalt und Ratschlag. Und halten mit unseren Kunden die Kompliziertheit von Demokratie aus.


Wählen ist wichtig.

Unser Vorschlag: Wenn Ihnen der Wahlkampf vielleicht zu fade war, machen Sie sich doch den Wahl-Tag selbst zum Fest: Wahl-Frühstück mit Freunden z.B. (Einlass nur mit abgegebener Stimme (:-) oder ein Dinner mit (Achtung!) Wahl-Menü. Alles geht. Nur eines geht nicht: nicht wählen. Unsere komplizierte, hart erkämpfte und oft schwer auszuhaltende Demokratie braucht jede einzelne Stimme. Schönen Wahl-Sonntag.

Prof. Stefan Korol, 12.09.2017

Über den Auftritt der beiden Kontrahenten bei „Anne Will“


Özdemir und Schäuble ("Anne Will" 10.09.2017)

„Wie viel Grün steckt in Schwarz?“ wollte Anne Will in ihrer gestrigen Sendung vom 10.9.2017 wissen. Beantwortet haben diese Frage Cem Özdemir und Wolfgang Schäuble. Und beide haben auch gezeigt, was einen sympathischen, öffentlichen Auftritt ausmacht: Sei du selbst, sei spontan, bleib locker.

Der eine ist der dienstälteste Politiker Deutschlands: Seit 1972 sitzt Wolfgang Schäuble im Bundestag, in ganz unterschiedlichen Funktionen. Er ist so etwas wie der „elder statesman“ der deutschen Politik; pragmatisch, konservativ, erfahren. Wer Schäuble wählt, weiß genau, was er bekommt. Der andere ist und vertritt eine andere Generation: Cem Özdemir, Deutscher mit türkischen Eltern steht für Multi Kulti, ist mit 15 Jahren bei den Grünen eingetreten und seit 2008 ihr Vorsitzender. Er ist der Herausforderer, er muss kämpfen, überzeugen, Vertrauen gewinnen.

Dementsprechend präsentieren sich beide unterschiedlich: Schäuble stellt die bisherigen Erfolge der Merkel-Regierung in den Mittelpunkt: Wir haben viel erreicht, den Menschen geht es gut. Botschaft: Wer uns wählt kann sich darauf verlassen, dass es Deutschland weiterhin gut geht. Auf die Frage, was denn der Hauptunterschied sei zwischen den Grünen und der CDU: Die Erfahrung in der Regierungsarbeit, die Realitätsbezogenheit. Keine konkreten Inhalte, keine Versprechungen, nur wenige Argumente und selten Vorwürfe an den Gesprächspartner. Schäubles Antworten klingen richtig, kompetent, verlässlich. Freundlich präsentiert, mit Spaß an der Sache und meistens mit einem Lächeln – soll doch der „Jungspund“ sich ereifern.

Und das macht der auch. Özdemir bringt Fakten: Kohlekraftwerke haben einen Wirkungsgrad von nur 30 Prozent. Seit acht Jahren gehen in Deutschland die CO2-Emssionen nicht runter. Er nennt die Ziele seiner Partei: Dieselautos sollen nachgerüstet werden auf Kosten der Autobauer. Ab 2030 keine Verbrennungsmotoren mehr. E-Autos mit mehr Reichweite, Ladesäulen. Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und der Radwege. Und er fordert, dass Umwelt- und Klimaschutz nicht die Aufgabe von nur einem Ressort ist, sondern von allen und in allen Ministerin umgesetzt werden muss.

Özdemir klingt kämpferisch, unterstreicht Inhalte und Forderungen mit Armen und Händen. Das kommt manchmal ein bisschen verbissen rüber. Aber: Er ist der Herausforderer, der Veränderer. Zudem holt er sich selbst immer wieder zurück in die Komfortzone: Wird ruhiger, bringt Botschaften: „Der Slogan der CDU „Wir sollen uns wohl fühlen in Deutschland“ ist gut. Aber ich will, dass auch unsere Kinder und deren Kinder sich noch wohl fühlen.“ Ja, die Grünen hätten nicht so viel Regierungs-Erfahrung wie die CDU. Aber „Es brauchte eine Partei, die sich als Antreiber sieht. Und diese Partei sind wir.“

Bei aller Unterschiedlichkeit im öffentlichen Auftritt: Beide bleiben bei sich. Nichts scheint einstudiert. Beide haben Spaß an dem Gespräch, sie sind spontan, gehen auf die Aussagen des anderen ein.

Und sie beweisen Humor: Özdemir spricht von Sepp Herberger, dem deutschen Fußballnational-Trainer in den 50er Jahren – Schäuble bietet an, mal eben die Aufstellung der Weltmeistermannschaft von 1954 aufzusagen. Schäuble greift Özdemirs Begriff für Merkel als „Lichtgestalt“ auf – Özdemir fügt hinzu „Aber die Heiligsprechung von Frau Merkel müssen Sie schon übernehmen….“. Das alles macht sie sympathisch, glaubwürdig, überzeugend. Und beweist wieder einmal: Über Inhalte lässt sich streiten. Über die Regeln für einen guten öffentlichen Auftritt nicht

Stefan Klager, 04.09.2017

Das TV-Duell der Kanzlerkandidaten mit vielen Überraschungsmomenten

Kanzlerin sein ist kein Kindergeburtstag. Auch der Tag der offenen Tür im Kanzleramt ist es nicht: Gefühlte 2677 Selfies mit Besuchern, die auch Wähler sein könnten. CDU-Kanzlerin Merkel hat schon einen trubeligen Tag hinter sich, als sie zum ZDF-Sommerinterview auf Bettina Schausten trifft. Dank des magenta-farbenen Blazers wirkt sie nicht ganz so erschöpft, wie sie nach einem solchen Tag vermutlich ist.

Die Duellanten / Quelle: ARD Morgenmagazin

Die Bundestagswahl scheint gelaufen, die Umfragen sehen seit Wochen Kanzlerin Merkel (CDU) vorne und den Herausforderer Martin Schulz (SPD) weit abgeschlagen dahinter. Möglicherweise ist der gestrige 3. September der Wendepunkt. 20.15 Uhr, das 90-minütige TV-Duell: Die beiden Spitzenpolitiker ihrer Parteien stellen sich Fragen der Moderatorinnen (ARD und ZDF) und Moderatoren (RTL und SAT.1).

Das Duell nimmt gleich zu Beginn Fahrt auf. Es gibt kein langes Vorgeplänkel, die Fragen werden zügig gestellt. Schulz ist darauf besser vorbereitet als Merkel. Er nimmt den Schlagabtausch auf, antwortet schnell, inhaltlich präzise, aber die Anspannung ist ihm anzumerken: Er ist sehr kurzatmig; statt ruhig zu atmen, atmet er flach, was dazu führt, dass ihm die Luft mitten im Satz wegbleibt. Auch seine Mimik verrät Nervosität.

Merkel scheint der Fragestil nicht zu behagen. Ihre sonst so gelassene Art lässt sie vermissen; auch ihren Stil, Zusammenhänge geduldig zu erklären. Sie wirkt nervös, was sich darin äußert, dass sie schneller als sonst spricht; sie verhaspelt sich ungewöhnlich oft und formuliert längst nicht so präzise wie Schulz. Bei ihm legt sich die Anspannung nach 20 Minuten. Er arrangiert sich wesentlich schneller mit dem Fragen-Staccato in der sterilen Studio-Situation; er platziert seine Botschaften. Er punktet, indem er Merkel, aber vor allem den Zuschauern deutlich macht, dass seine Politik sich von der Merkels deutlich unterscheidet. Beispiel Türkei-Politik. Hier formuliert Schulz konkrete Maßnahmen, die er als Bundeskanzler sofort umsetzen würde: Die EU-Kommission dazu bringen, die EU-Beitrittsverhandlungen sofort aufzukündigen. Sich als Bundesrepublik nicht am Nasenring durch die europäische Manege führen zu lassen. Den Flüchtlingspakt mit der Türkei verändern. Merkel ist überrascht, die Journalisten auch. Die allerdings klammern sich an ihre vorbereiteten Fragen. Mit diesen deutlich formulierten Inhalten schärft Schulz sein Profil. Solch starke Aussagen sind ihm bisher nicht über die Lippen gekommen. Merkel macht phasenweise einen konsternierten Eindruck. Ihr Statement als Reaktion auf Schulz, sie wolle die Türkei auch nicht in der EU haben, klingt wenig überzeugend.

Auch in Sachen Mimik geht der Sieg an Schulz / Quelle: ARD Morgenmagazin

Schulz spricht mit seinem Körper. Wenn Merkel redet, wendet er sich ihr zu. Er sieht Merkel an und nutzt - so es ihm die Moderatoren gestatten - jede Gelegenheit, ihre Einschätzungen zu konterkarieren. Merkel hingegen guckt selten zu Schulz ´rüber. Ihre Gestik ist kaum vorhanden, ihre Mimik wirkt eher beleidigt, manchmal verkniffen, ja, sogar verunsichert. Die Mimik verrät: „Mit diesem Schulz hab ich nicht gerechnet!“

Schulz bringt auch Ironie mit ins Spiel – sicherlich eine Gratwanderung, denn zu groß ist die Gefahr, dass sie missverstanden wird. Und selbst wenn sie verstanden wird, birgt Ironie das Risiko, arrogant zu wirken. Schulz setzt die Ironie so ein, dass er souverän wirkt. Beispiel: Merkel beteuert, für die Bürger nicht die „Rente mit 70“ in Betracht zu ziehen. Schulz lächelt süffisant und kommentiert. „So wie Sie bei der vorigen Bundestagswahl die Maut auch nicht haben wollten!“. Die Lacher hat er auf seiner Seite, denn die PKW-Maut ist inzwischen eingeführt. Merkel ist rhetorisch in der Bredouille, sie schlingert.

Merkel wirkt fahl – nicht nur im wortwörtlichen Sinn. Schulz ist angriffslustig, bringt Merkel immer wieder in eine Verteidigungsrolle und zeigt Emotionen. Er ist „wütend“ beim Thema Diesel-Gate. Er erzählt, dass ihn zu Hause neulich ein Handwerker besorgt gefragt habe, ob die Bürger denn auf allen Kosten sitzen bleiben. Schulz erzählt Privat-Persönliches, gibt sich bürgernah. Das ist klug, denn er zeigt damit: Ich weiß, was den Bürger bewegt. Wer genau hinsieht, merkt allerdings, dass dieser rhetorische Kniff in diesem Fall wenig glaubwürdig ist, denn wer kann sich vorstellen, dass ein Kanzlerkandidat drei Wochen vor der Bundestagswahl zu Hause auf einen Handwerker wartet. Hier verspielt er sich auf der Klaviatur des bürgernahen Argumentierens. Doch er hat Glück: Keiner in der Runde entlarvt dies.
Merkel hat den nahezu identischen Redeanteil, doch konkrete Botschaften platziert sie nicht.

Das setzt sich fort bis zum Schluss-Statement der beiden Kontrahenten. Schulz darf als erster. Und spätestens hier zeigt sich, wie gut ihn seine Berater auf dieses TV-Duell, seine letzte Chance, vorbereitet haben. „Wie viel Zeit habe ich?“, fragt Schulz. „60 Sekunden?“ Pause. „In 60 Sekunden verdient eine Krankenschwester 40 Cent“, beginnt er. Dies wirkt spontan, ist es aber– so behaupte ich – nicht. Es ist vielmehr perfekt vorbereitet. Denn Schulz verbindet die Themen Soziale Gerechtigkeit, Sicherheitspolitik, Internationale Politik, Europa so geschickt miteinander, dass es nur vorbereitet sein kann. Aber auch diese Inhalte des (sicherlich) auswendig gelernten Schlusswortes transportiert er rhetorisch gekonnt: Trotz Zeitdrucks setzt er gezielt Pausen, variiert seine Sprechgeschwindigkeit und setzt – mit Blick in die Kamera, schließlich wurde er ja gebeten, sich direkt an den Zuschauer zu wenden – einen fulminanten Schlusspunkt. Merkel wirkt hier besonders schwach und unvorbereitet. Sie bedankt sich bei den „Zuhörern und Zuschauern“ fürs zuhören und zuschauen, und wünscht schließlich noch „einen schönen Abend“.

Fazit: Überraschungssieger Schulz. 3:0 für ihn – er überzeugt inhaltlich, rhetorisch und erweist sich als bestens vorbereitet.

Dr. Katrin Prüfig, 28.08.2017

Mit wenig Konkretem, aber großer Ruhe stellt sich die Kanzlerin dem ZDF-Sommerinterview

Kanzlerin sein ist kein Kindergeburtstag. Auch der Tag der offenen Tür im Kanzleramt ist es nicht: Gefühlte 2677 Selfies mit Besuchern, die auch Wähler sein könnten. CDU-Kanzlerin Merkel hat schon einen trubeligen Tag hinter sich, als sie zum ZDF-Sommerinterview auf Bettina Schausten trifft. Dank des magenta-farbenen Blazers wirkt sie nicht ganz so erschöpft, wie sie nach einem solchen Tag vermutlich ist.

Angela Merkel im Sommerinterview

Um ein Fazit gleich vorweg zu nehmen: Merkel bleibt sich auch in diesem Gespräch treu. Fast nichts Konkretes, vieles ist ihr „sehr wichtig“, ohne dass wir erfahren, wie sie mit Themen wie Elektromobilität, Diesel-Fahrzeugen, Bildungspolitik konkret weitermachen will. So manche Botschaft klingt identisch mit den Wahlkämpfen zuvor, was Merkel auch anerkennt. Es gebe halt noch viel zu tun. Man sei auf dem Weg. Fast wäre ich eingenickt bei derart tiefenentspannten Worthülsen.

Die verbale Kommunikationsebene bietet keine Highlights: Merkel verwendet gerade zu Beginn des Gesprächs häufig die Formulierung „ich glaube“ – einen überflüssigen Weichmacher in einem ohnehin konturlosen Austausch. Sie nennt „Neugierde“ als Grund für die mögliche vierte Amtszeit. Vieles würde ich Ihre glauben, Neugierde eher nicht. Ein schwaches Argument, das wohl menscheln soll, aber bei ihr – auch so wie es vorgetragen wird – nicht glaubhaft rüberkommt.

Die Fragen von Bettina Schausten scheinen für sie keinerlei Herausforderung. (Die Moderatorin macht es der Kanzlerin wiederholt leicht, indem sie Zwei- und Dreifach- Fragen stellt. Die Bundeskanzlerin sucht sich dann aus, auf welchen Frage sie antwortet.) Auf die Frage: „Was haben Sie persönlich versäumt, um das Ziel zu erreichen, eine Million Elektroautos bis 2020 auf die Straßen zu bringen?“ reagiert Merkel mit dem „Verbrennungsmotor als Brückentechnologie“.

Auf die Frage, ob Martin Schulz ein guter Bundeskanzler wäre, sagt Merkel: Sie will es machen. Auf eine Doppelfrage zu den verheerenden Bedingungen für Flüchtlinge in Libyen reagiert Merkel mit der „Migrationspartnerschaft“ mit dem Land Niger. Dort wolle man „BAMF-Außenstellen“ bilden. Das ist eine von zwei Stellen, wo der Kanzlerin die Behördensprache in eine Antwort reinrutscht. Die andere betrifft die Förderung der E-Mobilität, wo die Prämien „nicht gut abfließen“. Fast schon ein Hinhörer im sonstigen Teflon-Einerlei.

Ist sie deshalb abgehoben, wie ihr der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz vorwirft?

Schwer zu sagen. Inhaltlich ist sie sehr vorsichtig, kommt nicht aus der Reserve. Ihre Botschaft als Person, ihre Körpersprache, ihre Stimmlage – alles sendet Signale der Souveränität. Merkel bewegt sich auf ihren Interviewstuhl so gut wie nicht, mal abgesehen von der einen oder anderen Geste. Botschaft: Alles im Griff, alles ist machbar, in der Ruhe liegt die Kraft. Das ist gut so, aber eben auch nichts, was die Zuschauer vor dem Fernseher fesselt.

Spannender wird es – hoffentlich – am kommenden Sonntag im TV-Duell mit Martin Schulz. Da muss mehr rüberkommen, diese ZDF-Schlummer-Nummer dürfte dann nicht reichen.

Stefan Klager, 21.08.2017

Wahlforscher Stefan Merz zeigt rhetorische Stärken und Schwächen im Radio-Interview

In der hr-Info-Serie „Das Interview“ war jetzt Stefan Merz zu Gast. Merz ist "Direktor Wahlen" bei Infratest dimap, dem Umfrageinstitut, das die Umfragen und auch die 18 Uhr-Prognosen und späteren Hochrechnungen für die ARD erstellt. Die Interview-Sendung ist knapp 25 Minuten lang. Merz freut sich offenbar auf das Gespräch - das ist an seiner Stimme zu erkennen - und er ist gut drauf.

Gleich zu Beginn wird deutlich, wie sehr Mimik zu hören ist, denn Merz lacht charmant – das macht ihn sympathisch. Gleich auf die erste Frage, ob denn der Wahltag etwas ganz Besonderes für ihn sei, liefert er eine schlagzeilenfähige Antwort: „Ja, Wahlabende sind so etwas wie eine Heilige Messe“. Prägnant. Aussagekräftig. Auf den Punkt. Kein Wunder, dass dieser Satz später bei „hr online“ in einem Bericht über das Gespräch als Headline übernommen wird.

Merz hat eine relativ hohe Sprechgeschwindigkeit, aber er formuliert leicht verständlich. Es ist kein Problem ihm zu folgen. Die Frage, was der Unterschied zwischen Umfrage, Prognose und Hochrechnung ist, hätte Merz erwarten können. Doch hier formuliert er verquast und nicht trennscharf. Erstaunlich, denn dies ist ja sein Tagesgeschäft. Vermutlich können ihm an der Stelle nur bereits informierte Hörer folgen. Besser kein oder nur relativ wenig Wissen voraussetzen, ist dann die bessere Strategie. Und innerhalb eines solchen Radio-Interviews nicht nur an die unmittelbaren Gesprächspartner denken – den oder die Interviewer -, sondern an die Hörer der Sendung. Erst auf Nachfrage bringt er den Unterschied zwischen Umfrage vor der Wahl und Prognose deutlich auf den Punkt. Sehr geschickt ist, dass er bei dem wichtigen Satz, die Erhebungen vor der Wahl seien ja nur Stimmungen in der Bevölkerung und keine konkreten Prognosen, seine Sprechgeschwindigkeit verlangsamt. Dadurch bekommen seine Worte ein zusätzliches Gewicht.

Unscharf bleibt Merz auch bei einer interessanten Frage der Journalistin, ob die Prognose denn nur das Auswerten von Daten sei. Er habe mal gesagt, es gehe unmittelbar vor der 18 Uhr-Prognose auch ums Knobeln. In der Tat eine Frage, die aufhorchen lässt und auf die Merz vorbereitet sein muss, denn dieser Begriff ist offenbar im Vorgespräch gefallen. Umso erstaunlicher, dass Merz hier völlig unklar bleibt. Es gebe keine Zauberformel, aber viele Daten, die ausgewertet werden, und es bedarf auch einer gewissen Erfahrung. Aha, aufgrund der „Erfahrung“ werden die konkreten Prognosedaten ermittelt? Hier verliert Merz seine Zuhörer, denn er bleibt unklar. Eine Boulevard-Zeitung hätte aus dieser schwachen Antwort eine Schlagzeile kreiert: „ARD: Die Wahl-Prognose wird geknobelt!“

Die Methode von Befragungen erklärt Merz unmotiviert; er wirkt unkonzentriert, fast gelangweilt. Seine Spannung in der Stimmung fehlt, wobei das für die Hörer ja interessant ist zu erfahren, wie die Erhebungen zustande kommen. Ein einziger Satz bleibt hängen: „Der Zufall braucht seinen Raum.“ Bitte was?
1000 Befragte stehen für 60 Millionen Wahlberechtigte - wie ist bei all den Zufälligkeiten gewährleistet, dass die Umfragen repräsentativ sind? Und wieder fällt der Satz: Dem Zufall Raum geben. Und es folgt keine erhellende Erklärung. Vertane Chance!

Die auflockernden Elemente wie das Auspacken einer Tüte mit Überraschungen meistert Stefan Merz charmant und locker, aber als gefragt wird, welche Koalition seiner Meinung zustande kommt, gerät Merz wieder ins Trudeln. Dies liegt aber diesmal nicht an ihm, sondern an der falschen Frage. Dies ist keine Frage für einen Wahlforscher. Recht spät bekommt er die Kurve: „Die Frage ist nicht von den Demoskopen zu beantworten, sondern von den politischen Akteuren.“ Richtig.

Und jetzt kommen die kritischen Fragen: Trumps Wahlsieg hätten die Wahlforscher nicht vorausgesagt, auch beim Brexit hätten sie danebengelegen. Das Abschneiden der SPD bei Landtagswahlen in NRW, im Saarland und in Schleswig-Holstein sei falsch prognostiziert worden.
Merz verliert an Lockerheit, seine Stimme verrät Anspannung. Es gebe viele verschiedene Dinge, die hier wichtig seien. Wieder beruft er sich auf den Unterschied zwischen Umfrage und Prognose. Ansonsten nennt er keine weiteren Argumente – obwohl er „viele“ angekündigt hatte. Eine Frage, mit der er hätte rechnen können, nein, müssen. Bei dem Thema „Parteien kaufen sich für sie genehme Umfragen“ kontert Merz stark: „Wir arbeiten nur für Medien, nicht für Parteien.“

Fazit: Merz wirkt sympathisch und grundsätzlich kompetent. Er zeigt aber durchaus schwache Phasen, was die Vermutung nahe legt, dass er sich auf das Interview nicht gut vorbereitet hatte. Seine Kernbotschaften hätte er schärfer formulieren sollen – doch über die hatte Merz vermutlich vorher nicht nachgedacht.

Hier finden Sie das komplette Interview.

Ute Emmerich, 21.08.2017

Zum Wahlkampf von Martin Schulz

„Berlin braucht mehr Rheinland“ - über diesen Slogan in Verbindung mit einem übergroßen Konterfei des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz stolperte ich gestern vor meinem Büro. Als gebürtige Kölnerin und überzeugte Rheinländerin lachte mein Herz. Ich schloss die Augen, summte Melodien von Bläck Fööss, Höhnern und Brings, und begann unwillkürlich zu schunkeln. Rheinländische Gefühlsduselei in R(h)einkultur.

Doch dann hielt ich inne: „Was soll das?“ fragte ich mich. „Für welche Werte steht eigentlich das Rheinland? Und was will Schulz den Wählern und Wählerinnen damit vermitteln?“

Gibt es im Rheinland mehr Gerechtigkeit? Steht das Rheinland für eine besonders soziale Politik? Gibt es hier höhere Renten, einen höheren Mindestlohn, Vollbeschäftigung, gleichen Lohn für Frauen und bessere Bildungschancen für sozial Schwache? Oder gibt es im Rheinland eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine bessere Pflege im Alter oder gar eine Bürgerversicherung in der Krankenkasse? Gibt es hier etwa weniger Steuerflucht, keine Abgasskandale und keine staatlich tolerierten Cum-Ex-Geschäfte?

Was will der Merkel-Herausforderer damit sagen? Oder will er gar nichts sagen, sondern einfach nur etwas Frohsinn und noch mehr Kölschen Klüngel in den Deutschen Bundestag bringen und das Kölsche Grundgesetz einführen?

Als Medientrainerin meine ich, dass Sie mit dem Slogan „Berlin braucht mehr Rheinland“ schlecht beraten sind, Herr Schulz. Natürlich ist es Ihre Aufgabe, kurze und einprägsame Kernbotschaften zu formulieren, das erwarten die Medien und auch die Bürger und Bürgerinnen von Ihnen. Aber dabei darf der Inhalt nicht auf der Strecke bleiben.

„Et hät noch immer jot jejange“?* Nein, Herr Schulz, allein mit Frohsinn kann man keine Wahl gewinnen.

* § 3 Kölsches Grundgesetz

Juliane Hielscher, 07.08.2017

Journalisten haben manchmal kreative Ideen für inszenierte Interviews. Mitmachen sollte nur, wer sich wirklich gut konzentrieren kann.

Alle Jahre wieder verlassen Journalisten mit großer Freude ihre Studios, um in den sogenannten Sommerinterviews Politiker in realen Kulissen zu befragen. Das (vermeintlich) entspannte Gespräch am See stellt dabei kaum ein Problem da. Eine echte Herausforderung ist hingegen der (vermeintlich) entspannte Spaziergang.

Beatrix von Storch durfte am Sonntag mit rbb-Reporterin Agnes Taegener durch den Berliner Lustgarten wandern. Was natürlich wirken soll, ist natürlich künstlich hergestellt. In einigen Einstellungen sieht man die Schatten des dreiköpfigen Kamerateams, das vor den beiden Damen hergeht, im Hintergrund schlendern die Bodygards. Und nicht zu sehen, kreisen bei solchen Inszenierungen meist noch weitere Produktionskollegen ums Set. Von den schaulustigen Passanten mal ganz abgesehen. Für ungeschulte Gesprächspartner ist alles zusammen eine große Herausforderung.

Beatrix von Storch hat diese professionell gemeistert. Sie schlendert im vorgegebenen Tempo neben der Journalistin, nimmt dabei lässig auch Kurven, wendet sich trotz der gemeinsamen Schrittrichtung immer wieder der Gesprächspartnerin zu und blickt dieser offen ins Gesicht. Das erzeugt beim Zuschauer den Eindruck, er könne hier tatsächlich Zeuge eines vertraulichen Gedankenaustausches sein.

Obwohl es für so eine Aufzeichnung vorab eine Menge Absprachen gibt, damit das gesamte Interview reibungslos abgedreht werden kann, werden die Fragen vorher nicht verraten. Von Storch kann sich dennoch gut konzentrieren und flexibel und klar auf die unterschiedlichen Themen eingehen. Hier ist zu spüren, dass eine Frau antwortet, die über Medienerfahrung verfügt, die es gewohnt ist vor Kamera und Mikrofon zu sprechen und auch diese Gelegenheit nutzt, ihre Botschaften zu publizieren – sei die Inszenierung auch noch so gestellt. Beatrix von Storch präsentiert sich natürlich und souverän zu gleich. Das ist in der künstlichen Situation eine besondere Leistung.

Wer weniger Erfahrung und schwächere Nerven als die AFD-Europaabgeordnete hat, sollte sich besser nicht auf solche Inszenierungen einlassen.

https://www.rbb-online.de/politik/wahl/bundestag/beitraege/brandenburg-rbb-abendschau-sommerinterview-beatrix-von-storch-afd.html

Daniel Baumbach, 30.07.2017

Thüringens AfD-Chef Höcke verpasst im MDR-Sommerinterview die Chance, über Inhalte zu reden.


Hocke im Interview / Screenshot


Wann ist ein Interview aus Sicht eines Politikers gescheitert? Wenn sich Nachrichtenjournalisten schwer tun, aus einem sechsminütigen Interview einen Nachrichtenwert zu ziehen. Da gibt es kein Schönreden. Anders kann ich das sowohl aus der Sicht eines Nachrichten-Journalisten als auch aus der Sicht eines Medientrainers nicht bezeichnen. Ein Kommunikator hat die Chance, seine Botschaften zu platzieren, verpasst!

So ist es jetzt dem Thüringer AfD-Chef Björn Höcke geschehen. Er gab dem „MDR Thüringen Journal“ ein Sommerinterview. Und das nachrichtliche Filtrat, das dann über die Nachrichtenagenturen lief, war:

  • Höcke ist vom Rückzug seiner Stellvertreterin überrascht gewesen.
  • Höcke will sich nicht zu einem Rechtsextremisten in seiner Landtagsfraktion äußern.
  • Höcke verteidigt das traditionelle Familienbild seiner Partei.

Mehr nicht.

Ich mag es kaum glauben. Ist das eben jener Höcke, der in seiner berühmt berüchtigten Dresdner Rede zu einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ aufrief und der das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Mahnmal der Schande“ bezeichnete? Der Höcke, der immer wieder auf öffentliche Konfrontation mit seiner Parteichefin Frauke Petry geht und als führender Rechtsaußen seiner Partei bezeichnet wird?

Ja, er ist es.

Es ist also offenbar ein eklatanter Unterschied, ob dieser Politiker vor seiner Anhängerschaft eine ausgearbeitete, bedeutungsschwere Rede verliest oder vor einer ziemlich taffen Fernsehjournalistin und drei Kameras sitzt. Höcke scheint wie ausgewechselt zu sein: Einmal selbstbewusst, aufpeitschend und sich in seiner eigenen Bedeutung sonnend; das andere Mal defensiv, ja, eingeschüchtert, irgendwie beleidigt wirkend.
Zweimal reagiert er auf Fragen mit der Phrase „Ich habe den Sachverhalt abschließend und ausreichend beantwortet.“

Seine bisherige AfD-Stellvertreterin in Thüringen, Steffi Brönner, habe gesagt, er sei ein „verwirrter Geschichtsromantiker“. Höckes Reaktion: Er sei da im Urlaub gewesen. Als Politiker „trenne er Phasen der Anspannung und der Entspannung“. Und es sei „wichtig, dass man sich Zeiten der Ruhe gönnt.“
Ist dies eine offensive Verteidigungs- oder Entkräftigungsstrategie in einem Interview? Nein, ist es nicht.

Und nur mit wirklich gutem Willen kann ich eine einzige Antwort von Höcke als Botschaft erkennen. Auf die Frage der Journalistin nach der Flüchtlingskrise, die der AfD für den Bundestagswahlkampf ja abhanden gekommen sei, antwortet er, dass diese Flüchtlingskrise noch da sei und dass die AfD auch noch andere Themen habe, nämlich die Eurokrise, die Kritik an der EU-Bürokratie und die Familienfreundlichkeit.

Das ist eindeutig zu wenig Botschaft für einen Landeschef, dem auch bundespolitische Ambitionen nachgesagt werden!

Hier finden Sie das Interview: http://www.mdr.de/thueringen/video-123750.html

Kathrin Adamski, 24.07.2017

Katja Suding – stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP - zeigt, warum es wichtig wäre, dass man für einen TV Talk Botschaften vorbereitet.


Aus der Sendung "Dunja Hayali" vom 19.7.2017 / Screenshot


Katja Suding, Spitzenkandidatin der FDP in Hamburg und stellvertretende Bundesvorsitzende, zu Gast bei Dunja Hayali. Es geht um Obdachlose, die sich trotz Arbeitsstelle keine Wohnung in der Hansestadt leisten können und warum es viel zu wenig Notunterkünfte gibt. In Wahlkampfzeiten ist Dunja Hayali durchaus eine Plattform, die man als Gast mehr als nutzen könnte. Denn das Thema und die Dialogpartner sind im Vorfeld der Sendung bekannt. Doch Katja Suding nutzt diese Chance nicht. Brav sitzt sie in der Gesprächsrunde. Ihre Haltung: zurückgenommen – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie lehnt am Sofa, kann sich kaum bewegen, wirkt wie festgetackert an der Lehne. Verstärkt wird der Eindruck noch im Gegensatz zur Dynamik von Dunja Hayali, die sich leicht nach vorn beugt, aktiv wirkt, Schwung in den Dialog bringen will. Dagegen wirkt Katja Suding nicht nur non-verbal wie fehl am Platz. Ihre verbalen Äußerungen unterstreichen die wenig aktive Haltung zum Thema. Warum?

Erstens: Weil Sie, statt aktiv zu kommunizieren, nur die angesprochenen Probleme nochmal wiederholt und bekräftigt und das Ganze auch noch im verbalen Passiv formuliert.

„Sie (die Frau, die eine Notunterkunft aufgebaut hat) hat vollkommen Recht, dass man staatliche Leistungen nicht auf Private abwälzen kann und sie dann auch noch alleine lässt. Aber dahinter steckt ja ein Problem, das noch viel größer ist…, (nämlich) dass viel mehr Wohnungen gebaut werden müssen. Das ist die eigentliche Aufgabe, die der Staat hat. Da müssen mehr Anreize geschaffen werden, damit mehr Wohnungen gebaut werden.“

Wer muss bzw. kann hier was tun und wer ist der Staat, von dem Suding da spricht? Gehört die FDP als Möchtegern-Regierungspartei nicht dazu?

Zweitens: Weil Sie nicht darstellen kann, was die FDP zu diesen Themen an Lösungen bietet und welche Rolle sie als mögliche Regierungspartei spielen will.

„Es ist natürlich richtig, dass der Staat die Wohnungen nicht bauen kann, die wir benötigen. Das heißt, wir brauchen private Bauträger, wir brauchen private Genossenschaften und es muss Aufgabe der Politik sein, ihnen nicht mehr Steine in den Weg zu legen, sondern Anreize zu schaffen. Auf der anderen Seite brauchen wir auch Sozialwohnungen, das ist vollkommen richtig…“

Wer ist wir? Und warum hören wir nichts darüber, wie die FDP ein solches Anreizsystem umsetzen würde? Warum hat sich Suding im Vorfeld keine Gedanken dazu gemacht? Das Thema der Sendung war ja bekannt.

Drittens: Weil Sie sich vom ganzen Thema distanziert. Der „Staat“ und „man“ bestimmen die Aussagen. Als ob Katja Suding weder einer Partei angehören würde, die Deutschland mitregieren will, geschweige denn das Thema auf ihrer Agenda eine Rolle spielt. Auf die Frage, was konkret IHRE Lösungen zur Wohnungsnot sind, folgt die bereits bekannte Antwort:

„Das Wesentliche ist, dass MAN Anreize schafft für Investoren…“

Dunja Hayali geht dazwischen und hakt nach: „Ich muss Sie unterbrechen. Was konkret kann das für ein Anreiz sein?“

„MAN muss sich anschauen, was sind da für intelligente Konzepte…“ „Insgesamt ist der STAAT- und das muss MAN sich mal vor Augen führen - für dreißig Prozent der Kosten am Bauen verantwortlich. Da muss sich DER STAAT schon an die eigene Nase fassen und gucken, dass MAN sich im Bereich der Auflagen zurücknimmt.“ „Wie kann MAN da reduzieren, wie kann MAN sich da auf das Wesentliche beschränken…“

Warum ist Katja Suding der Einladung von Dunja Hayali gefolgt, fragt sich der Zuschauer bei jeder Antwort: Wenn Sie doch keine aktiven Botschaften hat und sich – zumindest rein verbal – vom Thema der Sendung distanziert. Da kann man nur sagen: Prüfe, ob Du in einem TV Auftritt wirklich etwas zu sagen hast. Und wenn ja, dann bereite Deine Botschaften vor, zeige aktiv Lösungen auf und würze das Ganze mit dem persönlichen „Ich“ oder „Wir“. Sonst ist diese Plattform nicht nur eine vertane Chance, sondern schadet im schlimmsten Fall dem Image.

Die Sendung finden Sie hier: https://www.zdf.de/politik/dunja-hayali/dunja-hayali-sendung-vom-19-juli-2017-100.html ab 31:26

Daniel Baumbach, 20.07.2017

Wie ein Ministerpräsident nicht aus der Rolle fällt - und was Goethe und Schiller mit einem Linken-Politiker gemeinsam haben.

Bodo Ramelow im „MDR Thüringen Journal“

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow ist einer der rhetorisch begabtesten Landespolitiker Deutschlands. Ein Sommerinterview in seinem Heimatprogramm ist für ihn eine willkommene Bühne, um seine „Thüringer Landeskinder“ zu erreichen und von seiner Sicht der Dinge zu überzeugen. Hier kann er brillieren, hier kann er aber auch Sympathien verspielen. Denn neben seiner rhetorischen Begabung hat Ramelow ein Problem mit seinem Temperament. Wenn er sich angegriffen fühlt, schlägt er schnell mal zurück. Bei Twitter oder Facebook fällt er beispielsweise regelmäßig aus seiner Landesvater-Rolle, wird dort zum gewerkschaftlichen Straßenkämpfer, der er in den 90er Jahren noch war. Und verschreckt dann meist diejenigen Wähler, die in einem „Landesvater“ einen Politiker sehen, der seiner Worte überlegt, sachlich und sympathisch formuliert, der immer Herr der rhetorischen Lage ist.

Ramelow fällt nicht aus der Rolle

Im Sommerinterview des „MDR Thüringen Journal“ ist es Ramelow diesmal geglückt, Ministerpräsident zu bleiben. Er schießt nicht übers Ziel hinaus, eröffnet kein neues Scharmützel mit der Opposition, beleidigt niemanden und ist selbst auch nicht beleidigt, als ihm die Moderatorin ständig ins Wort fällt. Ramelow steckt das weg, akzeptiert die Führungsrolle der Journalistin und beendet seine Sätze sofort, wenn sie zu sprechen anfängt. Das ist kein Zurückstecken, das ist souverän, weil er es trotzdem schafft, seine Botschaften zu platzieren. Einzig seine Stirn müsste der Linken-Politiker glätten. Seine Falten verraten die Anspannung. Die erwartet der Zuschauer bei einem solch medial-erfahrenen Politiker nicht. Andererseits zeigen die Falten, dass er das Interview ernst nimmt und es für ihn kein Tagesgeschäft ist.

Gekonnt um Aussage gedrückt

In den knapp sechs Minuten werden sechs Themen angesprochen. Bei der Gebietsreform, dem größten Regierungsvorhaben seiner Amtszeit, das zu scheitern droht, verschafft sich Ramelow Zeit. Erst nach der Sommerpause liege das schriftliche Urteil des Verfassungsgerichtes vor. Erst dann könne er mehr sagen. Das ist ein Herumdrücken um die Antwort, aber durchaus legitim. Denn als Chef der Exekutive achtet er die Entscheidung der Judikative.

Gleichzeitig betont Ramelow, dass die Gebietsreform kommen wird, wenn auch nicht unbedingt vollständig in dieser Legislaturperiode. Kein Wort dazu (und auch keine Feststellung der Journalistin), dass das ja ein Scheitern ist. Denn bis 2018 sollte die Gebietsreform unter Dach und Fach sein, bevor die Landräte neu gewählt werden. Gekonnt auch, wie Ramelow es schafft, die Reform von seiner weiteren Karriere zu entkoppeln. Er habe einen Amtseid abgelegt, und das Land müsse „zukunftsfest“ gemacht werden. Die Botschaft ist klar, hier klebt ein Ministerpräsident nicht an seinem Sessel, sondern tut selbstlos sogar Umstrittenes für das Wohl des Landes.

Gesicht wurde gewahrt

Beim zweiten großen Thema des Sommerinterviews schwächelt der Ministerpräsident allerdings ein wenig. Hier muss er erklären, warum er seine Bildungsministerin abgelöst hat. Die Linken-Politikerin gilt selbst in den eigenen Reihen als unglückliche Personalie und ist seit Monaten schwer erkrankt. Ramelow bekommt es im Interview hin, das Gesicht der Frau zu wahren. Sie habe gesagt, sie schaffe den Job nicht mehr. Kein Wort dazu, dass er sie eigentlich schon vor Monaten hätte ablösen müssen - nicht weil sie erkrankt ist, sondern weil sie dem Amt nicht gewachsen war. Er kann seine Führungsschwäche so unwidersprochen kaschieren. Allerdings schafft es der große Redner nicht, in einfachen emphatischen Worten Mitgefühl zu zeigen. Hier wirkt er durch viele Substantivierungen hölzern.

Goethe, Schiller und der Linke

Etwas unfreiwillige Komik dann, als es um den Nachfolger der Bildungsministerin geht, einen Linken-Politiker aus Mecklenburg-Vorpommern. Ob das nicht eine umstrittene Personalie sei, weil es niemand aus Thüringen sei, will die Moderatorin wissen. Ramelow antwortet mit einer Gegenfrage. „Woher kam Johann Wolfgang von Goethe, woher kam Herr Schiller? Alles Menschen, die von irgendwo kommen und als große Thüringer gelten.“

Einen Bildungspolitiker auf eine Stufe mit den berühmtesten Dichtern Deutschlands stellen? Das ist ein Schuss deutlich übers rhetorische Ziel hinaus. Aber zumindest schafft es Ministerpräsident Ramelow, sich nicht noch selbst zu Goethe und Schiller hinzuzufügen. Er kam schließlich aus Niedersachsen nach Thüringen.

Heike Klatt, 14.07.2017

Von norddeutscher Gelassenheit, Glaubwürdigkeit und vom Geschichten erzählen: der weitgehend souveräne Auftritt eines erfahrenen Politikers

G20-Randale, Autos in Flammen, marodierende Extremisten in der ganzen Stadt. Nicht die beste Kulisse, um im Wahlkampf für die SPD zu punkten. Stadtoberhaupt Olaf Scholz hatte sich die Strahlkraft des Weltereignisses G20 sicher anders vorgestellt. Trotzdem steht er in der Talkshow Anne Will Rede und Antwort.


Quelle: "Anne Will" vom 09.07.2017


Es geht auch in Talkshows um nichts Geringeres als darum, Botschaften zu senden. Und noch bevor der Erste Bürgermeister der Hansestadt, Olaf Scholz, auf die erste Frage in der Sendung Anne Will antwortet, stellt er etwas klar. Nämlich, wie er das mit den Verkehrsproblemen (nicht mit den Gewaltexzessen) beim G20-Gipfel im Vergleich zum Hamburger Hafengeburtstag gemeint hat. Viele hätten „ihm das Wort im Mund herum gedreht“. Es geht um dieses Zitat: "Wir richten ja auch jährlich den Hafengeburtstag aus. Es wird Leute geben, die sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist."

Gut gemacht! Mit einer ruhig eingeflochtenen Klarstellung zu beginnen, die bestenfalls nicht als Rechtfertigung rüberkommt, ist vom Hamburger SPD-Politiker ein cleverer Schachzug, weil zwei Dinge gelten: 1. Nutze jede Gelegenheit Botschaften zu senden. Und die Talkshow „Anne Will“ war eine solch gute Gelegenheit. 2. Reagiere auf anklagende Fragen nicht reflexartig mit Verteidigungspose. Sondern mit der Gegenfrage, „vielleicht lassen Sie mich kurz noch einen Satz sagen zu …“. Da ihm die Moderatorin dies gewährt: Bravo.

Nach dieser guten Minute beantwortet Olaf Scholz die gestellte Frage. Dass er unter Druck steht, weil trotz enormer Polizeianstrengungen die Gewalt extrem eskaliert war, merke ich ihm hier nicht an.

Minuten später dann landet Olaf Scholz einen weiteren rhetorischen „Coup“. Er gibt seinem rednerischen Gegenspieler Recht. Das ist clever. Fällt doch dabei sicher eine Scheibe Sympathie für einen selber ab. Und: Es lenkt ab von negativen Fragen. Einen Satz allerdings mit „ich glaube“ zu beginnen ist weniger clever! Weil der Redner als unkonkret wahrgenommen wird. Weil „ich glaube“ weichgespült ist und „Pack an“ entbehrt. Besser wäre gewesen zu sagen: „wir arbeiten höchst intensiv daran herauszufinden.“ Hier zeigen sich „Pack-an“ und Entschlusskraft deutlicher.

Dem Gesprächsnachbarn über eine längere Redezeit permanent in die Augen zu schauen ist schwer. Schwerer noch, wenn ihn diese Person zwar (nur) sachlich jedoch namentlich angreift. Daher ein Pluspunkt für Olaf Scholz. Über eine Minute lang hält er den Augenkontakt zu Georg Restle, dem Moderator der Sendung „Monitor“. Gleichzeitig bleibt sein Oberkörper ruhig. Scholz sendet damit die Botschaft: Das Gesagte ist ihm in diesem Moment wichtig und „ich bin ganz Ohr“!

Viele Redner packen zu viel Fachwissen in den Redeanteil. Langes Reden aber erzeugt oft gelangweiltes Zuhören. Fachwissen griffig formuliert und in einer Geschichte präsentiert, die auch noch Bilder in den Köpfen der Zuschauer erzeugt (Helmut Schmidt als Ideengeber des G7 Gipfels) kann hingegen gut ankommen. Olaf Scholz tat das nach dem Motto: Ich bin zwar schon lange Politiker (verlegenes Lächeln), plaudere trotzdem gerne mal aus dem Nähkästchen, und teile euch, liebe Zuschauer, meine Botschaft mit: „das Format G20 ist richtig“. Wieso nicht!?

Fazit: Olaf Scholz spielt die eine oder andere Rhetorik-Karte gut. Obwohl er unter starkem Druck steht: Glaubwürdigkeit und Emotionen bedient er souverän an mehreren Stellen. Solche rhetorischen Mittel dienen schlichtweg dazu, die Botschaft zu überbringen. Und darum geht es ja!

Dr. Katrin Prüfig, 09.07.2017

In der Ruhe liegt die Kraft – klare Positionen, nicht immer klare Aussagen

Grauer Schnauzbart, graues Haar, dezente Brille – nein, der Typ „Rockstar“ unter den Parteien- und Wahlforschern ist Oskar Niedermayer nicht. Wenn er am Rande der Parteitage von AfD und zuletzt den Grünen das Geschehen und die Entscheidungen kommentiert, dann wirkt er ruhig, sachkundig, wie ein Fels in der Brandung. Und die Brandung, das ist beim AfD-Parteitag der Reporter von Phoenix, dessen Worte sich fast überschlagen. Der auch mal Dreifach-Fragen stellt, hektische Co-Referate hält, im Grunde nervt. Niedermayer bleibt gelassen. Er steht solide, als hätte er vor dem Mikrofon seinen Anker geworfen. Seine Antworten sind - trotz des Fragen-Wirrwarrs – gut strukturiert. Immer wieder betont er zum Beispiel „das eine“ und „das andere“. Deutlich hörbar ist das weiche „s“ des gebürtigen Odenwälders oder das „sch“, wo eigentlich nur ein „ch“ hingehört: Das macht den Professor gleich weniger professoral.



Die hessischen Anklänge machen allerdings eins nicht wett: den Eindruck eines distanzierten, doch nicht komplett involvierten Gesprächspartners. Als Zuschauer hört man ihm zu, das Sprechtempo ist angenehm, die Worte sind gut gewählt. Und dennoch. Es spricht der über den Dingen stehende Experte, nicht der Mensch Oskar Niedermayer. Woran liegt das? Drei Punkte fallen dazu auf:

  1. Die randlose Brille. Sie lässt in fast keiner Einstellung der Kamera den Blick auf die tief liegenden Augen zu. Das liegt sicher auch in der Verantwortung des Kameramanns. Allerdings wäre auch der Wahlforscher gut beraten, das – buchstäblich – mit im Blick zu haben. Denn einem Menschen „ohne Augen“, dem trauen wir dann doch nicht völlig.
  2. Die Wortwahl: Niedermayer verwendet häufig das Wörtchen „man“. Entweder in der Form „man muss sagen“ – und meint sich selbst. Oder „man hat das Alleinstellungsmerkmal verloren“ – und meint die Grünen. Dieses kleine Wort löst beim Zuhörer Unklarheit darüber aus, wer denn nun handelnde Person ist. Und beim Sprechenden selbst – das wissen wir aus der Hirnforschung – bleibt eine gewisse Distanz zur eigenen Aussage. Gut zu beobachten am Rande des Fußballfeldes, wenn die Verlierer-Mannschaft davon spricht, „man“ habe nicht alle Chancen genutzt und „man“ habe nicht genug Druck nach vorn gemacht.
  3. In der Ruhe liegt die Kraft – in der Stimme liegt davon zu wenig. Bei Niedermayer klingt alles gleich wichtig. Mitunter wirkt es sogar etwas monoton. Das fällt besonders auf, wenn das Publikum ihn nur hört, wie in diesem Off-Air-Interview.
    "Radio"-Interview Prof. Dr. Oskar Niedermayer: https://www.youtube.com/watch?v=i9Rd6DDFz-U

Meine Überzeugung: Gleichförmige Sprechweise und Wortwahl hängen eng zusammen mit dem so genannten Involvement – der inneren Beteiligung. Würde der Wissenschaftler sich öfter mal ein „ich“ trauen, käme sicher auch mehr Lebendigkeit in die Stimme, wäre er mehr involviert. Statt „muss man sagen“ – „finde ich wichtig“. Ein kleiner Schritt zu mehr Präsenz.

Katja Schleicher, 04.07.2017

Katrin Göring-Eckart im neuen ARD-Format „Frag selbst“


"Frag selbst" mit Grünen-Spitzenkandidatin Göring-Eckardt, 02.07.2017 / Screenshot


Lust und Last eines neuen Formates

Um den Wahlkampf zu begleiten, hat die ARD ein Publikums-Format gestartet. „Frag selbst“ ist eine Art Bürgerforum im Fernsehen: Die Fragen der Bürger werden -kurz durchmoderiert- an den entsprechenden Gast weitergegeben. Die grüne Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckart nimmt im Anschluss an ihr Sommer-Interview als erste auf dem Gäste-Stuhl Platz. Vorteil: Das Format ist neu, das gibt extra viel Aufmerksamkeit. Nachteil: noch ist nicht alles eingespielt, da ist die Unsicherheit für alle Beteiligten höher. In dieser Erst-Ausgabe wirkt die interviewte Politikerin insgesamt entspannter und sympathischer als die ARD-Journalistin.

Botschaften und Bilder zuerst!

Gerade in einer so schnellen Sendung (möglichst viele Fragen, möglichst unterschiedlich) gilt: Botschaften und Bilder zuerst! Weniger erklären, was es nicht ist, was man nicht denkt. Direkt mit dem ersten Halbsatz die Botschaft in den Mittelpunkt stellen, die Aussage zuspitzen, ein oder zwei griffige Beispiele anbieten. Katrin Göring-Eckart hat genug davon parat. Sie kommen bei jeder Frage. Und jedes Mal zu spät. Sie zeichnet griffige Beispiele. Die durch den späten Einsatz automatisch an Wirkung einbüßen.

Konjunktivistischer Glaube

„würde, hätte, könnte“… Im Wunsch, alles richtig zu machen, strapaziert die grüne Spitzen-Politikerin den Konjunktiv über Gebühr. „Wenn Sie mich nach frühen Erlebnissen fragen, dann würde ich sagen…“ „Ich würde niemals behaupten, mich immer richtig zu verhalten“… Puh, bis da des Pudels Kern zum Vorschein kommt. In einem so schnellen Format fällt das besonders auf: „Wie alle Menschen zweifle ich, ob ich alles richtig mache“ ist eine Alternative, die Medientrainer hier anbieten können. „Also eigentlich glaube ich nicht, dass …“ ist auch so eine Einstiegs-Formulierung, die nirgends hin führt. Stattdessen lieber gleich sagen, was zutrifft: „Das schmerzt.“ statt „Es ist nicht so, dass das an einem abprallt.“

Ja zu Trigger-Wörtern

Das Interview entfaltet seine stärkste Kraft, wenn die Grünen-Politikerin mit einem Wort oder Halbsatz ein Bild zu malen vermag. Dann ist sie direkt bei den Leuten. Ist es umgedreht, kommt erst die Aussage, dann die Bewertung, dann verliert die Botschaft an Kraft. „Ich hab mal eine Sache gemacht, die hat mir geholfen. Erstaunlicherweise.“ Und dann erst kommt, worum es eigentlich geht: das Vorlesen der eingegangene Hass-Mails. Stattdessen: „Als ich die eingegangenen Hassmails laut vorgelesen habe,“ … und dann die emotionale Bewertung dahinter setzen. In einem anderen Format (einem Porträt beispielsweise) ist das möglich, beim hohen Tempo in dieser Sendung jedoch das Risiko zu hoch, das Publikum zu verlieren.

Abwechslung in die Stimme

Katrin Göring-Eckart hat als Polit-Profi die Ruhe weg. Auch in der Stimme. Toll für die überhitzten Polit-Podiums-Diskussionen. Nachteilig, wenn diese Ruhe zu übermäßigem Gleichmaß und eintöniger Modulation in der Stimme führt. Stark ja, aber eben gleichförmig. Da sucht sich die Aufmerksamkeit des Publikums schnell ein anderes Ziel. Gerade bei einem solch bürgernahen Format eine ungenutzte Chance.

FAZIT:

Die Botschaft gleich im ersten Satz platzieren. Ganz früh dran sein. Mit einem anschaulichen Beispiel illustrieren. Damit bleibt das Interview griffiger und spannender fürs Publikum. Kurzum: Wenn der Anfang stimmt, bleibt das Publikum gern bis zum Ende.



Zum Nachschauen:

https://www.tagesschau.de/inland/frag-selbst-107.html

Prof. Stefan Korol, 26.06.2017

Die SPD hat auf ihrem Sonderparteitag ihr Wahlprogramm verabschiedet. Jetzt muss sie noch lernen, gegenüber den Wählern nur Wichtiges zu präsentieren. Und Unwichtiges wegzulassen.



Kurz, aber heftig – auf die SPD/Schulz-Euphorie im Frühling 2017 folgte der Einbruch, auf aktuell 16 Prozentpunkte hinter der Union. Auf dem Sonderparteitag der SPD am 25. Juni 2017 in Dortmund wollten die Partei und ihr Vorsitzender Martin Schulz den Startschuss geben für die Aufholjagd. Was die Präsentation von Inhalten und Personen angeht, sind gestern vier Dinge deutlich geworden, an denen die SPD noch arbeiten kann:

  1. „Wir können alles!“. Bestimmt haben sich Basis, Arbeitsgruppen und Parteiführung viel Mühe gegeben mit dem Wahlprogramm, das die Partei gestern präsentiert hat. Es umfasst viele Themen und politische Ziele. Aber es gibt keine Schwerpunkte. Keine hervorgehobenen Botschaften. Kein Fokus auf die wichtigsten Punkte. Die SPD verstößt mit dieser Präsentation gegen eine wichtige Regel in der öffentlichen Kommunikation: „Nicht vollständig. Sondern verständlich.“ Nur wer Kunden (Wählern) in wenigen, dafür aber klaren Sätzen die Vorteile und Nutzen des eigenen Produktes deutlich macht, bleibt im Gedächtnis. Wird gekauft oder eben gewählt.

  2. „Wir sind super korrekt!“. Im Interview wird Martin Schulz gefragt, warum die SPD in Dortmund keine Koalitionsaussage gemacht hat. Seine Antwort ist lang. Alles was er sagt, klingt inhaltlich richtig. Und korrekt. Und furchtbar langweilig. Warum nicht selbstbewusst, leidenschaftlich und kämpferisch dem Journalisten (und den Wählern) ein „Das ist Schnickschnack. Wir wollen stärkste Partei werden!“ entgegenhalten? Was sind die Rentenpläne der SPD? Auch hier zählt Schulz brav und akribisch alle Punkte auf; will nichts und niemanden unerwähnt lassen. Und am Ende seiner Antwort kann man als Zuschauer nicht mehr sagen, was die Rentenpläne der SPD sind. In seiner Abschlussrede bedankt sich Hubertus Heil bei allen, die bei und an diesem Parteitag mitgearbeitet haben: Mitglieder, Landesverbände, Stadt Dortmund, Polizei, Sanitäter, Saalordner – und noch, gefühlt, 20 weitere Berufsgruppen. Auch das ist richtig. Vollständig. Eben korrekt. Und total langweilig.

  3. „Schaut mal, was die anderen alles falsch machen…!“. Die Aufgabe einer (Chef-)Rede ist es, zu motivieren. Die Stärken des Unternehmens, seiner Produkte und seiner Mitarbeiter herauszuheben. Zu loben. Und damit Leidenschaft und Motivation zu entfachen. Das macht Schulz – auch. Aber er verwendet viel Zeit darauf, akribisch aufzuzählen, was die CDU und Merkel alles falsch machen. So hebt er lang und langatmig hervor, dass Merkel sich weigert, zu aktuellen Themen und Problemen Stellung zu nehmen, alles nur aussitzt. Sogar einen Extra-Titel hat er sich für diese Geschichte ausgedacht (ja, Geschichten zu erzählen ist immer gut.): „Ich erzähle euch jetzt einmal die Geschichte… (kurze Pause) …von der asymmetrischen Demobilisierung“. Wie bitte? Was ist das denn für ein Wort-Ungetüm? Ja, eine Partei muss gerade bei einem Parteitag auch mit dem politischen Gegner abrechnen. Aber diese Auseinandersetzung darf weder zeitlich noch inhaltlich die Präsentation der eigenen Stärken überdecken.

  4. „Aber wir sind doch die Arbeiterpartei!“. Ja, auch im Jahr 2017 darf eine Partei kurz auf ihre historischen Erfolge verweisen. Aber die Entscheidungen von heute stark in den Kontext der SPD-Gründerväter und -jahre zu stellen – das ist dann doch sehr klischeehaft, noch dazu in einem Land, das trotz einiger sozialer Ungleichheiten zu einem der wohlhabendsten Länder der Welt zählt. Und vielleicht sollte jemand den Genossinnen und Genossen einmal sagen, dass wir in Deutschland keine Arbeiterfront mehr haben. Und das, was davon noch übrig ist, von den Gewerkschaften vertreten wird. Deswegen sollte die Partei auch ihre traditionelle Parteitags-Schlusszeremonie überdenken: Das gemeinsame Absingen von „Wenn wir schreiten Seit‘ an Seit‘“ klingt heutzutage eher wie ein Abgesang. Das Relikt der alten Tante SPD.

Fazit: Schwerpunkte setzen, verkürzt und dafür merkbar kommunizieren, sich nicht vom Gegner dirigieren lassen, (historischen) Ballast abwerfen – der Weg zu einer Markenbildung ist ja hinlänglich bekannt. Die SPD wird sich entscheiden müssen, ob sie hier über ihren eigenen Schatten springen und Wählerstimmen holen will. Oder weiterhin nur alles, alles vollständig, alles korrekt und alles wie immer machen will.

Kathrin Adamski, 19.06.2017

Viel hilft nicht viel – warum übermäßiger Druck in der Stimme nicht die Überzeugungskraft verstärkt


Özdemir druckvoll im Tagesschau-Bericht vom 16.06.2017 / Screenshot


Cem Özdemir – der schwäbische Deutsch-Türke an der Doppelspitze der Grünen. Er soll zusammen Katrin Göring-Eckardt dafür sorgen, dass die Grünen bei der Bundestagswahl auf Platz drei der stärksten Parteien landen. So das ausgegebene Ziel auf der Delegiertenversammlung der Grünen am Wochenende. Und Cem Özdemir versucht auf ganz eigene Weise, diesem Ziel Ausdruck zu verleihen: Nämlich mit Druck in der Stimme.

Egal, wann und wo er spricht, Cem Özedmir hat sich angewöhnt, seine Zuhörer mit stimmlichem „Nachdruck“ zu überzeugen. In jedem Satz hebt er an, als ob es der wichtigste Satz seiner Aussage wäre. Dem folgen dann allerdings unzählige weitere Sätze in gleicher Machart, viele mit inhaltlichen Schleifen und Kurven. Fast getrieben wirkt es, wenn er seine Stimme nur allzu oft am Satzende hebt. Und statt der natürlichen Sprachmelodie, in der man üblicherweise nur eine Betonung setzt, betont Özdemir auch gern mehrere Worte eines Satzes, gibt dem Stimmdruck immer wieder einen Impuls, hängt mit kurzen Satz-Pausen Gedanke an Gedanke oder macht Sprechpausen mitten im Satz, wo natürlicherweise keine Pause im Gedankenfluss entsteht.
http://www.tagesschau.de/inland/gruene-parteitag-145.html

Die Folge: Es entsteht ein Stakkato-Geleier ohne klare Signale, was Haupt- und Nebeninformationen sind, was sich der Zuhörer merken soll und was nur inhaltliches Beiwerk ist. Ebenso wenig wird sichtbar und hörbar, was Özdemir tatsächlich fühlt.
https://www.welt.de/politik/deutschland/article163759287/Oezdemir-stellt-klare-Forderung-an-Deutschtuerken.html

Es klingt emotional nach Einheitsbrei. Denn gerade Stimme und Sprachmelodie in ihrer Natürlichkeit machen verbale Äußerungen greifbar, entscheiden über glaubwürdig oder eben auch nicht.
Selbst Özdemirs Nachruf auf den Altbundeskanzler Kohl an seinem Todestag wirkt in der Collage seiner Politikerkollegen wie eine roboterartige Wahlkampf-Rede aus alten Zeiten statt des wertschätzenden emotionalen Abschiednehmens von einem bedeutenden Politiker.
https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-299431.html (bei 1:48)

Warum spricht Cem Özdemir mit so viel Druck? Ist es der Druck, den er selbst verspürt, weil die Grünen laut Aussage des ARD Deutschlandtrends von 57% der Bevölkerung als nicht so wichtig gesehen werden und es mit dem dritten Platz bei der Bundestagswahl eng werden könnte? Oder versucht Özdemir mit dieser Art zu sprechen, das Motto der Grünen umzusetzen: „Zukunft wird aus Mut gemacht“. Ist es Mut, den sich Özdemir mit seiner überbetonten druckvollen Kommunikation selbst zusprechen will?

Wir wissen es nicht. Aber was der Zuschauer ahnt und spürt: So ist dieser Mann in Wirklichkeit nicht. Und mancher wird sich fragen, ob Özdemir so druckvoll auftritt, damit er als Grüner wenigstens gehört wird, wenn schon die Partei für die Mehrheit der Deutschen wohl inhaltlich nicht (mehr) sichtbar ist. Leider ist Druck auf der Stimme das falsche Mittel: Denn Druck auf der Stimme führt häufig dazu, dass Gesprächspartner oder Zuschauer auf Distanz gehen, bewusst oder intuitiv. Druckvolle Sprecher sind anstrengend.

Also: Nicht, wer am meisten künstlichen Druck auf seine Worte gibt, überzeugt andere, sondern wer auf natürliche Weise erklärt, wovon er überzeugt ist. Dann entstehen automatisch laute und leise Töne, lassen sich Emotionen und Haltung erspüren. Und gerade die leisen Zwischentöne im gekonnten Redemix sind es, die neugierig machen, hinhören lassen und gehört werden wollen.

Juliane Hielscher, 12.06.2017

Von der Kunst, Kernaussagen zu formulieren und sich Verhandlungsspielraum zu verschaffen.

Am Wochenende hat DIE LINKE auf dem dreitägigen Parteitag in Hannover ihr Wahlprogramm beschlossen. Und woran sind Journalisten interessiert? Nicht an den Plänen zu einem sozialen, gerechten und friedlichen Miteinander – sondern an der Frage, ob DIE LINKE innerhalb einer Koalition mitregieren will. Während Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht in ihrer rhetorisch starken Rede den möglichen Partnern aus dem grün-roten Spektrum eine mehr als deutliche Absage erteilt, drückt sich Dietmar Bartsch geschickt aus und sorgt dafür, dass alles möglich bleibt.

Dietmar Bartsch im Tagesschau-Interview

Am Wochenende hat DIE LINKE auf dem dreitägigen Parteitag in Hannover ihr Wahlprogramm beschlossen. Und woran sind Journalisten interessiert? Nicht an den Plänen zu einem sozialen, gerechten und friedlichen Miteinander – sondern an der Frage, ob DIE LINKE innerhalb einer Koalition mitregieren will. Während Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht in ihrer rhetorisch starken Rede den möglichen Partnern aus dem grün-roten Spektrum eine mehr als deutliche Absage erteilt, drückt sich Dietmar Bartsch geschickt aus und sorgt dafür, dass alles möglich bleibt.

„Wenn es denn von den Wählerinnen und Wählern einen Auftrag gibt, dann ist es selbstverständlich, dass wir in Gespräche gehen und dass wir Kompromisse gegebenenfalls finden werden. Aber das ist Punkt 3. Ich möchte mit Punkt 1 beginnen: Erfolg der Linken...“ sowieso alles im grünen Bereich ist.

Die relevante Passage finden Sie bei Minute 8.55 – 9.10

Wie der Satz weitergeht, hören wir nicht. Denn der O-Ton wurde an dieser Stelle abgeschnitten. Auch langjährige Erfahrung mit Medienvertretern hilft hier nicht. Auf die Wahl des Gesprächsausschnitts hat der Interviewte keinerlei Einfluss. Und dennoch stellt der Politiker klar, dass die Koalitionsfrage nicht so wichtig ist, wie das Wahlprogramm – obwohl er dazu nicht mehr zu hören ist. Und so ganz nebenbei macht er deutlich, dass eventuelle Koalitionswünsche von Wählern ernst genommen werden und sich diese natürlich auch diplomatisch umsetzen ließen. Damit öffnet er die von Mitkandidatin Wagenknecht zugeschlagene Tür, ohne ihr zu widersprechen oder sie gar in der Öffentlichkeit zu beschädigen. Das ist für einen Interviewschnipsel von fünfzehn Sekunden eine recht beachtliche Leistung.

Dr. Katrin Prüfig, 07.06.2017

Die kommunikativen Stärken und Schwächen der neuen Bundesfamilienministerin

Die Politik braucht Frauen wie Katarina Barley: Freundlich, sympathisch, in angenehmer Weise präsent im direkten Gespräch. Auch Attribute wie feminin und apart treffen auf sie zu. In Interviews wirkt sie inhaltlich gut sortiert und klar. Diese Klarheit zieht sie zum einen aus dem sehr konstanten Blickkontakt zum Gegenüber. Konzentriert und doch nicht streng im Blick antwortet sie in „Botschaften-Päckchen“, die der flüchtige Zuschauer, Hörer oder Leser gut aufnehmen kann. Ihr Sprechtempo ist angenehm, man kann ihr gut folgen.

Katarina Barley im Interview / Screenshot YouTube

Inhaltlich gelingt es der Juristin, komplexe Sachverhalte darzustellen, wie z.B. die sogenannten „Filterblasen“, in denen sich Facebook-Nutzer befinden, ohne es zu wissen.
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-02/katarina-barley-spd-martin-schulz-fake-news-wahlkampf-soziale-medien/seite-3

Sie benutzt Vergleiche – mit Hackern sei es „wie beim Doping: Die Mistkerle sind einem meistens einen Schritt voraus.“
Sie sendet Ich-Botschaften: „Aber noch etwas bereitet mir Unbehagen: Wenn Facebook einmal weiß, wie man tickt…“ – bringt damit einen neuen Gedanken ins Gespräch.
Sie kann sensible Themen gut verpacken, wertschätzt ihren früheren Partei-Chef Sigmar Gabriel genau wie Martin Schulz.

All das ist gut, für die Rolle der SPD-Generalsekretärin und künftig auch für die der Bundesministerin. Was fehlt?

„Abteilung Attacke“ sei nicht ihre Sache, hieß es in mehreren Kommentaren, als die SPD trotz Schulz-Effekt bei den Landtagswahlen im Mai nicht punkten konnte. Dafür sind Generalsekretäre schließlich da, könnte man meinen, für Attacke eben. Ein paar Giftzähne können da nicht schaden. Andrea Nahles hat sie. Manuela Schwesig vielleicht auch. Aber zu Katarina Barley passt laute Attacke nicht, und sie ist gut beraten, es auch gar nicht zu versuchen.

Was der 48jährigen fehlt, ist die Fähigkeit, ihren eigenen, gut gewählten Worten Kraft zu verleihen. Zu häufig ist die Stimme am Satzende oben. Dadurch hängt die Botschaft in der Luft, kann keine starke Wirkung entfalten. Das passiert häufig, wenn ein Interviewter sich zwar schöne Kernbotschaften überlegt hat, aber selbst nicht 100prozentig daran glaubt. Dann ist das Gehirn damit beschäftigt, die Botschaften richtig abzurufen. Überzeugungskraft entfalten sie so nicht.

BMTD-Gastbeitrag von Stil-Expertin Elisabeth Motsch, 30.05.2017

Angela Merkels Blazer-Anpassung

Politikerinnen haben es heute schwer. Sollen sein wie du und ich, aber doch mit einem gewissen Style. Nicht zu männlich, nicht zu abgehoben. Nicht besonders auffallen, aber doch bitte authentisch. Dabei steht gerade bei Politikerinnen die Freude am guten Aussehen weit hinten auf der Agenda. Bei dem großen Arbeitspensum bleibt kaum Zeit, sich um den eigenen Stil zu kümmern. Angela Merkel hat erfolgreich einen Weg aus diesem Dilemma gefunden: Struktureller Einheits-Look, innerhalb dessen variiert wird: Blazer und Hosen dazu.

Expertin-Blick auf den Merkel-Style

Merkel hat mit Mode nichts am Hut. Als Physikerin und Frau, ohne Mode-Gen, mit ganz anderen Interessen, musste sie sich gezwungenermaßen in ihrer Rolle dem Druck, etwas aus sich zu machen, beugen. Ihre Figur ist nicht leicht zu kleiden, in Röcken fühlt sie sich vermutlich nicht wohl. Aber sie weiß, dass gerade in ihrer Rolle Kleider Leute machen und dass Deutschland würdig zu vertreten ist. Das hat sie trotz all der üblichen Kritik bisher sehr gut gemeistert und das Beste draus gemacht.
Stellen Sie sich vor, sie würde auf einmal mit schicker Frisur und modischer Kleidung auftreten. Die Welt würde sich darauf stürzen, die Zeitungen wären voll vom neuen Look der Kanzlerin.
Die Aufmerksamkeit wird auf etwas gelenkt, was sie weder ist noch sein will. Ihre Inhalte sind ihr und vielen anderen wichtiger, als eine gewisse Extravaganz.

So wenig Veränderung wie möglich, so viel wie nötig

Ja es gibt sie die Veränderung. Deutlich genug, um bemerkt zu werden. Subtil genug, um kein politisches Thema zu werden. Nach wie vor Blazer mit Hose und kurzen Ketten. Mehr Farbe, größere Varianz in Knöpfen und Kragen. Damit entspricht sie auch einem generellen deutschen Grundprinzip: nix Disruptives, bitte. Wenn Veränderung, dann in kleinen Schritten. Aber selbst Angela Merkel, die Beständigkeit in Person, hat Lust auf etwas Veränderung. Sie wollte vermutlich den Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen und den Wunsch nach ein bisschen mehr Chic entsprechen. Und Ihre Designerinnen haben es ihr wahrscheinlich auch zugeraten.

Luft nach oben ist immer, aber bei ihr nicht mehr sehr viel. Darum ist die subtile Veränderung in ihren Blazern und Accessoires auch so bemerkenswert. Mal einen schicken Stehkragen, der ein wenig wie ein Kelch wirkt oder ein wenig mehr Ausschnitt und einen Schalkragen. Mehr Highlights durch die Highlights. Ohne am Morgen zu viel nachdenken zu müssen, welche Kette zu welchem Blazer passt, oder ob sie den Blazer beim letzten öffentlichen Auftritt/Staatsbesuch auch schon getragen hat.

Ich würde ihr raten, zu den bunten Blazern statt schwarzer Hose/schwarzes Shirt häufiger anthrazit oder mittelblau tragen. Wirkt harmonischer zu den blonden Haaren.

Merkel und ihr Team haben so viel Erfahrung mit öffentlichen Auftritten gesammelt, dass sie genau wissen, welcher Blazer zu welchem Anlass besonders wirkt. Merkel sagte in einem Interview: „Es gibt Anlässe, da muss ich dunkle Farben tragen. Dann gibt es manchmal Hinweise, dass man vor einem weißen Hintergrund stehen wird, da muss es nicht der helle Blazer sein. Manchmal habe ich spontan Lust, etwas leuchtend Farbiges anzuziehen. Und oft ist gar keine Zeit, sich damit lange zu befassen, dann ist die Farbe reines Zufallsprodukt.“

Style-Bildung a la Kanzlerin


Der rote Blazer wirkt flott, die Öffnung zeigt das Shirt und die Farbe der Knöpfe harmoniert sehr gut dazu.
Foto: © Armin Linnartz, Wikipedia, CC BY-SA 3.0 de


Auf diesem Bild wirkt sie weiblicher – steht ihr ausgezeichnet. Die Farbe ist in ihrer Führungsrolle zu hell. Sie hat mit dieser Farbe keine Gewichtung. Aber trotzdem ist das ein sehr schicker Blazer, besonders mit den etwas größeren Knöpfen.
Foto: © White House photo by Eric Drape


Ein Schalkragen wirkt feminin und gibt ihr mehr Weiblichkeit. Dieser helle Hummerton wirkt frisch.
Foto: © JouWatch, CC BY-SA 2.0


Ganz aktuell, ganz klasse: frisches Grün mal bei Putin, mal zum Evangelischen Kirchentag. Damit ist sie auf jeder Bühne deutlich sichtbar.
Foto: © President of Russia


Ein etwas älteres Bild – ein etwas tieferer Ausschnitt. Das steht ihr sehr gut, sie wirkt weniger zugeknöpft. Könnte sie ruhig öfter schneidern lassen.
Foto: © President of Russia


Zum Weiterlesen

Juliane Hielscher, 22.05.2017

Aber reicht das? Die Spitzenkandidaten von Bündnis 90/ Die Grünen mühen sich nach Kräften ihre politische Identität in den Vordergrund zu rücken und befinden sich vielleicht gerade deshalb in einer Krise.

Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir könnten als Spitzenduo das Traumpaar der deutschen Politik sein. So vieles machen sie richtig, so vieles stimmt bei ihnen. Beide sind Anfang fünfzig, also in einem Alter, wo man von der Jugend (manchmal) noch akzeptiert und von der älteren Generation (endlich) ernst genommen wird. Beide sind Polit- und Medienprofis durch und durch, blicken sie doch jeweils auf rund 30 Jahre politische Praxis zurück. Beide stehen für etwas und betonen dies. In ihrer Videovorstellung auf der Webseite der Grünen zeigen sie sich als Menschen mit individueller Geschichte. Das schafft Nähe und Vertrauen.

Katrin und Cem – das Spitzenduo von Bündnis 90/Die Grünen stellt sich vor. Quelle: https://www.gruene.de/ueber-uns/2017/unser-spitzenduo-fuer-die-bundestagswahl-2017.html

Wir sehen zwei engagierte, authentische und überzeugende Menschen. Sie hat Wurzeln in der DDR und begründet damit glaubhaft das Thema Freiheitskampf. Er positioniert sich als anatolischer Schwabe für Integration und europäischen Zusammenhalt. Und für Bio, Öko und Klimaschutz sind natürlich sowieso alle beide. Die Kernbotschaften sind klar und stark:

„Wir wollen unser Land nach vorne bringen, ökologisch gerecht und weltoffen.“ Klingt so gut, dass sich damit eigentlich eine Bundestagswahl gewinnen lassen müsste. Und dennoch kommt ihre Partei bei den aktuellen Umfragen nicht besonders gut weg.

Woran mag das liegen? Vermutlich eben doch genau an den Inhalten der Kernbotschaften. Deutsche Wähler fühlen sich im Allgemeinen frei. Der Freiheitskampf lockt sie folglich nicht zur Stimmabgabe. Die Integrationsfrage ist derzeit ein heißes Eisen. Viele Bürger zweifeln am Gelingen und der Sinnhaftigkeit. Damit plagt sich sogar die Kanzlerin. Soziale Gerechtigkeit und Bildung stehen ebenfalls im grünen Parteiprogramm. Doch selbst die SPD kann hier derzeit kaum einen Blumentopf gewinnen. Was der Partei also bleibt, ist das grüne Herz, das Kernthema aus der Gründungsphase Anfang der 80er Jahre.
Und das reicht halt nicht in einer Zeit, in der Umweltbewusstsein bereits viele gesellschaftliche Bereiche verändert hat. Der Atomausstieg ist beschlossene Sache, Feinstaubplaketten gibt es in mehr als 30 Städten, die Ära von Elektromobilität und Carsharing ist eingeläutet, die Energieeinsparverordnung gilt, Biosupermärkte schießen wie Pilze aus dem Boden und jeder Discounter wirbt mit regionalen Produkten aus ökologischem Anbau. Mit anderen Worten: die Akzeptanz der grünen Themen ist innerhalb der deutschen Bevölkerung recht groß. Deshalb mögen viele Wähler denken, dass hierzulande in Sachen Öko sowieso alles im grünen Bereich ist.

Kernbotschaften müssen die Menschen ins Mark treffen, um sie an die Wahlurnen zu treiben. Denn das Gefühl entscheidet, mit dem Gefühl geht man wählen – nicht zwingend nur mit dem Kopf. Das aktuelle Lebensgefühl der Deutschen wird – wenn man den Ergebnissen der Landtagswahlen und den Umfragen glaubt - vom Spitzenduo Katrin und Cem derzeit in zu geringem Maße angesprochen.

Stefan Klager, 15.05.2017

Blitz-Talk mit den Spitzenkandidaten nach der NRW-Wahl - eigentlich ein Ritual, doch diesmal nicht.

Alle Wahlen wieder – erst um 19 Uhr im ZDF, dann um 20 Uhr das Ritual "Elefantenrunde" in der Tagesschau. An diesem Wahlabend leitet Frank Plasberg das nur wenige Minuten lange Gespräch mit fünf Politikern. Und stellt Fragen, die offenbar herausfordernd sind. Hannelore Kraft (SPD), die bereits zurückgetretene Ministerpräsidentin, lässt sich mit der eher überraschenden Frage, ob sie mit ihrem Rücktritt dem SPD-Kanzlerkandidaten Schulz einen Dienst erwiesen habe, nicht aus der Ruhe bringen. Sie kontert gelassen, sie müsse Schulz keinen Dienst erweisen und schwenkt dann genau auf das um, was sie sich offenbar vorgenommen hatte zu sagen.


Hannelore Kraft vor ihren Anhängern. Sie verkündet ihren Rücktritt von allen SPD-Parteiämtern.

Kurz-Interviews bedeutet: Auf die Frage eingehen, aber auch die Botschaften platzieren, die in wenigen Sekunden Redezeit möglich sind. Das macht Kraft professionell. Ihre Stimme ist gewohnt ruhig, kraftvoll, und sie wirkt fast schon (zu?) fröhlich und gut drauf. Ist sie noch im Wahlkampf-Modus (Zuversicht verbreiten) und noch nicht in der Realität (Wahldebakel) angekommen? Ein guter Journalist spürt so etwas - und zack, Plasberg fragt nach. Ob sie sich sogar freue, Politik mit Abstand sehen zu können. Und zum ersten Mal ist leichte Verunsicherung bei Kraft zu spüren. Nein, sie sei traurig, dass viele ihrer Parteifreunde nun kein Mandat erhielten. Die Kurve hat Kraft so eben noch bekommen, aber überzeugt hat sie mit der Antwort nicht. Es bleibt der Eindruck, Plasberg lag mit seiner Vermutung richtig. Und dies zeigt, dass Krafts Mimik, Gestik und Stimme in diesem Punkt überzeugender waren als ihre formulierten Inhalte.


FDP-Chef Lindner: Ein paar Monate noch Düsseldorf – und dann vielleicht Berlin?

Auch FDP-Chef Christian Lindner ist - wie Kraft - offenbar noch im Wahlkampf-Modus. Wie ein Terrier reklamiert er den größten FDP-Erfolg aller Zeiten in NRW - keiner hatte diesen Erfolg klein reden wollen. Warum dieser verzweifelt kämpferische Ton? Lindner wirkt kratzbürstig, was darin gipfelt, dass er in Frage stellt, ob die FDP denn überhaupt Teil einer Koalition mit der CDU werden wolle. Zum Erstaunen aller. Wahlkampfgetöse nach dem Wähler-Votum? Lindner wirkt angestrengt und alles andere als ein strahlender Sieger, der seiner Freude freien Lauf lässt und souverän artikuliert.

Die Kandidaten der Grünen und der AfD, Löhrmann und Pretzel, kommen auch noch zu Wort. Vermutlich spüren sie das baldige Ende der Runde. Beide antworten kurzatmig und gehetzt. Löhrmann hat - wie sie sagt - keine Fehler gemacht. Die Themen wie Inklusion seien halt große Herausforderungen. Und Pretzel ist ungewohnt kleinlaut; er bezeichnet den Einzug ins Parlament als gerade noch rechtzeitige Trendwende vor der Bundestagswahl.

Was war da los in Düsseldorf? Ein Sieger, der verbissen wirkt. Eine Verlierern, die bestens gelaunt scheint. Und Fragen, die hart, aber fair sind. Ein Ritual mit nicht ritualisiertem Verlauf.

Dr. Katrin Prüfig, 08.05.2017

Flaschenbier und lockere Sprüche statt Inhalte haben in Schleswig-Holstein nicht zum Wahlsieg geführt

Wenn ich aus meinem Bürofenster schaue (auf Hamburger Boden), ist die Landesgrenze zu Schleswig-Holstein nur gut 500 Meter entfernt. Ein Bundesland mit 2,3 Millionen Einwohnern, seit Sonntag mit einem Koalitions-Problem – und schon länger einer Sonderregelung. Denn hier gibt es die Partei der dänischen Minderheit im Land, den Südschleswigschen Wählerverband SSW. Dieser fällt nicht unter die 5-Prozent-Klausel, d.h. auch mit dem aktuellen Ergebnis von rund 3 Prozent ziehen SSW-Abgeordnete in den neuen Landtag ein. Allerdings hat der SSW ein Viertel seiner Wähler verloren. Die sog. Küstenkoalition aus SPD, Grünen und SSW ist – auch aufgrund der hohen Verluste der SPD - zu Ende.
Womit wollte der SSW im Wahlkampf punkten? Da findet sich zum einen das „Streitgespräch“ von Spitzenkandidat Lars Harms aus Flensburg mit einem anderen Parteikollegen aus Husum. Beide sitzen am Hafen, eine Flasche „Flens“ dabei, beide im Vollprofil zu sehen. Sie streiten darüber, ob Flensburg oder Husum das bessere Bier haben. Sie wetteifern über die Frage, wer die größere Werft hat. Sie lachen sich kaputt.


https://www.youtube.com/watch?v=eHVYIuFSBNA

Nett – irgendwie. Zwei Parteikollegen im Pseudo-Standort-Wettkampf. Erkenntnisgewinn für den Zuschauer? Nun ja. Die Grenze zum Slapstick ist fließend. Zwei Kumpel und zwei Flaschen Bier. Warum soll man die wählen?

Noch mehr menschelt es im Wahlwerbespot des SSW-Spitzenkandidaten: Lars Harms hilft zunächst einer Frau mit Rollator über die Straße. Dann tritt er in eine Pfütze. Dann lässt er beim Bäcker eine Frau vor. Dann tritt er wieder in eine Pfütze. Gefühlt tut er das noch mindestens 10 Mal, bevor er am Hafenbecken fast in Wasser fällt. Nett – irgendwie. Kilometerweit entfernt von den Hochglanz-Spots der Bundesparteien.

http://ssw2017.de/videos/

Und – ja - manche vermissen das „Menschelnde“ und das „Sich-selbst nicht-so-wichtig-nehmen“ durchaus bei Vertretern anderer Parteien. Aber nochmal: Was tut Harms für das Bundesland Schleswig-Holstein? Und warum soll man ihn wählen? In Sachen Bewegtbild-Kommunikation hätte es beim SSW gern mehr sein können. Auch mit kleinem Budget lassen sich Inhalte vermitteln. Und auch, wer nicht der 5-Prozent-Hürde unterliegt, kann darauf einen Gedanken mehr verschwenden. Fazit: Menscheln im Video ist prima. Und wenn der Mensch dann seinen (Wahl-)Menschen noch sagen würde, warum sie den Menschen wählen sollen - Mensch, dann wäre es klasse!

Kathrin Adamski, 04.05.2017

Warum Menschen, die von den Medien beobachtet werden, die Medien beobachten sollten.



Eines vorweg: der Protagonist dieses Blogs - Christian Streich - hat mit seinem Auftritt in den Sky-Sport-Nachrichten die Sympathie der Zuschauer auf seiner Seite. Er ist mehr als authentisch, er ist untypisch, uneitel und er menschelt. Aber nicht nur das. Es schwingt auch ein wenig Mitleid mit, wie der gebürtige Badener und Trainer des Fußballerstligisten SC Freiburger auf die Frage eines netten Journalistenkollegen der SkySportNews am 27.4.2017 ins Schwimmen gerät. Der hatte ihm folgende Frage gestellt: „Letzte Woche schlagen Sie Leverkusen, jetzt taucht die Meldung auf, von einem Magazin, das sagt, Sie ständen auf der Liste von Bayer Leverkusen als Top-Kandidat. Wie finden Sie so was und wie finden Sie dieses Gerüchte-Gehasche?“

„Wie ich? Bei Bayer Leverkusen... weil wir jetzt einmal gewonnen haben gegen Leverkusen...“ Christian Streich ist sichtlich überrascht. „Und wo steht das?“. Der Reporter: „In der SportBild.“.

„Ah...“ Pause. Es folgt Luft schnappen, um Worte Ringen, Schulter zucken, Blicke in alle Himmelsrichtungen werfen, stammeln. „Also ich, äh, ja also ich will den Leuten ja nicht zu nahe treten... man muss ja irgendwas schreiben... normalerweise steht da immer Markus Weinzierl und alle anderen. Jetzt steh ich auch mal drin..." Der Reporter lacht.

„Wissen Sie, ich hab´s nicht gewusst, weil mir sagt´s auch niemand, weil´s dann...“ Er ringt wieder nach Worten, weiß nicht, was er sagen soll, zuckt die Schultern. Der Reporter hilft: „...weil Sie es auch nicht gern hören wollen...“

Streich: “nein...weil´s, weil´s völlig...“ - Schulterzucken - „ja es ist einfach... es ist einfach nicht so... ich weiß von nix, ich krieg keine Anrufe, das ist auch gut so...“ Pause, Schultern zucken. Streich ist völlig überfordert, weiß nicht, ob er sich über diese Nachricht freuen soll. Spätestens jetzt hat man als Zuschauer Mitleid, möchte Streich am liebsten durch die Mattscheide unter die Arme greifen, ihn aus der misslichen Lage befreien.

„Und ich bin in Freiburg… das hat keine Bedeutung für mich... Sie sehen, ich hab´s über Sie erfahren... ich hab´s gar nicht gewusst.“

Jetzt erst legt sich das Überraschungsmoment. Streich wird wieder ruhiger. Nach eineinhalb Minuten kommunikativ über Wasser halten, um nicht im Stress der Gedanken zu ertrinken. Es folgen dann noch ein paar Worte, dass er sich doch irgendwie darüber freut, dass so was berichtet wird und er genannt wird. Er lacht sogar herzhaft und endet dann mit den einzig klaren Worte: „Aber es hat nix mit der Realität zu tun.“

Zugegeben, so einen wie Christian Streich findet man selten in der Sportwelt und schon gar nicht im Fußball, wo es von eitlen Menschen, Phrasendreschern und Posern nur so wimmelt. Und obwohl Christian Streich die Herzen der Zuschauer mit dem Auftritt gewonnen hat, er hätte sich deutlich weniger Stress machen können, hätte er in DAS „Fachblatt des Fußballs“ wenigstens mal einen Blick geworfen oder jemanden beauftragt, der ihm sagt, was da aktuell und vor allem über IHN selbst drinsteht. Dann hätte er - vermutlich genauso sympathisch -, aber mit deutlich weniger Stress auf diese Situation reagieren können. Sich selbst mal zu googlen oder einen persönlichen Medienspiegel zu erstellen hilft, Stress zu vermeiden. Merke: Willst Du nicht auf dem linken Fuß erwischt werden – auch wenn es „nur“ um Gerüchte geht - dann mach dich regelmäßig schlau, was im Netz und in den Medien über Dich berichtet wird.

Hier finden Sie das Interview: https://www.facebook.com/SkySportNewsHD/videos/1438968799474648

Katja Schleicher, 02.05.2017

Der Berliner FDP-Parteitag im Lichte des öffentlichen Auftritts.



Christian Lindner und sein ÜBER-Ich

Der Spitzen-Mann der FDP zeigt seiner Partei auf der Berliner Bühne nur zu gern, was für einen hervorragenden Job er in den vergangenen Jahren gemacht hat. Da steht der Mann, der die FDP halbtot 2013 übernommen, fast im Alleingang wiederbelebt und aus der Misere geführt hat. Er hat in Berlin einfach alles unter Kontrolle. So sehr, dass er oft mehr wie ein Moderator der Veranstaltung wirkt als ihr inhaltlicher Lenker. So sicher, dass seine Körpersprache keinen Moment Innehalten und Reflexion zulässt. Ein Entertainer, der sich diebisch auf seine eigene Pointen freut. Mehrfache Ich-bezogene Aussagen wie „und ich muss sagen, ich hatte recht“ manifestieren diesen Eindruck noch. Einige Prozent-Punkte mehr Weichheit und Nähe im öffentlichen Auftritt von Lindner könnten der FDP möglicherweise einige Prozent-Punkte an Stimmen bringen.

Insgesamt wirkt Lindner durchchoreographiert und ÜBER-trainiert. Aber: Perfektion macht misstrauisch… War schon in der Schule so. Den Klassenprimus haben viele zwar bewundert, ihn aber nie rückhaltlos gemocht oder ihm vertraut. Stattdessen immer auf der Lauer gelegen, um ihm einen Fehler nachzuweisen oder anderweitig eins auszuwischen.

Nach oben zu kommen und oben zu bleiben, erfordert zwei verschiedene kommunikative Strategien. Das kommunikativ-integrierende, verbindende, sollte für Christian Lindner jetzt stärker in den medialen Fokus rücken.

Wenn ihm die besagte Gelassenheit, für die er oft gelobt wird, auf der Bühne abhandenkommt, kippt sein Auftritt schnell ins deklamatorisch-demagogische. Besonders deutlich wird das, wenn die Bild-Regie Lindner auf den Riesenschirm projiziert und Lindner vor seinem Screen-ÜBER-Ich spricht. Da werden Star-Wars Bilder aufgerufen, gegen die man sich schwer wehren kann.


Nicola Beer

Unter den deutschen Politik-Frauen ist Nicola Beer eine ausgesprochen authentische Persönlichkeit. Zum Parteitag kombiniert sie Lederjacke in hellblau mit Perlenkette und passenden Ohrsteckern. Botschaft: „Ich bin ein vielseitiges Rock-Chick, kann aber auch ganz soft.“ Absolut stimmig, auf den Punkt, ohne übertrieben zu sein. Stimmlich dagegen wird Behr fürs Publikum schnell ermüdend. Zum einen spricht sie die gesamten 40 Minuten mit gepresster Kopfstimme, was sehr anstrengend ist. Für Sprecher wie für Zuhörer. Erschwert wird das durch die immer gleiche Modulation und Intonation ihrer Stimme. Stark ja, aber eben gleichförmig. Da sucht sich die Aufmerksamkeit des Publikums schnell ein anderes Ziel.


Wolfgang Kubicki

Bleibt Wolfgang Kubicki, der alte Haudegen. Weiß selbst, dass er nur portionsweise zu genießen ist. Schlau genug, das bewusst einzusetzen: Genau so viel sagen, dass die anderen darüber diskutieren. Impulse geben, und sich dann lächelnd zurückziehen. Auch in seinem Parteitags-Auftritt wird wieder ÜBER-deutlich klar: Liebt mich oder hasst mich. Aber wagt es ja nicht, keine Meinung zu mir zu haben.

Auch wenn es ein „hauseigener“ Parteitag war: Die Botschaften sollten schon geschärft sein, um maximale Wirkung beim externen Publikum zu erzielen: Da hat der ÜBER-Schliff gefehlt, egal ob beim Thema Bildung oder dem FDP-Liebling Digitalisierung: bis September wäre empfehlenswert, diese Botschaften auf die Eindeutigkeit ihrer externen Wirkung hin zu überprüfen.


FAZIT:

Es geht ein kommunikatives Trio in den FDP Wahlkampf. So ÜBER-selbstbewusst, dass sich mancher auf dem Parteitag nach bescheidenen Tönen zwischendurch vielleicht sogar gesehnt hat. Im Medientraining würden wir die Spitzen dieser Ego-Amplituden glätten und am Gefälligen und Verbindlichen des öffentlichen FDP-Auftritts arbeiten.

Zum Nachschauen:

Prof. Stefan Korol, 24.04.2017

Das neue AfD-Duo Alice Weidel und Alexander Gauland steht für die unterschiedlichen Strömungen in der Partei. Und auch im öffentlichen Auftritt kommen beide unterschiedlich „rüber“.


Das AfD-Duo Alice Weidel und Alexander Gauland im Interview-Check (Phoenix, 23. April 2017)

Hollywood hätte es nicht besser inszenieren können: Bedrohung von außen (sinkende Umfragewerte und Zehntausende Demonstranten). Die Protagonisten zerfleischen sich gegenseitig. Die bisherige Heldin scheitert; die Schlacht scheint verloren. Und dann, aus dem Chaos und der Niederlage, formt sich neue AfD-Hoffnung. Mit dem Team Alice Weidel und Alexander Gauland kann die rechtsextreme Partei ihren Parteitag, was den öffentlichen Eindruck angeht, doch noch als Erfolg werten. Nun wird die AfD von zwei Köpfen geführt, die medial unterschiedlich, auf ihre Art aber eine ideales Duo sind:

Der konservative Gauland steht für eine versöhnliche Kommunikation. Geduldig hört er den Journalisten-Fragen zu, antwortet dann sofort, aber ohne hektisch zu wirken, weist Vorwürfe und Unterstellungen gelassen zurück: „Das sehe ich nicht so“, „Also langsam….,“, „Wir machen doch alle mal Fehler…“ und nennt dann Gründe, weshalb die Vermutungen des Journalisten nicht zutreffen. Mit seinem Auftritt und seinen Antworten verfolgt er ein klares Ziel: Die Partei als geeint darzustellen, angesprochene Differenzen zu glätten. Formal punktet Gauland mit seiner Authentizität: Dieser Mann verstellt sich nicht. Auch seine altbackenen, karierten Sakkos sind Ausdruck davon. Bei so viel Gelassenheit und Authentizität kann er sicher auch ignorieren, was ihm ein Medientrainer noch als Tipp geben würde: Mehr den Gesprächspartner ansehen. Und vielleicht ein Lächeln als Zeichen der Sympathie und Wertschätzung für den Journalisten?

Aber da bleibt Gauland ja in der Tradition der AfD-Gesichter: Parteigründer Bernd Lucke ist ebenso wenig ein Lächler (gewesen), wie es Frauke Petry ist: Lucke sehr engagiert, aber eben immer auch ein bisschen aufgeregt. Mit angespannter, eher hoher Stimme. Mit-ei-ner-Be-to-nun-auf-fast-je-der-Silbe. Ohne große Mimik und Gestik. Petry: Zwar auch mit einem Lächeln hin und wieder. Aber vor allem hart in der Sache. Und damit im Eindruck verbissen.

Dann aber, nach dem Großvater Gauland (dem hektischen Lucke und der verbissenen Petry) kommt – das Mädchen. Ja, klingt chauvinistisch, soll aber nur den großen Unterschied aufzeigen zwischen Alexander Gauland und Alice Weidel. Am Pult auf der AfD-Bühne wirkt auch sie anstrengend. Betont jede Silbe, in der Wirkung sehr künstlich. Doch anders als Gauland nennt sie klare Botschaften. Ihre. Und die der AfD. Und die bringt sie von sich aus. Vielleicht auch (moderne Kommunikation) weil sie sie vorbereitet hat.

Frage: “Die AfD im Umfragetief. Wollten Sie mit Ihrer Rede der AfD Mut zusprechen?“ – „Nein, überhaupt nicht.“ Und Weidel legt sofort nach: „Unser Ziel ist es, die AfD mit maximaler Fraktionsstärke als Opposition in den deutschen Bundestag hineinzubringen. Und was wir gestern und heute gemacht haben, sind nun die besten Voraussetzungen, um in den Wahlkampf zu starten.“ Frage: „Wollen Sie Opposition machen um jeden Preis?“ – „Aber natürlich.“ Mehr nicht. Fertig. Blickkontakt zum Journalisten. Leichtes Lächeln. Könnte interpretiert werden als: Na komm Junge, nächste Frage, nächste Runde. Die nutzt Weidel, um auch ihre nächste Botschaft noch rüberzubringen: „Wir machen ab 2017 Opposition. Und frühestens 2021 sind wir koalitionsfähig. Diese vier Jahre brauchen wir, um die AfD zu entwickeln, damit wir das dann ab 2021 auch gut können.“

Der Großvater und das Mädchen: Nach dem Gauland-Interview haben Zuhörer im Kopf, dass er ein netter, versöhnlicher Mensch ist, der alle Unterstellungen zurückweist. Nach dem Weidel-Interview haben Zuhörer im Kopf, dass die AfD einen klaren Fahrplan für Einzug und Arbeit im Bundestag hat.

Dr. Katrin Prüfig, 18.04.2017

Was macht langweilige Reden eigentlich langweilig? Beides – der Redner und die Zutaten...

Unaufgeregte Redner sind mitunter ganz wohltuend. Nicht jeder muss ins Mikrofon brüllen wie Horst Seehofer oder rot anlaufen wie Gregor Gysi. Der Mix macht’s, gerade im politischen Raum und gerade im Wahlkampf. Aber was ist noch unaufgeregt und was einfach nur langweilig?

Nehmen wir Alexander Dobrindt, den Bundesverkehrsminister von der CSU. Ihm schreibt die „heute show“ im ZDF eine „Verkehrsinselbegabung“ zu. Zu wahrem Redner-Talent jedenfalls reicht es nicht: Immer wenn er seine PKW-Maut begründet, beginnen die Sätze gleich: „Sie ist fair, ….. Sie ist gerecht, …. Sie ist sinnvoll….“ Nun gut, Kernbotschaften leben ja davon, dass man sie wiederholt. Aber Dobrindt leiert sie runter. Jedes Mal genau gleich. Quasi mit sich selbst im Schlafwandler-Chor.


https://www.youtube.com/watch?v=t2nFMrQwJTE

Den Worten fehlt dadurch die Überzeugungskraft. Wo kein Funke ist, kann auch keiner überspringen, so einfach ist das.
Anderer Ort, gleicher Dobrindt: Rede auf dem Zukunftsforum Digitales Bauen & Wohnen. Ein Heimspiel für den CSU-Minister im eigenen Haus. Nach fünf Minuten ist noch immer nicht klar, wohin die Rede-Reise diesmal geht. Nach fünf Minuten ist weiterhin jeder Satz gleich unwichtig, weil kraftlos dahingesagt. Nach fünf Minuten haben die Zuhörer zwar von Wertschöpfungsketten, Produktionsprozessen, Substanzrevolution, Building Information Modelling und Plattformökonomien gehört. Aber nichts gefühlt. Und nach fünf Minuten geht es noch 15 Minuten so weiter. Eine Pflichtübung für den Minister und eine Geduldsprobe für das Publikum.

Hier fehlt nicht nur der Funke, der auf das Publikum überspringen soll, der die Aufmerksamkeit fesselt. Hier fehlen wesentliche Zutaten guter Kommunikation: eine bildhafte Sprache reich an Beispielen, mit starken Verben und anschaulichen Begriffen. „Das Verb ist der Muskel des Satzes“, hat Wolf Schneider, Autor und Deutsch-Oberlehrer der Nation, immer gesagt. Aber hier lässt niemand die Muskeln spielen. Hier rauschen abstrakte Wörter über die Köpfe des Publikums hinweg. Das Gehirn schaltet entweder direkt in den Vermeidungsmodus (Handy raus, Emails checken, Gespräch mit dem Sitznachbarn) oder es wird anstrengend. Dann wiederum wird das Schmerzzentrum aktiviert. Unterm Strich: Zuhören macht bei solchen Reden keinen Spaß.

Will Dobrindt im Wahlkampf für die CSU punkten, muss noch viel passieren. Auf Seiten der Redenschreiber und mit Blick auf seine eigene Leidenschaft.

Juliane Hielscher, 10.04.2017

Ob Schulz Kanzler kann, wissen wir nicht. Kommunizieren kann er. Im Interview und auf dem Rednerpult ist der Mann einfach klasse. Aber kann Schulz Kommunikation tatsächlich auf allen Kanälen, auch auf den modernen, den digitalen?

„Und nun stehe ich vor Euch. Ein Mann aus Würselen, aus einfachen Verhältnissen. Ich bewerbe mich um ein Amt, das großartige Menschen vor mir inne hatten.“

Was für eine kraftvolle Bewerbung, was für einfache und klare Aussagen. Und volle Lotte wirkungsreich. 100 Prozent Zustimmung gab es am 19. März für den Kanzlerkandidaten der Sozialdemokraten.

Doch neben der Wucht solcher Aussagen spielt auch die eigene Webseite für Politiker im Wahlkampf eine außerordentlich wichtige Rolle. Hier landen alle, die mehr über den Menschen wissen möchten. Und im Gegenteil zur Presseberichterstattung hat der Homepageinhaber die Hoheit über Aussagen und Formulierungen. Hier kann sich ein Politiker in seinem ganz persönlichen Tonfall an die Leser wenden. Jeder davon könnte schließlich ein potentieller Wähler sein. Deshalb spricht die Mehrzahl des politischen Spitzenpersonals die Bürger auf den Netzseiten auch direkt an. Ob Merkel, Gabriel, Özdemir, Wagenknecht oder Lindner, querbeet durch die Parteien werden Ich-Botschaften platziert, Appelle formuliert und Seitenbesucher mit Sie angesprochen. Auf diese Weise wird eine lebendige Kommunikation simuliert.

Bei Martin Schulz ist das auffällig anders.

Noch drei Wochen nach seiner Wahl findet sich auf der Startseite seiner Homepage ausschließlich ein Bericht zur Nominierung. Wir lesen Aussagen über Schulz, aber nicht von Schulz. Der Kandidat lässt sich beschreiben, ganz in der Manier eines Zeitungsartikels. Kostprobe gefällig? „Bewegt schritt M.S. .... durch die Reihen von ... jubelnden Menschen...“, „M.S. blickte kämpferisch nach vorne...“, „Unter anhaltendem Beifall fügte er hinzu...“ Wer auf den Menüpunkt Aktuelles klickt – der nebenbei bemerkt, erst ganz unten auf der Seite liegt – landet wiederum auf ebendieser Seite. Der Menüpunkt Presse führt zur Presseseite der SPD. Und dort erst lässt sich nach weiterem Suchen unter Terminen erfahren, dass der neue Vorsitzende am Wochenende fleißig in NRW unterwegs war. Auf der eigenen Seite kein Wort davon. Schließlich wechselt nur im Menüpunkt Über mich der Tonfall in die Icherzählung.

Aus Sicht von Medientrainern ist das kein Meisterstück. Unpersönlich, distanziert, inaktuell und userunfreundlich – diesen Eindruck vermittelt die Seite, die Schulz‘ Namen trägt. Da hilft es auch nicht, dass der Mann sowohl einen Twitter- als auch einen Facebook-Account pflegt. Denn entsprechende Symbole mit der jeweiligen Verlinkung sind tief unten im Menüpunkt Über mich versteckt.

Aber mal ehrlich, wer außer einer Blogautorin sucht da schon?
Natürlich programmiert und bestückt der Politiker seine Webseite nicht selbst. Dafür hat er seine Leute. Man sollte meinen, dass es sich hier um Profis handelt. Sicher sein, kann man sich allerdings nicht. Denn in Sachen Netzkommunikation ist deutlich Luft nach oben.

100 Prozent sind beim Internetauftritt von Martin Schulz noch lange nicht erreicht.

https://martinschulz.spd.de/

Kathrin Adamski, 03.04.2017

Wolfgang Schäuble traut sich was


Wolfgang Schäuble: Warum sich über Englisch den Kopf zerbrechen, wenn es Deutsch auf jeden Fall klappt. (Foto: Franziska Kaufmann/Archiv Schwäbischer Verlag)


Auf dem Landesparteitag der CDU in Baden-Württemberg ist Wolfgang Schäuble mit knapp 96 % der Delegierten-Stimmen zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl in Baden-Württemberg gewählt worden. Zum achten Mal.

Ein Mann, der für Kontinuität, Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen und vor allem deutliche Worte steht – auch, wenn die in englischer Sprache nicht ganz so treffsicher sind wie in seiner Muttersprache: dem Badischen. Und mancher mag sich fragen, was Wolfgang Schäuble mit dem ein oder anderen englischen Satz wohl hat sagen wollen. Sein eigenwillig formuliertes Ultimatum

„28. 24 Uhr isch over!“

(auf Deutsch: „Am 28. um 24 Uhr läuft das Ultimatum ab!“) in der Griechenlandkrise hat ihn nicht gerade mit Kompetenz-Lorbeeren geschmückt.

Auch das deutsche Zitat „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird“ erntet auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang des Jahres mit seiner Übersetzung

„you never eat as hot as it is cooked“

viele peinlich berührte Schmunzler.

Doch trotz mäßigem Englisch: Wolfgang Schäuble wird verstanden, seine Kompetenz steht in Europa außer Frage. Sein Wort hat Gewicht. Warum? Weil er Klartext redet. Zumindest in Deutsch: Keine Schnörkel in der Wortwahl, keine Schleifchen im Satzbau, kein Weichspülen von Formulierungen.

Als dienstältestes Mitglied der Regierung scheint er sich keinen Kopf darüber zu machen, was andere von ihm denken, wenn er sagt, was er denkt. Hier ein paar Beispiele:

„Wenn Frau Le Pen Ministerpräsidentin von Frankreich würde und wenn Sie das macht, was sie ankündigt, dann wäre die europäische Union in einer existentiellen Krise.“
„Der Brexit wird wahrscheinlich ein bisschen länger dauern, die Briten werden schon noch sehen, was sie da entschieden haben.“
„In Griechenland ist das Problem, dass sich Griechenland einen höheren Lebensstandard leistet als Griechenland erwirtschaftet.“

(alles aus „Maischberger“, Das Erste 8.2.2017)

Die Welt in einem Satz erklären, das ist es, was Wolfgang Schäuble besonders gut kann und gerne macht. Und weil wir Zuschauer jeden Satz so einfach verstehen, fühlen wir uns auf Augenhöhe mit einem „Experten“, der die Geschicke der Weltpolitik lenkt. Er macht uns Zuschauer groß, er macht uns kompetent, weil wir glauben zu verstehen, wie Weltpolitik funktioniert.

Denn das Geheimnis der Klarheit lautet: Machst Du es klar, dann wird es einfach. Ist es einfach, wirst Du verstanden. Wirst Du verstanden, dann bleibst Du im Kopf. Es wird merk-würdig, im besten Sinne von „zu merken würdig“.

Wir dürfen also gespannt sein, wie Wolfgang Schäuble den Wahlkampf bestreitet und ob er es schafft, das Wahlprogramm der CDU ebenfalls in wenigen Sätzen so klar und schnörkellos zu beschreiben, wie die Kampfansage an den bisherigen Koalitionspartner SPD:

"Jetzt haben wir so nett mit der SPD regiert. Jetzt sollten wir ihr auch den Gefallen tun und sie wieder in die Opposition schicken."

(Landesparteitag 25.3.2017).

Mal sehen, ob es am Abend des 24. September dann heißt: „coalition isch over“ oder „you never eat as hot as it is cooked“.

Juliane Hielscher, 27.03.2017

Nicht gewählt werden ist doof. Wahlen verlieren ist doofer. Das kennt jeder aus der Schulzeit, der nicht unter den Ersten fürs Völkerballteam ausgewählt wurden.

Das gilt besonders für das Superwahljahr 2017, das mit der Landtagswahl im Saarland begann. Dabei haben es Politiker beim Verlieren besonders schwer. Denn selbst wer sein Ziel nicht erreicht, möchte weiter stark erscheinen, um aus der Opposition heraus oder innerhalb einer Koalition die Geschicke des Landes beeinflussen zu können. Also gilt es im Moment des Verlierens, Fassung und Würde zu bewahren.

Damit das gelingt, investieren die Protagonisten durchaus Zeit in die Vorbereitung, vermutlich auch in ein Medientraining. Ein wichtiger Bestandteil davon ist, Kernbotschaften zu formulieren, damit der Kandidat, die Kandidatin auch im Moment der Aufregung bei Bekanntgabe des Wahlergebnisses weiß, was er oder sie sagen kann.

Die saarländische Wahlverliererin Anke Rehling von der SPD hat dafür Paradebeispiele geliefert – leider keine guten. Gleich mit der ersten Hochrechnung um 18.00 Uhr war klar, es wird im Saarland weder rot-rot geben noch eine Ministerpräsidentin Rehlinger. Im Gegenteil: die Sozialdemokraten verbuchen trotz Schulz-Hype leichte Verluste. Doch Frau Rehlinger war auf diesen misslichen Fall vorbereitet. Egal welches Mikrofon sie vor sich hatte, stets lauteten die Antworten gleich – nahezu wortgleich.

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/videos/landtagswahl-saarland-reaktion-anke-rehlinger-100.html

Da war die Rede von dem „guten Ergebnis der Aufholjagd“, nachdem die SPD im Januar ja nur Prognosewerte von 24 Prozent verbuchen konnte. Da war das Eingeständnis der Enttäuschung, weil man auf Sieg und nicht auf Platz gesetzt hatte (was für eine abgedroschene Phrase). Gleich im Anschluss die großmütige Gratulation an die amtierende und zukünftige Ministerpräsidentin. Versehen mit dem Vermerk, dass diese vom Amtsinhaber-Bonus (was ist das doch gleich?) profitiert habe. Und schließlich der Hinweis auf die saarländischen Besonderheiten (welche?).

All dies sollten Erklärungen dafür sein, dass die SPD entgegen der jüngsten Euphorie unter Kanzlerkandidat Schulz schlechter abgeschnitten als erwartet. So war es gleich um 18.28 Uhr im Wahlstudio der ARD zu hören, um 18.40 Uhr beim ZDF, in einer anderen Interviewsituation, um 19.00 Uhr in der großen Runde in der Heute-Sendung und ebenso später um 20.00 Uhr in der Tagesschau.

Fünf Kernbotschaften – jede für sich gar nicht so dumm erdacht – doch in der Wiederholung als vorbereitetes Statement zu erkennen und deshalb mit seltsamen Folgen: Anke Rehlinger wirkte zwar selbstbewusst, aber auch wie eine Sprechpuppe, der man die Inhalte nicht wirklich abnimmt. Aussagen wirken im Fernsehen nur überzeugend, wenn sie authentisch und je nach Situation frei formuliert werden – so wie jeder neue Gedanke, den wir aussprechen.

Deshalb lautet die Moral von der Geschicht‘:
Vorbereitete Kernbotschaften sind gut.
Runtergerattert helfen sie dem Verlierer nicht!

Dr. Katrin Prüfig, 20.03.2017

Wie man Medienvertreter päpstlich in die Schranken weist

Die SPD hat einen Kanzlerkandidaten, der Wahlkampf ist endgültig eröffnet – und man braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um zu ahnen: In den kommenden Monaten wird nicht nur gegen den politischen Gegner geschossen, sondern auch in Richtung der Medien, die angeblich alles falsch verstehen (wollen), aus dem Zusammenhang reißen und in absurder Weise aufbauschen.
Kritik am Journalismus bzw. an konkreten Journalisten darf natürlich sein. Nur leider kommt sie meist mit dem Holzhammer daher. Und der Kritiker selbst wirkt oft wie eine beleidigte Leberwurst. Nicht schön!
In der ZEIT vom 9. März 2017 zückt ein fröhlich wirkender, entspannter Papst Franziskus im Gespräch mit Chefredakteur Giovanni di Lorenzo gleich mehrere Male das sprachliche Florett gegenüber dem Journalismus. Denn an drei Stellen hat er offenbar das Bedürfnis, einen Sachverhalt zu korrigieren.

1. Szene: Giovanni di Lorenzo fragt nach dem Bild mit dem seltsamen Namen „Maria Knotenlöserin“, das den Papst sehr inspiriert haben soll. Es hängt in einer Augsburger Kirche.


Franziskus: Nein, das stimmt nicht.
ZEIT: Das stimmt nicht?
Franziskus: Ich war nie in Augsburg.
ZEIT: Ich habe es in einer richtig guten Biografie über Sie gelesen!
Franziskus: Fast hätte ich gesagt: Typisch Journalisten! (lacht) Die Geschichte war so:….


2. Szene: Giovanni di Lorenzo fragt nach Franziskus‘ wahrer Berufung, wie er sie empfunden hat, kurz bevor er eigentlich heiraten wollte.


Franziskus: Aber nicht doch…!
ZEIT: Als Sie siebzehn waren…
Franziskus: …aber ich war nicht dabei zu heiraten! (lacht)
ZEIT: Zumindest hatten Sie eine Verlobte, ich habe das so gelesen.
Franziskus: Das stimmt, ich hatte eine Verlobte, aber Journalisten übertreiben – Verzeihung! (lacht)
ZEIT: Deshalb überprüfe ich doch jetzt auch alles!
Franziskus: Das ist gut. Es wird immer viel erzählt, aber ich bin ein ganz normaler Mensch.


3. Szene: di Lorenzo fragt nach dem Diakonat der Frau, das ein anderer hochrangiger Kirchenvertreter in einem Interview für möglich hält.


Franziskus: Ich will Ihnen sagen, wie es war, denn es gibt – bei allem Respekt – diesen Informationsfilter namens Journalisten. Die Sache war so: …

Interessant ist die Wortwahl, in der Franziskus seine Kritik und die Richtigstellung vorbringt. Er navigiert haarscharf an einer Pauschalkritik „Typisch Journalisten!“ entlang, relativiert seine Worte zusätzlich durch ein Lachen und nennt Journalisten schließlich „Informationsfilter“. Es liest sich so, als begleite ein Augenzwinkern die jeweilige Kritik. Und: Der Papst stellt dann ganz sachlich dar, was seiner Meinung nach wirklich geschehen ist. D.h. er beißt sich zu keinem Zeitpunkt am Gegenüber (dem Journalisten) fest, sondern er weist zurück und bringt dann seine Botschaften. Wie „Maria Knotenlöserin“ lockert er die kommunikativen Knoten. Souverän und ohne die Gesprächsatmosphäre zu belasten. Beispielhaft.

Kathrin Adamski, 12.03.2017

Warum „nichts sagen“- vor allem in kritischen Kommunikationssituationen - mehr sagt als man sagen will, zeigt der Landtagsabgeordnete Klaus Kaiser von der CDU in einem „Dialog“ mit einem Journalisten.

Report Mainz vom 7.3.2017. Es geht im Bericht um mögliche verfassungswidrige Zulagen von Abgeordneten. Der Bericht beginnt ungewöhnlich. Gleich das erste Bild zeigt, wie der Report Mainz Redakteur mit dem Mikrofon in der Hand den CDU Landtagsabgeordneten Klaus Kaiser anspricht. „Hallo Herr Kaiser, mein Name ist Achim Reinhardt von Report Mainz...“ Netter Tonfall, freundliche Ansprache - der Abgeordnete Kaiser wendet sich lächelnd dem Reporter zu, wittert sichtlich die Chance, ein Statement abzugeben. Doch dann kommt, womit Herr Kaiser nicht gerechnet hat: „… ich hätte nochmal eine Frage zu den Fraktionszulagen. Sie kriegen ja eine Zulage von der Fraktion, in welcher Höhe denn?“ Schon während der Frage klappt dem Abgeordneten die Kinnlade herunter und er dreht sich weg, den Rücken zur Kamera, während der Reporter freundlich, aber bestimmt weiterfragt: „Warum wollen Sie das denn nicht sagen, wie hoch die Höhe ist?“. Herr Kaiser schweigt und beginnt, sich mit einem Parteikollegen zu unterhalten.

Schnitt. Der Beitrag läuft weiter. Klaus Kaiser wird portraitiert, sein monatliches Einkommen dargestellt und erwähnt, dass er außerdem Zuzahlungen erhält, über die er sich nicht äußern will.

Schnitt: Klaus Kaiser versucht, den lästigen Reporter los zu werden, beendet das Gespräch mit dem Parteikollegen und will flüchten. Doch Reporter Achim Reinhardt folgt ihm. „Nochmal die Frage, Herr Kaiser, nach Ihrer Funktionszulage, wie hoch ist die denn?“. Jetzt dreht sich Klaus Kaiser wütend um und schreit den Redakteur an und zeigt drohend Richtung Linse: „Machen Sie das Ding aus!“ Die Szene läuft weiter. Man sieht Klaus Kaiser mit bösem Blick weiterlaufen. Der Sprecher des Beitrags kommentiert: „Geheimnis-Krämerei um Boni aus Steuergeld?“.

Der Beitrag beinhaltet noch viele weitere entlarvende Nicht-Kommentare von Politikern aller Couleur zum Thema Funktionszulage. Sie alle machen keine gute Figur, hinterlassen aber keinen so bleibenden Eindruck bei uns Zuschauern wie Klaus Kaiser.

Klaus Kaiser hat sich provozieren lassen. Zu stark die Geste der Getroffenheit, der Überraschung, zu heftig der Angriff auf den Reporter, mit dem wir als Zuschauer längst eine Allianz gebildet haben.

Die Rechnung des Reporters ist aufgegangen: Dem Hund mal einen Tritt verpassen und schauen, was passiert. Denn getroffene Hunde bellen und zwar laut.

Was hätte Herr Kaiser besser machen können? Am besten drei Regeln beachten:

  1. Man kann nicht nicht kommunizieren (Paul Watzlawick). Non verbale Kommunikation sagt oft mehr als 1000 gesprochene Worte, abwehrende Gesten und böse Blicke gehören dazu. Und vor allem sollte man sich davor hüten, nichts zu sagen, wenn man im ersten Moment bereits Gesprächsbereitschaft signalisiert hat. Denn wenn man nicht selbst etwas sagt, wird etwas über einen gesagt.

  2. Impulskontrolle üben, denn man weiß nie, wo und in welchem Zusammenhang solche Aufnahmen verwendet werden. Der sichtbare „Angriff“ auf „die Medien“ ist genau das, was investigative Journalisten provozieren und Zuschauer sehen wollen: Ein nonverbales Geständnis.

    Natürlich muss – nein sollte man in einer solchen Situation kein künstliches Zahnpasta-Lächeln auflegen, denn weglächeln lassen sich solche kritischen Themen definitiv nicht. Aber wenigstens im respektablen Dialog bleiben. Drohungen, Angriffe, beleidigtes, wütendes Flüchten wird seitens der Medien gern mit passenden Kommentaren versehen und lässt den Befragten als „Täter“ erscheinen. Besonders dann, wenn der Redakteur die freundliche Fragestellung glänzend beherrscht.

  3. Und schließlich wäre es sinnvoll, Verständnis für die Frage des Journalisten zu signalisieren und ggf. im Allgemeinen auf das Thema zu antworten. Christian Lindner von der FDP - ebenfalls im Beitrag befragt - macht es vor, wie das geht: Er hebt das Thema zunächst einmal auf eine andere Ebene und spricht zum Thema Fraktionszulage einfach darüber, was seine Sicht zum Thema leistungsgerechte Vergütung im ALLGEMEINEN ist. „Ich halte es absolut für angemessen, dass zusätzliche Verantwortung auch zusätzlich vergütet wird. Das ist bei jedem Bürgermeister so…“ Natürlich ist auch das eine Flucht vor der konkreten Antwort, aber wesentlich charmanter gelöst und vor allem, ohne sein Gesicht zu verlieren und ohne damit negativ im Gedächtnis zu bleiben.

Stefan Klager, 06.03.2017

Für ein „ Meisterstück der politischen Kommunikation“ hält die SZ-Autorin Lara Fritzsche das Verhalten von Volker Beck, nachdem er vor genau einem Jahr mit harten Drogen in eine Polizeikontrolle geraten war. Einspruch, Lara Fritzsche!

Im SZ-Magazin vom 4. März (Nr. 9/2017) portraitiert Lara Fritzsche Volker Beck, den Bundestagsabgeordneten der Grünen und früheren innenpolitischen Sprecher. Vor genau einem Jahr wurde Beck mit harten Drogen von der Polizei festgehalten. Beck stellte sich den Behörden, aber nicht der Öffentlichkeit. Er taucht ab, lässt sich krankschreiben und kehrt erst nach sechs Wochen in den Bundestag zurück. In einer Presseerklärung gibt er sich wortkarg. Die SZ-Autorin Lara Fritzsche kommt zu dem Schluss, dass dieses Vorgehen ein Meisterstück der Kommunikation war. Ist es das wirklich?

Nein, es ist kein kommunikatives Meisterstück, einfach abzutauchen, der Öffentlichkeit eine Erklärung vorzuenthalten, die Licht ins Dunkel bringt. Ja, Beck kann in seiner Freizeit tun und lassen was er will. Aber auch das, bitteschön, kann, nein, MUSS er unmittelbar nach dem Vorfall klarstellen. Ansonsten setzt er seine Glaubwürdigkeit , Authentizität und Integrität aufs Spiel.

Genau mit diesem Vorurteil hat die Zunft der Kommunikationstrainer immer wieder zu kämpfen. Wie oft wird ihr unterstellt, dass sie ihren Klienten rät, sich so zu verhalten, dass es ausschließlich den eigenen Vorteilen – denen des Klienten – nutzt? Die Losung „Keine Rücksicht auf andere – weder auf Kollegen noch die Öffentlichkeit“, also „Me first“ ist keine gute Kommunikationsstrategie.

Becks Strategie war die von Vogel Strauß: Kopf in den Sand, nichts hören, nichts sehen, abwarten. Eine Art von Kommunikation, die keinem hilft. Beck am wenigsten. „Abtauchen ist eine aufwendige Sache.“, konstatiert Fritzsche. Regungslos zu bleiben, tatenlos und unbemerkt, sei eine große Anstrengung. Warum hat Beck sich denn versteckt, statt in die Offensive zu gehen und die Kommunikation als aktiv Handelnder zu steuern?

„Er hat keine Parteikollegen eingeweiht, schon gar nicht die Fraktionsspitze.“, heißt es. Kommunikationsfehler Nummer zwei: Nicht nur bei eitel Sonnenschein sollte geredet, sondern gerade in einer Krisensituation muss zielorientiert kommuniziert werden. Und zwar zum Schutz des Betroffenen! Dass diejenigen, die Beck nicht eingeweiht hat, heute noch mit ihm zusammenarbeiten, grenzt an ein Wunder. Wer in der Fraktionsspitze fühlt sich bei dieser Beck´schen Kommunikation nicht hintergangen?

Die SZ-Analyse der Kommunikationsstrategie gipfelt in der Formulierung, Beck „habe neben aller Strategie er selbst sein wollen“. Indem er andere linkt? Wie kann ich glaubwürdig bleiben und mir treu sein, wenn ich anderen die Möglichkeit nehme, sich ein annähernd objektives Bild der Wahrheit zu machen?

„Becks Strategie im Drogenskandal funktionierte deshalb so gut, weil er sich nicht so verhält, wie er ist, also nicht laut, nicht spitzfindig, sondern er verhält sich gar nicht.“ Das ist Kommunikation von vorgestern und Wasser auf die Mühlen all derer, die à la Trump und Erdogan kommunizieren: Sie schaffen sich ihre (eigenen) „alternativen Fakten“, indem sie sich gar nicht verhalten, die Fragen anderer ignorieren und ein Miteinander torpedieren.

Ob die Strategie sich für Beck tatsächlich ausgezahlt hat, bleibt eine offene Frage mit einem übergroßen Fragezeichen. Seine Reputation innerhalb der eigenen Fraktion wird sich massiv verringert haben. Seine politische Schlagkraft hat er verloren.

Ein professioneller Kommunikationsberater hätte Beck geraten, sich sofort zu erklären und der Öffentlichkeit, aber auch Partei- und Abgeordneten-Kollegen die Chance zu geben zu erfahren, was passiert ist, wie er damit umzugehen und welche Konsequenzen er zu ziehen gedenkt. Sachlich, nüchtern, vielleicht auch emotional – und zwar so, dass der Betroffene sich selbst dabei gut fühlt. Und die andere Seite weiß, was Sache ist. Erst dann wird nicht mehr nachgefragt und erst dann gibt die Presse Ruhe.

Ergo: Schnell handeln, glaubwürdig agieren, nachvollziehbar erläutern – das ist das Geheimnis gelungener Kommunikation, nicht das verunsicherte Abtauchen und angstvolle Abwarten.

Ein Gegenbeispiel: Margot Käßmann. Sie hat nach einem weitaus geringeren Vorfall alle Konsequenzen gezogen. Sofort. Das hat ihr größten Respekt eingebracht. Gerade weil sie authentisch gehandelt hat und sich der Öffentlichkeit als verletzlich, also menschlich, gezeigt hat, ist sie auch heute noch sehr geachtet - vielleicht sogar mehr denn je.

Dr. Katrin Prüfig, 31.01.2017

„Jetzt ist Schulz!“ steht auf einem Plakat im Willi-Brandt-Haus, als der Kanzlerkandidat und designierte, neue Parteivorsitzende dort seine Antrittsrede hält. „Jetzt ist Schulz“ – am Sonntagabend dann bei Anne Will. Eine Lehrstunde in Sachen guter Kommunikation.

Lektion 1 – der Blickkontakt

Martin Schulz wirkt überzeugt und überzeugend. Und das liegt unter anderem an seinem absolut konstanten, souveränen Blickkontakt zur Moderatorin bzw. zur Gesprächspartnerin im Publikum. Er ist somit „voll da“, sitzt sehr ruhig, und blickt nicht mal weg, als von seinem Abgleiten in den Alkoholismus in jungen Jahren die Rede ist. Und von seiner Tendenz zur Selbstüberschätzung.

Lektion 2 – auch mal etwas Persönliches erzählen

Schulz war 11 Jahre Bürgermeister in Würselen bei Aachen. Das sei lange her, meint Anne Will, ob er nicht die Bodenhaftung verloren habe durch die vielen Jahre bei der EU? Schulz kontert: Er wohne immer noch in Würselen. Sein Nachbar schräg gegenüber sei Feuerwehrmann, nebenan wohnt eine Familie mit kleinem Kind. Und genau diese Menschen gelte es, künftig wieder besser zu stellen. Sie ebenso wie Busfahrer, Altenpfleger, Bäckermeister und Polizisten bräuchten ein würdiges Einkommen. D.h. Schulz bringt die sehr konkreten, persönlichen Aussagen und steuert dann gezielt auf seine Kernbotschaften: mehr soziale Gerechtigkeit

Lektion 3 – Abpraller einsetzen

Schulz, der auch gern Fußballprofi geworden wäre, kann auch den rhetorischen Konter. Er habe doch gar keine Regierungserfahrung, sagt Anne Will. Hatte Barack Obama auch nicht, retourniert Schulz. So etwas fällt nicht in der Live-Situation vom Himmel, so etwas hat man am besten vorher einmal durchdacht.

Lektion 4 – Kurze Antworten

Schulz labert nicht. Er kommt konzentriert auf den Punkt, auf seinen Punkt. Nicht immer beantwortet er direkt die Fragen von Anne Will. Denn er will ja seine eigenen Kernbotschaften setzen. Und das tut er. Schnörkellos, kompakt, ohne „ähs“ und leere Phrasen.

Lektion 5 – Umgang mit Zahlen

Schulz verwendet kaum Zahlen. Aber diese hier: 10 Prozent der Wähler seien in der letzten Woche vor der Wahl noch unentschieden. 3 Prozent entscheiden sich sogar erst am Wahltag, so Schulz. Und auch an dieser Stelle beweist der SPD-Parteivorsitzende ein gutes Gespür für das richtige Maß. Zwei vergleichbare Zahlen in einer Aussage – das geht. Das ist verständlich und nachvollziehbar.

Feinschliff geht immer

An einigen Stellen verwendet der Kanzlerkandidat das Wort „versuchen“, z.B. „ich habe versucht, es präzise zu formulieren.“ Aus der Hirnforschung wissen wir, dass das Wort „versuchen“ das Scheitern schon in sich trägt. Ein schwaches Wort. Es passt gar nicht zu Martin Schulz. Und obwohl seine Ernsthaftigkeit eine seiner großen Stärken ist, dürfte er doch das eine oder andere Mal mehr lächeln. Nicht nur daheim in Würselen.

Stefan Klager, 25.01.2017

5 kritische Fragen - 5 souveräne Antworten

Ein Paukenschlag sei es, so die Moderatorin der ARD-Sondersendung „Brennpunkt“, dass der amtierende SPD-Chef Sigmar Gabriel Martin Schulz den Vortritt als Parteichef und Kanzlerkandidat lässt. Weniger die Entscheidung als solche war ein Paukenschlag, schon eher, dass Gabriel diese Info dem „stern“ steckt, bevor er Fraktion und Partei darüber in Kenntnis setzt. Zündstoff für einen Brennpunkt - und so sind die Fragen an den stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden Ralf Stegner auch eher gegen den Strich gebürstet: „Was ist da schief gelaufen?“ „Das ist ja ein ziemliches Chaos.“ „Die Menschen sind auf 180.“ „Gabriel hatte schlechte Umfragewerte.“ „Was kann Schulz besser als Gabriel?“

Der Moderatorin gegenüber steht ein Stegner, der nur so strotzt vor Selbstbewusstsein, Souveränität und Schlagfertigkeit. Er fühlt sich durch die Fragen offensichtlich alles andere als bedrängt, im Gegenteil. Er hat Spaß daran, seine Botschaften zu platzieren. Was nach dem Interview beim Zuschauer hängenbleibt, ist der Eindruck: Ja, die Entscheidung war offenbar richtig. Wie sie zustande gekommen ist, ist eigentlich egal, denn das Ergebnis zählt. Und: Stegner kommt sympathisch, souverän und - auf die Bundestagswahl bezogen - siegessicher daher.

So überzeugend, dass die Moderatorin mit ihren Fragen schon fast hilflos wirkt, denn bei jeder Frage scheint Stegner zu punkten. Scheint. Denn genaugenommen hat Stegner die Fragen nur im Ansatz beantwortet und stattdessen seine Botschaften gesetzt.

Auf die erste Frage, was schief gelaufen sei, sagt Stegner relativ lässig, die Öffentlichkeitsarbeit habe vielleicht nur einen Punkt verdient, aber das Ergebnis sei gut und richtig.
Zweite Frage bzw. Feststellung: Fraktions- und Parteimitglieder sind auf 180! Stegner: Das sei in drei Tagen vergessen. Wichtig sei es, in acht Monaten die Bundestagswahl zu gewinnen. Schon fast etwas hemdsärmelig geantwortet, aber warum nimmt keiner Stegner diese Antwort krumm? Weil er Sympathiepunkte sammelt. Er strahlt, seine Mimik und Gestik kommuniziert positiv mit. Seine Formulierungen sind verständlich, wenn auch die Sprechgeschwindigkeit grenzwertig hoch ist.
Die dritte Frage bzw. der Hinweis, dass Gabriels Umfragewerte schlecht seien, kontert Stegner mit einer Lobeshymne auf Gabriels Leistung in den vergangenen Jahren.
Viertens: Die Aufforderung, Gabriel und Schulz zu vergleichen. Stegner geht ausschließlich auf die Vorzüge von Martin Schulz ein, ohne dass es wie eine Abwertung Gabriels wirkt. Die fünfte und letzte Frage: die nach der Personal-Rochade. Warum Gabriel Außenminister werden soll? Antwort: Weil der amtierende Außenminister (SPD) Bundespräsident wird. Und jetzt strahlt sogar die Moderatorin mit Stegner um die Wette.

1:0, Herr Stegner. Kritische Fragen perfekt gekontert- mit rhetorisch legitimen Mitteln, aber auch durch Ausstrahlung und ein gesundes Maß an Lockerheit.

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Dr. Katrin Prüfig, 23.01.2017

Warum eine gut gewählte Analogie das Verständnis erleichtert

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos ist Donald Trump allgegenwärtig. Und das ohne selbst da zu sein. Seine Drohung, Strafzölle auf Importwaren zu erheben, wird unter Experten heftig diskutiert. Der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, Dennis Snower, spricht sich im ZDF-Interview ausdrücklich gegen diese Zölle aus: „Das ist als würde man um eine Fabrik herum Stacheldraht ziehen. Niemand könnte, wollte mit dieser Fabrik zusammenarbeiten. Oder noch schlimmer: Als würde man um die Produkte in dieser Fabrik Stacheldraht ziehen. Niemand würde sie haben wollen.“ So hat Snower in rund 15 Sekunden die zerstörerische Wirkung von Strafzöllen anschaulich gemacht.


Prof. Dennis Snower im Gespräch mit Norbert Lehmann im Mittagsmagazin

Das Beispiel zeigt: Gerade in der öffentlichen Kommunikation lohnt es sich, über leicht verständliche Analogien aus anderen Themenwelten nachzudenken. Auch und gerade für sehr komplexe Zusammenhänge.

Ein weiteres Beispiel: Um zu erklären, wie sich die Plagiatsvorwürfe und –nachweise von Karl-Theodor zu Guttenberg, Annette Schavan und Ursula von der Leyen unterscheiden, kann man natürlich einen juristischen Diskurs beginnen. Oder man so veranschaulicht es so, wie ZEIT-Autor Martin Spiewak es mit einer Analogie aus dem Straßenverkehr tut: „Während Guttenberg in volltrunkenem Zustand Dutzende rote Ampeln überfuhr und Schaven ein paar Stopp- und Einbahnstraßenschilder ignorierte, hat Ursula von der Leyen zweimal im absoluten Halteverbot geparkt.“ Und schon hat der Leser ein Gefühl für die Schwere der Tat, oder? Als Trainerin gehören Vergleiche für mich zu den essentiellen „Zutaten“ guter Kommunikation. Und es ist mir ein Rätsel, warum viele Redner sie nicht häufiger einsetzen. Sie gehören unbedingt in die Vorbereitung eines Medienauftritts oder einer Rede. Denn: Gute Vergleiche fallen nur selten vom Himmel.

Das folgende Beispiel ist da vermutlich eine Ausnahme: Anfang der Woche telefonierte ich mit einem Kollegen aus der Redaktion. Er hatte ein schwieriges Gespräch mit einer Redakteurin hinter sich und musste Dampf ablassen. „Ein Gespräch mit DER ist wie Heizen bei offenem Fenster: totale Energieverschwendung!“ Dieser Vergleich sagt mehr als tausend andere Worte.

Dr. Katrin Prüfig, 12.12.2016

Als meine Tochter noch kleiner war, kam sie spätestens Anfang Dezember zu mir und sagte: „Wir müssen noch den Wunschzettel an den Weihnachtsmann schreiben!“ Oder dann zu Beginn der Schulzeit: „Du musst mir bei den Hausaufgaben helfen!“ Meine – zunächst unbewusste - Reaktion war: Ich muss gar nichts! Formuliert habe ich es dann so: „Ich helfe Dir gern, wenn Du mich anders darum bittest.“

Selbst erfahrene Politiker wie Angela Merkel machen Schlagzeilen mit Sätzen wie „Wir müssen Gewalt von Migranten akzeptieren!“. Oder Horst Seehofer: „Wir müssen Gemeinsamkeiten in der Flüchtlingspolitik finden!“ Warum sind das unglückliche Formulierungen?

Du musst oder wir müssen gehört zu den Vokabeln, die beim Gegenüber eine - häufig unbewusste - Reaktion auslösen. In vielen Fällen ist dies: Ablehnung. Ablehnung der Botschaft und oft auch desjenigen, der die Botschaft übermittelt. Spüren Sie doch mal folgenden Aussagen nach:
Das müssen Sie sich so vorstellen, Herr Müller...!
Da müssen Sie mal hinten links im Regal nachsehen.
Herr X ist leider nicht im Büro. Da müssen Sie morgen nochmal anrufen.
Ich muss nachher noch den Rasen mähen…

Wirkung auf Empfänger

Müssen - ein problematisches Verb. Wer will schon gern etwas müssen? Es erzeugt unbewusst einen Druck und schränkt die Entscheidungsfreiheit ein. Auf der Empfängerseite werden viele eher dicht machen. Viele reagieren eher unbewusst, manche auch bewusst. Siehe oben. Motto: gar nix muss ich! Natürlich hat auch dieses Wort in manchen Situationen seine Berechtigung, z.B. wenn es um eine echte Dringlichkeit geht: „Wir müssen die Asylverfahren für Flüchtlinge beschleunigen!“

Wirkung auf den Sprecher

Interessanterweise wirkt eine bestimmte Wortwahl auch auf uns, die Sprechenden, selbst zurück. Der Druck, den das Wort müssen in Richtung Empfänger erzeugt, erzeugt es auch nach innen. Wie viel lästige Pflicht steckt in dem Satz: Ich muss nachher noch Rasen mähen? Oder: Ich muss nachher noch fünf Emails schreiben? Am deutlichsten wird es, wenn Sie „müssen“ so oft es geht durch „werden“ oder sogar „wollen“ ersetzen. Die Aufgaben werden leichter, wenn es heißt: Ich werde nachher noch Rasen mähen. Oder gar: Ich will nachher noch Rasen mähen! Wer immer nur in „müssen“ denkt, dem wird vieles nur schwer von der Hand gehen.

Unser Tipp:

Ersetzen Sie „müssen“ so oft es geht durch möchten, werden, wollen. Sie werden erleben, wieviel leichter Sie durchs Leben gehen. Und wie viel bereiter ihre Gesprächspartner sich auf Ihre Themen einlassen.

Katja Schleicher, 10.10.2016

Die zweite US-Präsidentschafts-Debatte – und was man für eigene Auftritte daraus lernen kann



Format: Townhall-Arena

Struktur
Die inhaltlich relevanten Themen, die interessant sein sollten für die amerikanische Öffentlichkeit, sind längst dem Showdown geopfert worden. Dadurch gerät Clinton ins Hintertreffen, denn inhaltlich kann sie mit ihrer Erfahrung natürlich punkten. Wodurch es noch schwieriger wird: Sie ist zwar inhaltlich Meilen voraus, ihr Kontrahent aber kaum an Inhalten interessiert. So wird ihre wahre Stärke doppelt gebrochen: durch das öffentlich und durch Trump gering gehaltene Interesse an den Dingen, die Amerika wirklich bewegen. Für Panel-Diskussionen ein Punkt, der in die Vorbesprechungen mit den Redaktionen gehört: Zu klären: Was weiß das Publikum schon? Was muss es wissen, um folgen zu können? Was will es gern wissen? Denn nicht die Schlauesten gewinnen, sondern die, die von der Mehrheit am besten verstanden werden.

Stimm-Einsatz
Auch hier verlässt sich Trump aufs Authentische: Seine Stimme hat in der Townhall-Debatte dieselbe aufgepeitschte Agitiertheit, die sie immer hat (und wirkt damit verlässlich aufs Publikum: „ja, der redet so wie immer, der macht uns auf der Bühne nix vor“). Clinton, deren Stimm-Qualitäten in kleineren Formaten viel leichter strahlen und zum Tragen kommen, wirkt stimmlich in diesen Zirkusmanegen immer forciert und metallen im Ton. Manager und Politiker, die medial stärker wahrgenommen werden wollen, sollten früh mit ihrem Team klären, in welchen „Setting“ sie am besten zur Geltung kommen. Keiner muss schließlich alles können (außer natürlich angehende US-Präsidenten).

Sprachmuster
Sich verbal mit ihrem Publikum zu verbinden, bleibt Hillary Clintons große Herausforderung: Die Neuro-Linguistin Elisabeth Wehling hat das in einem Interview mit ZEIT Campus treffend beschrieben: „Schlimmer als Hillary kann man es nicht machen. Zum Beispiel wenn sie sagt: Ich bin Politik-Expertin. Ich werde das regeln. Sie sprach im Wahlkampf lange Zeit nur von sich – und vernachlässigte damit einen Kern-Wert der Progressiven: das Miteinander. Natürlich kennt auch die progressive Moral Autoritäten, aber die müssen Rechenschaft ablegen. Statt: Ich verändere Amerika, sollte sie lieber "wir" sagen.“ Obwohl Trump sein Publikum herzlich gleichgültig ist, gelingt es ihm fast spielend, den für ihn authentischen Ton zu treffen. Elisabeth Wehling dazu: „Neben Werten überzeugt Menschen vor allem Authentizität. Trump ist ein Rowdy, aber ein authentischer.“

Körpersprache
Was Hillary Clinton an verbaler Erniedrigung durch ihren republikanischen Herausforderer hinnimmt, ist fast schon masochistisch. Ein authentisches kommunikatives Aus-dem-Hosenanzug-fahren sei ihr für den Rest der Rallye gewünscht. Körpersprachlich war ihre Vorstellung sehr passend. Trumps Rumgehampel im Hintergrund hat ihn diskreditiert und seine Unsicherheit deutlich gemacht. Gewünscht hätte man sich mehr Farb-Wärme. Das hätte in einem so dunklen Bühnen-Setup hätte auf Clintons Seite sehr wohltuend gewirkt. So blieb Trumps Krawatte der einzige Farbklecks in vielen Grau-Schattierungen. Für jede Panel-Teilnahme oder andere Art von öffentlichen Auftritt gilt: Das Outfit sollte nicht nur stimmig zur eigenen Persönlichkeit, sondern auch zur Umgebung sein. Es schwächt die Auftritts-Wirkung, wenn der schwarze Anzug im Bühnenhintergrund „absäuft“.

FAZIT:
Es war ein sado-masochistisches Show-Schlachten. Nein, auch die zweite Debatte ist kein Vorbild für überzeugende gewinnende Kommunikation. Amerika, zeig‘ uns, dass du das besser kannst. Vor und nach dem 08.November.


Weiterführende Lese-Empfehlungen:

Stefan Klager, 05.09.2016

Wie sich mit provokativen Fragen umgehen lässt

Der stellvertretende Fraktionschef der SPD im Bundestag, Hubertus Heil, im WDR-Hörfunk. Konfrontiert wurde er mit dem überraschenden Rückwärts-Salto von SPD-Chef Gabriel in Sachen TTIP. Vor knapp zwei Jahren – so der WDR-Moderator in der Anmoderation des Gesprächs mit Heil - habe Gabriel erklärt, das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA müsse klappen, sonst „werden uns unsere Kinder und Enkel für eine ängstliche und ideologische Debatte verfluchen“. Und jetzt erkläre Gabriel: TTIP ist tot!

Darauf wird Heil vorbereitet gewesen sein, und so erläutert er sachlich, faktisch, nüchtern, aber durchaus lebhaft und inhaltlich nachvollziehbar, dass sich mit den USA in drei Jahren und 14 Verhandlungsrunden nichts bewegt habe und es unrealistisch sei, dass sich bis November noch etwas bewegen wird. Man müsse nun vom totgerittenen Pferd absteigen.

Der WDR-Journalist hakt nach, stellt eine legitime, aber provokative Frage: „Bei allem Respekt: Welcher Wähler soll das [gemeint ist Gabriels Sinneswandel] ernst nehmen?“

Heil kontert ruhig; Gabriel habe schon vor längerem darauf hingewiesen, dass die Zeit ticke; er belegt dies.

Die nächste Frage wirkt wieder wie eine Provokation, denn der Moderator formuliert die These eines Kollegen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Gabriel opfert TTIP, um CETA, das Freihandelsabkommen mit Kanada, parteiintern durchzuboxen.

Heil spricht von zwei Paar Schuhen: Bei TTIP gebe es keine Annäherung, mit CETA liege ein gut verhandelter Vertrag auf dem Tisch. Es folgen nachvollziehbare Argumente.

Der WDR-Moderator zieht die Daumenschrauben weiter an und unterstellt einen Zusammenhang mit der Bundestagswahl 2017 und den aktuell anstehenden Landtagswahlen. Subtext: Gabriel vollzieht diese Kehrtwende aus wahltaktischen Gründen.

Heil hält kurz inne, wechselt die Ebene, indem er die Frage hinterfragt, um aber kurz darauf von selbst wieder auf die inhaltlich argumentative Ebene zurückzukommen. Heil wörtlich:

"Wissen Sie was? Manchmal muss man auch im Gespräch mit Journalisten als Politiker Wert darauf legen, dass wir uns für die Sache interessieren. Und Sie unterstellen in jeder Frage einen taktischen Hintergrund. Es geht für die SPD tatsächlich darum, dass wir inhaltlich unsere Maßstäbe anlegen werden an den vorliegenden Text. […] Ich finde es nicht statthaft, ständig zu unterstellen, dass Politiker […] alles, was sie machen, nur aus taktischen Gründen machen. Das finde ich unangemessen.“

Die Sprechgeschwindigkeit hat leicht zugenommen, aber die Stimme bleibt ruhig. Heil hat bewusst eine Zäsur gesetzt, pocht darauf, die Ernsthaftigkeit von Politikern nicht immer grundsätzlich in Frage zu stellen - und das zu Recht! Was macht der Journalist? Er hakt nach, setzt hier und da einen Stachel – auch das zu Recht, schließlich ist dies seine Aufgabe.

Dass Heil sich nicht provozieren lässt, sondern jede noch so stichelige Frage konsequent durch Sachlichkeit und Informationen konterkariert, ist die eigentliche Stärke des Interviews. Was bleibt, ist die Aufklärung in Sachen „Verhandlungsstand TTIP und CETA“. Was bleibt, ist, dass der Hörer nun Verständnis für den vermeintlichen Gabriel-Salto hat. Was bleibt, ist, dass Heil als authentisch und „ehrlich“ wahrgenommen wird, der in der Lage ist, seinen Standpunkt deutlich zu machen, ohne sein Gegenüber anzugreifen. Die Botschaften sind transportiert, die Sympathiewerte für Heil eher gestiegen. Das nennen wir „gelungene Kommunikation“.

Hier finden Sie den Beitrag als mp3-Datei.

Kathrin Adamski, 26.07.2016

Wie Sprachbilder für eine klare und überzeugende Kommunikation sorgen

Hart aber fair am Sonntagabend, den 24.7.2016, nur 2 Tage nach dem Amoklauf im Münchner Olympiaeinkaufszentrum. Der Pressesprecher der Münchner Polizei Marcus da Gloria Martins ist zu Gast bei Frank Plasberg. Seine klare Kommunikation und seine ruhige Art in der Tatnacht wurden bereits als bemerkenswert kommentiert. Und diese Klarheit, Verständlichkeit und vor allem Eindrücklichkeit beweist er abermals in der Plasbergschen Runde. Auf die Frage von Frank Plasberg, wie die Grundangststimmung der Bevölkerung in Zeiten von Terror die Arbeit der Polizei verändert, meint er:

„Das größte Problem, das wir sehen, besteht darin, dass man mit rationalen Sachargumenten gegen eine ganz große Wand an Gerüchten, an Meinungen, an Stimmungen und vor allem an Ängsten anspricht. Sie sind in einem ganz großen Chor von Stimmungsmachern eine Stimme – o.k. wir sind der Bariton – aber wir sind halt nur eine Stimme. Und die Kunst besteht darin, eine Sachbotschaft zu platzieren. Und wenn diese Sachbotschaft ist, „Wir haben´s im Griff“, dann muss diese Botschaft ganz dringend in die Ohren der Bevölkerung und wenn Sie da übertönt werden, haben Sie ein Problem.“

30 Sekunden, die die komplexe Welt der Polizeiarbeit erklären. Mit diesem „musikalischen“ Bild hat uns Marcus da Gloria Martins die vielschichtigen Zusammenhänge von Polizeikommunikation und dem Störfeuer durch die sozialen Medien auf den Punkt gebracht. Ein Bild, das mehr sagt als tausend Worte. Das Bild bleibt in unseren Köpfen hängen, es macht Schlagzeilen, wir erinnern uns daran: Die Münchner Polizei als Fundament und tragendes Element, Tongeber in einem dramatischen Stück. Und mit diesem Sprachbild zeichnet er in den Köpfen der Zuschauer auch ein heldenhaftes Bild der gesamten Münchner Polizei. Allein das ist bereits bemerkenswert merk-würdig. Aber noch bemerkenswerter ist, dass Marcus de Gloria Martins diesen Ausspruch nicht vorab auswendig gelernt hat. Seine Aussage kommt so spontan und unvermittelt, dass sich das Gefühl bestätigt: Marcus da Gloria Martins denkt in Bildern, versucht, Zusammenhänge immer für alle verständlich zu machen, hebt nicht in Floskeln, Fachbegriffen und sperrigen, nichtssagenden Worthülsen ab. Da Gloria Martins spricht, was er denkt. Und er versucht für uns Zuschauer einfach und merkwürdig zu denken. Das Ergebnis: Klartext für unser Kopf-Kino. Klartext in Bildern, Klartext in einer bildhaften Sprache. Von ihm kann man lernen: Ein Bild sagt also tatsächlich mehr als tausend Worte, auch wenn es mit Worten gezeichnet wird. Es müssen nur die richtigen sein. Unser Fazit: Zur Nachahmung empfohlen!

Hier finden Sie den Beitrag in der Mediathek.

Dr. Katrin Prüfig, 17.05.2016

Viele Anglizismen schaffen Distanz, Verwirrung und nicht selten sogar medialen Spott

Oh dear! So toll es ist, dass deutsche Konzerne international aufgestellt sind: Es hat so seine kommunikativen Risiken und Nebenwirkungen. Englisch wird in vielen Chefetagen als Beimischung zum Deutschen als cool empfunden, als zeitgeistig, und es dient in der Tat der schnellen, internen Abstimmung, wenn alle dieselben Vokabeln drauf haben. Völlig irrig ist dagegen die Annahme, auch ein Zeitungsleser, Radiohörer oder TV-Zuschauer habe diese Vokabeln drauf. Oder auch nur die Lust, sie zu lernen. Und dennoch wimmelt es in so manchem Interview vor Anglizismen. Wir hören mal rein bei Frank Rausch, dem Deutschland-Chef des Paketdienstes Hermes (aus: Die ZEIT vom 4. Mai 2016):

„Er hat mit Managerkollegen Coworking spaces und Innovations Labs in Berlin besucht, um die (er sagt das alles so) Digital Natives kennenzulernen, ihre Open-Space-Büros, ihre Always-On-Mentalität ….Rausch möchte die Zustellung eines Pakets zum Event machen. Logistiker bräuchten einen Mind Change…“

Die ZEIT entlarvt den Branchensprech und das Alberne, das diesem Denglisch anhaftet. Zu Recht! Unreflektiert und in dieser Dichte eingesetzt, schaffen die Anglizismen bei vielen Lesern Verwirrung und Distanz. Dieser Hermes-Manager, mögen sie denken, ist offensichtlich in seinem eigenen Universum unterwegs und längst nicht mehr auf Augenhöhe mit DEM Verbraucher, dem seine Zusteller die Päckchen an die Haustür liefern. Was die sich wohl unter einem Event vorstellen?

Während die Handy-Hersteller noch die tollen neuen Features ihrer Geräte preisen, die sie gerade gelauncht haben, sind Features für TV-Zuschauer längere Dokumentationen. Während Börsianer einen Fonds loben, der gut performt, hören manche schon gar nicht mehr hin. Warum kann sich dieser Fonds nicht gut entwickelt haben? Warum ist er nicht einfach im Wert gestiegen? Und das deutsche Wort „Funktion“ ist auch kaum länger als das englische feature.
Denglisch, Anglizismen-Flut und überhaupt zu viele Fremdwörter: Ein guter Medientrainer wird darauf drängen, sie zu übersetzen. Das lohnt sich, denn Radio und Fernsehen sind sehr flüchtige Medien. Auf Anhieb verstanden zu werden, sollte das Ziel sein. Die eigene Botschaft im Kopf des Publikums zu verankern. Dafür ist kein Mind Change notwendig, sondern ein Umdenken – auf Seiten des Sprechenden.

Dr. Katrin Prüfig, 12.04.2016

Flughafen-Sprecher Abbou muss wegen eines kritischen Interviews gehen

Den feinen Unterschied zwischen offen und öffentlich muss nicht jeder kennen. Nur für Pressesprecher ist er existenziell. Der Pressesprecher aller Berliner Flughäfen einschließlich des Bauübungsplatzes BER (= Flughafen Berlin-Brandenburg) hat sich in einem Interview gegenüber dem „PR-Magazin“ extrem offen geäußert. Jetzt ist er seinen Job los. Was war passiert? Unter dem Titel „Alles kommt raus“ druckt das PR-Magazin ein Interview mit Daniel Abbou, seit Dezember 2015 Sprecher des BER. 

Darin Äußerungen wie: Die Berliner und Brandenburger hätten „ein Recht zu sehen, wo ihre Milliarden versenkt worden sind.“ Und Sätze wie dieser: „Glauben Sie mir, kein Politiker, kein Flughafendirektor und kein Mensch, der nicht medikamentenabhängig ist, gibt Ihnen feste Garantien für diesen Flughafen.“ Es sei „zu viel verbockt“, zu viele Milliarden seien „in den Sand gesetzt“ worden. Darüber hinaus äußert er sich kritisch über den jetzigen Flughafen-Chef Karsten Mühlenfeld und dessen versuchtem Versteckspiel mit dem Rechnungshof-Bericht.

Ich sehe den Redakteur vom PR-Magazin, der Abbou gegenübersitzt, förmlich grinsen: Da packt einer aus, wird er sich gedacht haben, den lassen wir mal schön reden…! Sonst hat man es ja häufig mit PR-Profis zu tun, deren Kernbotschaften so weichgespült sind, dass sie allein sprachlich den Stammtisch nicht streifen.

Die Frage ist, was reitet einen Pressesprecher, sich öffentlich so zu äußern? Offene Worte, Klartext, Selbstkritik und Reflektion – das gibt es klassischerweise in einem Hintergrundgespräch. Einem Gespräch „unter 3“, d.h. streng vertraulich. Die Informationen aus dem Gespräch sind nur als  persönliches Hintergrundwissen und für weitere Rechercheansätze des Journalisten gedacht und dürfen – ebenso wie die Quelle - nicht genannt werden. Ein Format, das hilfreich ist, wenn man den Kontakt zu Journalisten sucht und bestimmte Botschaften platzieren will, ohne gleich Kopf und Kragen zu riskieren. Wenn es komplexe Hintergründe zu erläutern gibt. Dann wird explizit Vertraulichkeit vereinbart.

So glücklich man Journalisten mit kernigen, offenen Aussagen macht: In einem Interview, dass zur Veröffentlichung bestimmt ist, haben sie aus Unternehmenssicht nichts zu suchen.
Der zweite, grobe Fehler (oder doch Provokation?) war, dass Abbou das Interview hätte autorisieren können, also freigeben. Spätestens da – mit Abstand zum ursprünglich Gesagten – hätte er die für ihn selbst gefährlichen Passagen erkennen und mildern können. Hat er aber nicht. Abbou ist zu lange im Geschäft, um das Risiko nicht zu kennen. Er ist für Klartext bekannt. Insofern muss man sein Interview wohl wirklich als Provokation deuten. Keine Empfehlung für den nächsten Sprecherjob.

Hier finden Sie eine verkleinerte Ansichtsversion des Interviews:

https://epaper.prmagazin.de/index.rnd?sid=1157175154;module=epaper;id=259;page=32

Katrin Röpke, 07.04.2016

Vom Umgang mit hartnäckigen Fragen und (fast) souveränen Antworten

Am 25. Februar 2016 brachte „Monitor“ einen Beitrag über die Grünen in Baden–Württemberg, darin O–Töne von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Er wirkt darin ungewohnt aufgebracht und barsch.

Mittlerweile ist das Interview in voller Dreh-Länge auf Meedia.de zu sehen. Es dauert ca. 9 Minuten und zeigt, was dazu geführt hat, dass Kretschmann im Monitor–Beitrag mit aufgerissen Augen, großer Geste und in fast schon abgehackter Art antwortet: Er wird immer wieder mit ein und derselben Frage, bzw. Behauptung konfrontiert.

Dabei beginnt es entspannt: Reporter und Ministerpräsident begrüßen sich, Kretschmann lächelt. Dann die erste Frage „Warum finden Sie eigentlich das Konzept von sicheren Herkunftsländern so gut?“ Kretschmann fragt zu Recht nach. Bei einer Unterstellung darf und sollte er das tun. Dann versucht er, einen Kompromiss zu erklären: „Nur weil man etwas zustimmt, heißt das nicht, dass man es auch gut findet.“ Der Wunsch nach Differenzierung lässt Kretschmann sperrig wirken.

Es folgen viele „Ja, abers“ vom Monitor–Reporter, im Wechsel mit „Aber Sie wissen ja ganz genau....“. Keine Fragen, sondern Behauptungen. Kretschmann wird ungeduldig. Dann schaltet sich seine Pressesprecherin mit einem Satz ein, der in Drehinterviews tabu ist: „Wir hatten was anderes vereinbart.“ Kretschmann reagiert richtig, indem er den Einwand seiner Pressesprecherin mit einem „Die können fragen, was sie wollen“ pariert. Absprachen im Vorfeld braucht man zur Klärung des Themas. Doch Absprachen vor Interviews bedeuten nicht, dass sich der Journalist daran hält und der Gefragte nur auf diese Fragen vorbereitet sein sollte.

Kretschmann bleibt bei allem Nachbohren und Unterstellen konsequent bei seiner Haltung. Ein „Ja, ich bin für das Konzept“ bekommt der Reporter nicht. Stattdessen: „Ich bin etwas erstaunt, was Sie von mir wollen...“ Hier hätte Kretschmann weitergehen können und sollen. Ein freundliches „Was wollen Sie von mir hören?“ oder „Ich weiß, Sie wollen etwas Bestimmtes von mir hören, und ich kann es Ihnen so einfach nicht sagen.“ Beides wären Strategien gewesen, die die Situation entzerrt, Kretschmann wieder Souveränität gegeben hätten.

Das ganze Interview zeigt, wie ein Reporter hartnäckig einen bestimmten O–Ton haben will. Und es zeigt, wie wichtig es ist, immer wieder durchzuatmen und freundlich-bestimmt seine Antworten zu wiederholen. Damit es eben nicht zu unwirschen, unfreundlichen und abgehackten Antworten kommt, die dann im Beitrag verwendet werden. Das verlangt Klarheit, Ruhe und gute Vorbereitung.

Hilft das alles nichts und scheint sich das Interview im Kreis zu drehen, nutzen Sie die Metaebene und sprechen Sie Ihr Gegenüber auf das an, was gerade in der Kommunikation schief läuft– wie Sie es im richtigen Leben sicher auch tun würden.

 

Das Ausgangsmaterial und den geschnittenen Beitrag finden Sie hier: 

Daniel Baumbach, 24.3.2016

Warum die Reporter vor Ort mit Plattitüden nerven

Wiedermal ist das Unfassbare passiert: Terroranschläge am Brüsseler Flughafen und in einer U-Bahnstation in der Nähe von EU-Institutionen. Tote, Verletzte, chaotische Zustände – ein Anschlag auf das Herz der EU. Und natürlich geht die ARD – wie andere Sender auch - schnellstmöglich mit einer Sondersendung On Air. Das erwarten wir als Fernsehzuschauer mittlerweile.

Doch sind die Informationen, die die uns die Reporter und Korrespondenten kurz nach dem Ereignis präsentieren, wirklich so erkenntnisreich, dass sich das Einschalten des Fernsehers lohnt? Bekommen wir als Nachrichtenkonsumenten in den ersten Stunden nach solch einem Terrorakt das zu sehen und vor allem zu hören, was uns wirklich interessiert?

Wohl eher nicht! Schnell stellt sich zumindest bei mir sogar Frust ein und auch ein Sättigungsgefühl, angesichts der ganzen Katastrophen-Plattitüden, die ich zu hören bekomme: „Polizei- und Rettungswagen sind unterwegs; Augenzeugen haben Tränen in den Augen und irren umher; Straßen sind oder werden gerade abgesperrt“. Was ich aber wissen will, höre ich nicht. Was ist wo genau passiert? Wie viele Opfer gibt es? Wie müssen wir das einordnen? Welche Folgen hat das alles für uns?

Die Antworten auf diese Fragen können die Kollegen in den ersten Stunden nach dem Ereignis vor Ort noch gar nicht geben. Im Grunde sind die ersten Katastrophen-Reporter sogar zu bemitleiden. Auf dem Weg zur Arbeit oder zuhause wurden sie vom Ereignis überrascht, versuchen schnellstmöglich zum Anschlagsort zu gelangen, währenddessen ihr Handy nicht mehr still steht. Die Redaktion in Hamburg ist dran, erklärt, dass sie sobald als möglich auf Sendung müssten, ganz egal, was sie schon wissen. Auch die Dispo klingelt durch, erklärt, dass es technische Probleme gibt: Der Übertragungswagen habe noch nicht aufgebaut, sondern stehe im Stau usw..

Zum Recherchieren kommen die Kollegen auf dem Weg zum Übertragungsort praktisch nicht. Sie können nur quasi nebenbei aufnehmen, was sie sehen, was sie hören oder riechen. Zum Einordnen oder gar Analysieren haben sie keine Zeit und den Kopf nicht frei. Heißt: Ohne einigermaßen fundiertes Wissen werden sie zwangsläufig in den Live-Schalten verheizt und müssen irgendwas erzählen, um die Sendezeit zu füllen. Und da die Moderatoren im Studio nicht aufhören, neue Fragen zu stellen, wird jede weitere Antwort nicht besser.

Mir ging es ähnlich, im April 2002, als ein Amokläufer am Erfurter Gutenberg-Gymnasium um sich geschossen und 16 Menschen getötet hatte. Als erster TV-Live-Reporter vor Ort wurde ich von einer „Tageschau“- zur nächsten MDR-Sendung durchgeschaltet. Ich stand im abgesperrten Bereich, in Sichtweite des Geschehens, doch ich wusste rein gar nichts. Wenn mir nicht ein netter Kollege die neuesten Informationen von den ersten Pressekonferenzen durchtelefoniert hätte, ich hätte stundenlang nichts anderes berichten können, als das, was ich auf meine Weg zum Schaltort gesehen hatte: „Viel Polizei ist da, die Schüler sind verwirrt, haben Tränen in den Augen, alles ist ziemlich chaotisch…“.

Was also tun? Einfach mal ein paar Stunden nach einem Terrorakt mit der Berichterstattung warten, bis klar ist, was eigentlich wo, wie und warum passiert ist? Ich vermute, dass wir das als Nachrichtenkonsumenten nicht mehr akzeptieren werden. Schnell, schneller, am schnellsten wollen wir informiert sein und bekommen dann eben das oben Geschilderte serviert.

Mein persönliches Rezept dagegen: Ich schaue mir die ersten Livebilder nach einem Ereignis an, maximal zehn Minuten lang, und übe dann den Rest des News-Verzicht Tages (wenn ich nicht gerade Dienst als Nachrichtenredakteur habe) – bis zur „Tagesschau“ und dem anschließenden „Brennpunkt“. Dann wissen die Kollegen fast immer mehr und beantworten viele Fragen zumindest einigermaßen umfassend.

Andrea Müller, 14.3.2016

Was predigen wir in unseren Medientrainings immer: freundlich und gelassen bleiben, verbindlich sein und wenn es sich anbietet, gerne auch mal den Humor-Joker ziehen. Das mag der Zuschauer, das ist schon die halbe Miete.


Eigentlich beherrscht er das: der grüne baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, ein Polit-Profi. Aber am Wahlabend war gar nichts spaßig: weder mit noch an ihm. Er war keine Spur verbindlich oder freundlich. Im Heute Journal sah der Zuschauer einen genervten, humorlosen und angespannten Kretschmann.

Warum bloß? Zugegeben, die schwierigen Mehrheitsverhältnisse nach dieser Wahl konnten ihm nicht gefallen. Das war seinen Antworten zu Koalitionsfragen auch anzumerken. Er war schlecht gelaunt. Okay, da hatte er auch Grund dazu, also Haken dran.

ABER: der Vorzeigegrüne hatte einen fulminanten Wahlsieg eingefahren. Er war der Held des Abends. Und wurde auch so anmoderiert: Christian Sievers begrüßte ihn als „grünes Wunder“, als „Mann, der Geschichte geschrieben hat“. Das entlockte dem zugeschalteten Winfried Kretschmann wenigstens kurz noch ein schmallippiges Lächeln. Und das sollte, bis auf das Schlussnicken, der einzige wirklich freundliche Gesichtsausdruck bleiben während des gesamten 5-Minuten-Interviews.

Dabei lieferte Moderator Sievers genügend gute Vorlagen, um mit Humor zu punkten. Einstiegsfrage: “Haben Sie gewonnen, weil Sie so tolle Politik machen, oder weil Sie für Angela Merkel beten?“
Kretschmanns Antwort ist eine völlig spaßbefreite Aufzählung seiner Regierungsleistungen.
Oder Schlussfrage: „Brauchen die Grünen dringend mehr Kretschmänner?“ Reaktion: kein Wimpernzucken, kein amüsiertes Lächeln – nichts, was ihm Sympathiepunkte eingebracht hätte. Schade, das war komplett verschenkt!
Dabei wäre es so einfach gewesen: Regel Nr. 1: direkt antworten. Vorschlag: „Kretschmänner kann man immer brauchen, nicht nur bei den Grünen…“
Regel Nr. 2: immer freundlich bleiben. Und schon wäre beim Zuschauer hängen geblieben: Was für ein souveräner, netter Politiker, der hat zu Recht gewonnen.

 

Die Sendung sehen Sie hier in der ZDF-Mediathek.

Juliane Hielscher, 09.02.2016

Nur im äußersten Notfall empfehlen wir, Wissen aus dem Medientraining aktiv in ein Interview einzubringen. Zu groß ist die Gefahr, als Klugscheißer dazustehen. Zu verführerisch, sich als stärker zu empfinden, als man möglicherweise ist. Manchmal allerdings ist die totale Transparenz das Mittel der Wahl - als ultima ratio. So am 7. Februar 2016 von Ursula von der Leyen am Ende der Talkrunde von Anne Will erfolgreich umgesetzt.

Es ging um den Stand der Bundeskanzlerin in der Flüchtlingskrise. Insgesamt eine muntere, aber unaufgeregte und deswegen informative Ausgabe. Gegen Ende wollte es die Talkmasterin aber dann doch noch wissen und nahm die Bundesverteidigungsministerin in die Mangel. Was, wenn Schengen versagt und Europa auseinander bricht? Macht Deutschland dann doch die Grenzen dicht?

Geschlagene siebenmal versuchte Anne Will, der Ministerin innerhalb von nicht ganz fünf Minuten ein "Ja" aus der Nase zu ziehen. Sie probierte es mit einer klaren Fragestellung, mit einer Nachfrage in anderer Form, mit Unterstellungen, mit der Aussage als Vorgabe zur Bestätigung. Doch nichts half. Selten sieht man solche Hartnäckigkeit in dennoch höflicher Form bei der fragenden Person. Noch viel seltener gibt es so souveräne, freundliche und ebenso hartnäckige Antworten wie die der Verteidigungsministerin. Sie blieb stoisch bei der Erklärung, die Bundesregierung halte an Schengen und Europa fest und nutzte die mehrfachen Nachfragen, um ihre Argumente klug zu wiederholen. Als es ihr dann beim siebten Anlauf doch zu bunt wurde, sagte sie mit einem immer noch freundlichen, bald schon amüsierten Lächeln: „Ich weiß, dass Sie gerne diese Schlagzeile hätten. Nein, das ist der falsche Weg. Wir wollen Europa zusammenhalten.“ Und damit war das Verhör beendet, und es gab Platz für einen anderen Schlussgedanken.

Drei Dinge hat Ursula von der Leyen richtig gemacht:

  1. Sie hat sich durch die sicherlich nervenden Wiederholungen nicht aus der Ruhe bringen lassen.
  2. Sie hat jede Fragewiederholung genutzt um ihre Kernbotschaft zu platzieren.
  3. Sie ist zugewandt und höflich geblieben, selbst in dem Moment als sie ihr Meta-Wissen ausgepackt und das As mit der „Schlagzeile“ aus dem Ärmel zog.

So kann man es machen! Gut vorbereitet, gut trainiert und gut umgesetzt.

 

Die Sendung sehen Sie hier in der ARD-Mediathek.

Katja Schleicher, 26.01.2016

Der kanadische Premier zeigt auf dem WEF in Davos und im Rest der Welt, wie öffentlicher Auftritt gelingt

Seit seiner Vereidigung im November 2105 hat der kanadische Ministerpräsident unmittelbar auf den Podien der Welt gezeigt, was einen gelungenen öffentlichen Auftritt ausmacht. Man spürt bei jeder Rede, jedem Interview, dass hier ein Vertreter einer jungen Politik-Generation am Start ist, die die Kluft zwischen Sagen und Tun so klein wie möglich halten will. An einigen Beispielen seiner Auftritte beim Davoser Weltwirtschaftsforum soll hier gezeigt werden, was dem jungen kanadischen Premierminister in den einzelnen Teilbereichen so treffend gelingt:
 

Struktur/Aufbau/Dramaturgie:

Eine große Stärke in den Reden des kanadischen Liberalen sind die Übergänge in seinen Reden, diese dramaturgischen Brücken zwischen den einzelnen Themen-Komplexen. Durch diese feine Dramaturgie zahlt jede einzelne Kernbotschaft in Inhalt und Form auf das kommunikative Gesamt-Konto ein (in Trudeaus Fall, Kanada als ausgleichende politische Kraft und modernen Staat ins Licht zu rücken). Dadurch wird das Ganze seiner Rede mehr als die Summe ihrer kommunikativen Einzelteile. Gegenteiliges lässt mit schöner Regelmäßigkeit in den Diskussionsbeiträgen deutscher Politik-Talkshows beobachten, wo es den Teilnehmern mehr darum geht, den Gegner argumentativ abzuwehren anstelle die eigenen Kernaussagen zu verdeutlichen. 

Trudeau ist außerdem auf wertschätzende Weise authentisch. Es gibt sehr wenige Spitzen-Politiker, die ihre direkten Vorgänger wertschätzend in einer ihrer ersten großen Reden erwähnen. Der noch dazu aus dem gegnerischen politischen Lager kommt. Hier zeigt sich wahre Größe. “My predecessor wanted you to know Canada for its resources. I want you to know Canadians for their resourcefulness.”
 

Körpersprache (hier bezogen auf Mimik und Gestik):

In Rhetorik-Trainings lernt man, eine „positiv-freundliche“ Grundhaltung und Ausstrahlung einzunehmen, ohne dabei ständig angestrengt zu lächeln. Justin Trudeau gelingt das scheinbar mühelos, er ist körperlich gefühlt in konstantem Dialog mit seinem Publikum: Handbewegungen, Blickkontakt, Bewegungen des Oberkörpers sorgen dafür, dass er „bei uns“ ist und nicht sein Manuskript oder der Teleprompter als Dialogpartner herhalten muss. Dagegenstellt sei hier das ängstliche Am-Zettel-Kleben vieler Wirtschaftsbosse, wenn sie vor ihren Aktionären sprechen.
 

Sprache (inklusive Betonung, Modulation der Stimme, Pausensetzung):

Justin Trudeau trifft stimmlich genau den Ton zwischen klarem Statement und Angebot ans Publikum. Den pathetisch-beschwörenden Redestil vieler nord-amerikanischer Politiker (Donald Trump ist da nur die Spitze des Eisberges) hat Trudeau sich gar nicht erst angeeignet. Er spricht „Konversations-Ton“ und begibt sich dadurch mit seinem Publikum auf Augenhöhe. Nichts an seiner Art erweckt den Anschein, seine Politik sei Zauberei oder Geheimniskrämerei und ohnehin nicht zu entschlüsseln. Als Gegenbeispiel sei hier nochmal an „…ein Teil dieser Antwort würde einen Teil der deutschen Öffentlichkeit überfordern…“ des deutschen Innenministers erinnert. Dass Trudeau den zweiten Teil seiner Rede auf Französisch, der zweiten offiziellen kanadischen Amtssprache, hält, passt wunderbar in sein Konzept von Diversität und gibt seinem Auftritt zusätzliche Leichtigkeit.

Dem kanadischen Premier gelingen einfache Wortwahl und die Kunst, Außergewöhnliches mit gewöhnlichen Worten zu sagen. Dabei beherzigt er Kurt Tucholskys wichtigste „Ratschläge für einen guten Redner“: Hauptsätze. Hauptsätze. Hauptsätze. Er spricht mit Stolz und ohne Pathos. Der Grat zwischen beidem ist sehr schmal, Trudeau geht ihn virtuos. Dadurch wird es dem Publikum möglich, seine Worte ohne viel Reibungsverlust auf sein Land, Kanada, zu übertragen.
 

Stimmungen beim Publikum, äußere Faktoren & Agenden, andere „Befindlichkeiten“:

Trudeau nutzt Themen, die ohnehin im öffentlichen Bewusstsein obenan stehen, surft auf der Agenda-Welle und setzt klare Botschaften, die im Sinne des Großen und Ganzen stehen. Damit sichert er sich zusätzliche Aufmerksamkeit der Medien und wird vielfach auch dort zitiert, wo es in erster Instanz gar nicht um WEF-Berichterstattung geht. „I will raise my sons as feminists .“ ist innerhalb weniger Tage einer der am meisten zitierten Davos-Sätze geworden.
Sehr subtil macht er darauf aufmerksam, wie elitär er die WEF-Gemeinschaft findet: “The 4th industrial revolution is not going to be successful unless we are providing real opportunities for the billions that were not able to join us this week.”

Der Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schultz von Thun spricht von „Stimmigkeit“, wenn alle Bereiche der öffentlichen Wahrnehmung so übereinstimmen, dass für das Publikum ein kongruentes Bild entsteht. Dieses Gefühl entsteht beim Publikum dann, wenn alle Teil-Bereiche ausbalanciert sind. Ist beispielsweise die Körpersprache engagiert bis agitiert, alle sprachlichen Aspekte dagegen unterkühlt und zurückgenommen, entstehen im Kopf des Zuschauers unklare Bilder. Justin Trudeau zeigt, wie sich diese Balance bei Reden und Interviews herstellen und halten lässt.
 

Fazit:

Das Fazit ist der Aufruf an alle Politiker, große und kleine Wirtschaftsbosse, deren Referenten und Pressesprecher, sich Justin Trudeaus öffentliche Auftritte und Statements anzuschauen und dann ihre eigene Identität in Interviews zu entwickeln. Immer wieder zu üben und zu verbessern. Zumindest, wenn sie beim Publikum mit authentischen, stimmigen und klugen Auftritten in Erinnerung bleiben wollen. So wie der kanadische Premier.

 

Beispiele sehen Sie hier: 

Katja Schleicher, 14.01.2016

VW-Chef im Statement-Stress beim amerikanischen Radiosender NPR

Matthias Müller, der VW-Retter in der weißen Weste, ist momentan auf „Mea Culpa“-Tour in den USA. Es steht viel auf dem Spiel für den angeschlagenen deutschen Vorzeige-Autobauer. Die Reputation ist bereits im Keller, die befürchtete Klagewelle in den USA könnte den Konzern auch wirtschaftlich auf die hinteren Plätze verweisen. Matthias Müller hatte seine Reise auch mit dem Versprechen angetreten, das Konsumenten-Vertrauen in VW zurück zu gewinnen. Schon seine offiziellen Auftritte auf der Detroiter Auto-Show waren nur mäßig dazu geeignet. Danach aber gießt Müller noch zusätzlich Öl ins Feuer und verschlimmert den Schaden an der Reputation. Nach dem Auftritt auf der Auto-Show stellt Sonari Glinton, Journalist beim amerikanischen Radiosender NPR, dem VW-Chef ad hoc ein paar Fragen. Mikro unter die Nase, los geht’s. Nichts Außergewöhnliches oder Unerwartetes.

Noch dazu ist die erste Frage eigentlich die perfekte Vorlage für ein neuerliches Schuldeingeständnis. Aber Matthias Müller ist offensichtlich wenig fokussiert, unter enormem Stress und will nichts als raus da. Und versagt doppelt: er geht in den Verteidigungs-Modus und er lügt: nein, es sei in erster Instanz ein technisches, kein ethisches Problem gewesen…, und wieso der Journalist das fragen würde… Monate, nachdem der Konzern sein ethisches Fehlverhalten bereits mehrfach eingestanden hat, rudert Müller zurück! Noch dazu in den USA, wo man reuige Sünder noch mehr liebt als in Europa…

Niemand sollte den Stress bei ad hoc-Fragen -besonders nach einem öffentlichen Auftritt- unterschätzen oder kleinreden. Besonders die Managerspezies der „angry white men“ („ich kann alles, schaff alles, mir kann keiner, wer widerspricht, fliegt“) neigt dazu… Sicher lässt sich nicht jede einzelne Interview-Situation vorab trainieren und jede Frage vorhersehen. Wie jedoch jemand unter Stress reagiert, lässt sich austesten und dann entsprechendes Gesprächsverhalten trainieren. Der Zeitaufwand ist gering im Vergleich zu dem „long tail“, das Müller mit seinem Statement auslöst:

Müllers PR-Team greift ein und gibt an, es sei während des Interviews viel zu laut gewesen, jeder hätte geschrien und darum hätte Müller vor lauter Mikrofon- und Kamera-Wald kaum die Fragen verstanden. Ob man das Interview vielleicht nochmal…?

NPR kommt dem Wunsch nach, Müller kann das Interview am nächsten Morgen nochmal führen. (Welches PR-Wunder oder Druckmittel dazu geführt hat, ist nicht bekannt, wäre jedoch höchst aufschlussreich und könnte Platz in PR-Lehrbüchern bekommen). Der Sender veröffentlicht dann beide Versionen des Gesprächs auf seiner Webseite: Interviews bei NPR

Die deutschen Medien (die die Reise des VW-Vorstandsvorsitzenden ohnehin mit Argus-Augen verfolgen, nehmen diesen Sachverhalt großflächig auf und bringen eine „Story in der Story“: die vom Ausbügel-Interview, (auszugsweise die Links zu den Artikeln in Handelsblatt, Spiegel online und Stern online),

Fazit:

„Worst Case“ -Szenarien und Stress-Situationen lassen sich in einem Medientraining kontrolliert herbeiführen und trainieren. Das psychologische Stress-Niveau läßt sich im geschützten Raum des Trainings-Setups hervorragend erhöhen, um den Sprecher Stück für Stück auf die Interview-Wirklichkeit vor Mikrofon und Kamera vorzubereiten und den härtesten Aufprall abzufedern. Eine Rückmeldung, die wir aus unseren Trainings häufig bekommen: „Ich hätte nie gedacht, dass ich unter Interview-Stress so extrem reagieren würde“. Vorab wissen nicht einmal Presse-Sprecher, was sie erwartet: cool und arrogant wie Müller oder verhuscht und zurückgezogen wie andere. Die eigene Widerstandsfähigkeit in Sachen Stress nicht vorher im Medientraining zu überprüfen und ggf. zu erhöhen, ist fahrlässig und hat gravierende Konsequenzen für Reputation, Personal und Budget.

Ute Emmerich, 08.01.2016

... oder: Wie Sie Ihr angeknackstes Image retten können, Frau Reker!

Der Shitstorm will nicht enden, und das auch aus gutem Grund: die Äußerung, Frauen hätten „zu Fremden eine Armlänge Distanz zu halten, innerhalb der eigenen Gruppe zu bleiben und sich von dieser nicht trennen zu lassen“, ist an Peinlichkeit nicht zu überbieten: Peinlich für eine/n OberbürgermeisterIn, peinlich für eine Frau, peinlich für die heutige Zeit.

Peinlich für die heutige Zeit ist auch das Deutsche Sexualstrafrecht. „Armeslänge“ und "Nein" sagen reichen nämlich nicht aus. Laut Sexualstrafrecht dürfen sich Sexualstraftäter wissentlich über den erklärten Willen ihrer Opfer hinwegsetzen: Das geht aus einer Fallanalyse des „Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe“ (bff) über die bestehenden Schutzlücken in der Anwendung des deutschen Sexualstrafrechts bezüglich erwachsener Betroffener eindeutig hervor.

In einer Analyse von 107 Fällen schwerer sexueller Übergriffe hat der bff anhand von Einstellungsbescheiden und Freispruchsbegründungen Strafverfolgungshindernisse der materiellen Rechtslage bei sexualisierter Gewalt herausgearbeitet. In allen analysierten Fällen geschahen sexuelle Übergriffe gegen den eindeutigen und dem Täter verbal zur Kenntnis gebrachten Willen des Opfers. Anklageerhebung durch die Staatsanwaltschaft oder Verurteilung durch das Gericht blieben in allen analysierten Fällen aus.

Darüber hinaus erfüllt laut Sexualstrafrecht ein Mann, wenn er - wie vielfach an Silvester in Köln geschehen- eine Frau unsittlich begrapscht, keinen Straftatbestand. Eine Frau, die ihm danach eine knallt, aber sehr wohl. Denn das ist laut Gesetz Körperverletzung, sofern es nicht im exakt gleichen Moment wie die Belästigung passiert. Der Täter wird auf diese Weise zum Opfer, denn in der Sekunde der Ohrfeige hatte er von der Frau abgelassen, was also im juristischen Sinne unschuldig. Und die Frau? Sie wird zum Täter gemacht und juristisch belangt.

Das ist ein Skandal - und für Sie eine gute Möglichkeit, in der Krise wieder Land zu gewinnen. Mein Tipp als Medientrainerin: Setzen Sie sich für eine Reform des Sexualstrafrechts ein und treten Sie damit an Öffentlichkeit und Medien! Engagieren Sie für ein Sexualstrafrecht, das Frauen wirkungsvoll schützt! Das ist dringend überfällig! Und wird auch Ihnen helfen, Ihr Image wieder aufzupolieren und Rücktrittsforderungen Einhalt zu gebieten.

Stefan Korol, 07.01.2016

Eskalation in der arabischen Welt – zum Interview Guido Steinberg in den Tagesthemen, 4. Januar 2016

Wenn Fernseh-Redaktionen einen Interviewgast eingeladen haben, dann steigt, vor allem vor der Live-Sendung, der Adrenalinspiegel: „Wie wird er rüberkommen, spricht er so, dass die Zuschauer ihn verstehen, kann er kurz antworten, bleibt er womöglich hängen…?“

Bei Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik, am Montag in den Tagesthemen zum Thema Konflikt Saudi-Arabien – Iran, konnten sich Redakteure und Moderator entspannen: Der Islamwissenschaftler zeigt souverän, wobei es beim guten Interview ankommt: „Sage was Neues, sage es verständlich und sage es möglichst in 30 Sekunden.“ Natürlich, der Auftritt muss auch im Detail stimmen. Aber wenn diese drei Voraussetzungen erfüllt sind, dann fallen auch kleine Schwächen in der Umsetzung nicht ins Gewicht – der gute Eindruck überwiegt.



Frage: „Warum diese Eskalation, warum geschieht sie jetzt?“
Steinberg eröffnet mit einer klaren Einschätzung und Aussage: „Der König setzt auf Eskalation.“ Er stellt dann klar, worum es nicht geht: „Es ist nicht das Verhältnis zu Iran“ und nennt dann einen Grund für die Eskalation: „Der König will den konservativen Kräften im Land deutlich machen: Wenn ihr euch an Al Kaida, am IS orientiert, müsst ihr mit der Todesstrafe rechnen.“ Und dann noch einen zweiten: „Saudi-Arabien erhebt einen Führungsanspruch in der sunnitischen Welt.“
48 Sekunden – in denen ich viel gelernt und alles verstanden habe über die Situation in Saudi-Arabien.

Frage: „Saudi-Arabien und Iran sitzen mit bei den Friedensverhandlungen für Syrien. Was bedeutet diese Eskalation für diesen Friedensprozess?“
Steinberg erweitert das Thema mit dem Hinweis darauf, dass ja beide Länder in Jemen und auch in Syrien Stellvertreterkriege führen. Er kehrt dann zu der Frage zurück, befürchtet, dass sich die jetzigen Ereignisse negativ auf die Friedensgespräche auswirken werden. Klar, wenn ich lange drüber nachgedacht und viel gegoogelt hätte, wäre mir der Zusammenhang dieser beiden Kriege womöglich auch aufgefallen. Aber so ging es in 40 Sekunden.

Auch die Frage nach dem möglichen Einfluss, den der Westen, den Deutschland auf Saudi-Arabien nehmen kann, beantwortet Steinberg souverän und konkret: Da gibt es so gut wie keine Möglichkeiten. Und die Idee, Saudi-Arabien keine deutschen Waffen mehr zu liefern (wie von den Grünen gefordert) verwirft er überzeugend: „Dieses Druckmittel gibt es nicht, denn die wirklich wichtigen Rüstungsgüter in Saudi-Arabien kommen gar nicht mehr aus Deutschland, sondern aus anderen Ländern.“

Informationen, nach denen der Moderator nicht gefragt hat, die aber für das Thema und für die Einordnung wichtig sind. Antworten mit einer „Überschrift“, mit Argumenten und am Ende ein zusammenfassender Schluss. Eine einfache Sprache, halbwegs kurze Sätze, klare Struktur. Und immer der Eindruck, dass der Experte schon am Anfang seiner Antwort weiß, wo er hin will und wo er am Ende sein wird. Da kann man sich als Zuschauer dem letzten Satz des Moderators nur anschließen: „Vielen Dank, Herr Steinberg, für diese Informationen.“

Stefan Korol, 10.11.2015

DFB-Vizepräsident Rainer Koch im ARD-Brennpunkt zum Rücktritt von Wolfgang Niersbach (9. November 2015)

Gekauft, weil es einfach gut aussah – und dann doch ein bisschen Enttäuschung, weil der Inhalt mit dem Glanz und Glitter der tollen Verpackung nicht mithalten kann: Solche Käufe, solche Situationen kennen wir. Bei Rainer Kochs Interview gestern im ARD-Brennpunkt war es anders herum: In der Sache war sein Auftritt in Ordnung. Leider aber war die Verpackung so schlecht, dass der gute Inhalt am Zuschauer vorbei ging.

Schon das erste Bild liefert keinen guten Eindruck. Rainer Koch ist ein ganz normal aussehender Mensch und hat von daher gute Voraussetzungen, auch im Fernseh-Interview „gut rüberzukommen“.

Aber leider werden in seinem Interview die Eigenschaften und damit Tücken des Mediums Fernsehen deutlich:
Zwei verklebte Haarsträhnen liegen quer über der Stirn, auf seinen nicht entspiegelten Brillengläsern tanzen oben links zwei Scheinwerfer-Reflexe, der nur dünne Oberlippenbart wirkt durch die mobile und dadurch natürlich nicht exakte Ausleuchtung wie einfach nur schlecht rasiert – der Mann sieht aus wie durchgesumpft. Dazu flackern gelegentlich Lichter durch den Hintergrund und über das dort montierte DFB-Logo.

Und auch der Ton wirkt nicht Vertrauen erweckend. Koch spricht schnell, zu schnell. Viel zu schnell. Lange Schlangensätze, offenbar spontan eingefallen und geäußert. Die Stimme durchgängig oben. Keine Pausen. Er hetzt durch seine Antworten. Und wirkt gehetzt. Offenbar von denen, die Koch immer wieder mit einem kurzen, schnellen Blick nach rechts oder links zu fragen scheint: „Ist das so okay, habe ich das richtig gemacht?“ Sehr mysteriös – dieser DFB.

Wo sind seine Boschaften? Hat er keine? Doch. Aber die verstecken sich hinter und ganz tief in dieser schlechten Verpackung. „Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass Wolfgang Niersbach als Person involviert war in Vorgänge, die wir aktuell dabei sind aufzuklären.“ Gute Antwort. (Dass dieser Satz in sich unlogisch ist – geschenkt.) „Ich möchte um Verständnis bitten, dass wir momentan noch keine genauen Details dazu geben können.“ Ist zwar eine Standard-Antwort in solchen Fällen, aber immerhin. Und es gibt andere Sätze und Antworten, mit denen Koch den DFB gut präsentieren könnte.
Aber auch die kommen nicht an gegen die schlechte Verpackung und schaffen es nicht in Kopf und Bauch des Zuschauers.

Erst ganz am Ende des Interviews beendet Koch das Rennen gegen sich selbst.
Frage: „Sie sind jetzt Präsident – stehen Sie denn für rückhaltlose Aufklärung?“ Und schon bei der Frage lächelt Koch und er setzt dieses Lächeln fort bei seiner Antwort: „Ich bin nicht Präsident und ich werde nicht Präsident.“ Und dann beschreibt er mit entspanntem Gesicht die Einzelheiten zu der weiteren Arbeit des DFB-Präsidiums.

Was für ein sympathischer Mann. Auch wenn er aussieht wie durchgesumpft.

Sabine Appelhagen, 21.10.2015

Aus Überzeugung gut: Interview mit dem Sprecher der Bewegung „Dresden für Alle“ im Morgenmagazin von ARD und ZDF


Frühstücksfernsehen von ARD und ZDF. Das Interview läuft bereits. Ein jugendliches, männliches Gesicht schaut aus dem Fernseher. Teenager-Frisur, deutlich sichtbare Zahnspange unten. Es geht um die letzte PEGIDA Demo in Dresden vor zwei Tagen. Gerade stellt der Moderator diesem jungen Mann, der aussieht wie ein Schülersprecher, folgende Frage:

„Wie soll man mit so einer Bewegung umgehen, die den demokratischen Rahmen offenbar verletzt?“

Bitte?!!

Wer wüsste denn in diesen Zeiten eine Antwort auf diese Frage? Hat die Politik dazu bislang eine Antwort gefunden? Oder die unzähligen Experten und Wissenschaftler, die in den letzten Tagen und Wochen dazu durch die Medien geistern? Die Journalisten selbst?

Die Antwort des jungen Mannes kommtohne großes Nachdenken und ganz klar, fester Blick in die Kamera:

„(…)Ich glaube die Aufgabe der Demokratie ist es, diesen Menschen wieder klar zu machen, welche Werte uns in Deutschland, in der Demokratie und per Gesetz gegeben sind. Das sind Menschenrechte - wie die Menschenwürde. Und in diesem Rahmen kann man sprechen. Aber man braucht diesen Rahmen. Man darf diesen Rahmen nicht diskutieren. Das ist die feste Basis unserer demokratischen Grundlage.“

Ende des Interviews.

Das war beeindruckend. Hier haben das Bild und der Ton so gar nicht zusammengepasst. Der vermeintliche „Schülersprecher“ spricht wie ein Staatsmann. Nur viel besser, sympathischer, glaubwürdiger. Fest entschlossen und auf den Punkt.

Kurze Recherche: Dieser junge Mann heißt Eric Hattke, ist 24jähriger Student und Sprecher des Bündnisses „Dresden für alle“. Ein mutiger junger Mann. Seit Monaten engagiert er sich ehrenamtlich für Flüchtlinge in Dresden. Eric Hattke steht für Gewaltlosigkeit und Demokratie und ein „Dresden für Alle“.

Gerade wurden er und seine Familie mit Drohanrufen massiv bedroht. Umso bewundernswerter ist sein Mut zum Auftritt in dieser Live-Sendung.

Er wirkt ganz sicher. Furchtlos. Als spräche er aus tiefer Überzeugung.

So etwas ist selbst in einem Medientraining kaum erlernbar oder trainierbar.
So etwas ist nur spürbar. Auch für den Zuschauer.

Gut gebrüllt, junger Löwe.

Stefan Korol, 20.10.2015

Tilman Mayer, Politikwissenschaftler, in den Tagesthemen zum Attentat auf Henriette Reker, Kandidaten für das Amt des Kölner OB


Wissenschaft und Medien – ein schwieriges Thema. Wer forscht, ist Experte, weiß über ein Thema alles. Wer Fernsehen schaut, ist Laie, weiß über Vieles wenig. Diese Kombination geht selten gut – und eben auch nicht in den Tagesthemen am vergangenen Samstag.
Henriette Reker, Kandidatin für das Amt des Kölner OB, wird niedergestochen – klar suchen die Journalisten jetzt nach einem Experten, der Theorien und Vermutungen für die Gründe liefern kann. Ob ein Politikwissenschaftler wie Tilmann Mayer dafür der Richtige ist – nicht wichtig. Wichtig ist: Wer als Experte befragt wird, muss als Experte auftreten. Und das gelingt Mayer leider gar nicht. Weder inhaltlich noch sprachlich bietet er dem Zuschauer (und der Redaktion) einen Mehrwert.

Okay, für die Frage des Moderators „Können die Aktionen von Pegida den Attentäter zu seiner Tat motiviert haben?“ ist ein Politikwissenschaftler nicht der richtige Ansprechpartner. Dennoch muss der Interviewpartner mehr liefern als eine Bestätigung dieser Vermutung. Aber davon ist bei Mayer nichts zu hören:
„Ja, nach allem, was wir wissen, kann es hier ja auch eine psychisch-soziale prekäre Existenz sein, die hier zur Tat geschritten ist. Er war wohl motiviert worden - insofern wirkt natürlich die Tat auf die Pegida-Bewegung zurück, die sich dann hier auch fragen lassen muss, inwieweit sie hier auch Verantwortung übernehmen muss.“
So so. Aber diese Vermutung ist sicher schon an den Stammtischen geäußert worden, einen Politikwissenschaftler hätte es dafür nicht gebraucht.

Die zweite Frage betrifft dann Mayers Fachgebiet – aber leider patzt er auch hier: „Im Vergleich zu vor einem Jahr – was ist anders?“
Mayer: „Nun, man muss schon sehen, dass das Sein das Bewusstsein ein wenig bestimmt, das heißt, der Flüchtlingsstrom in diesem Ausmaß und in der doch an sich geringen Beherrschbarkeit, die sich zeigt, das beunruhigt schon die Bevölkerung insgesamt, bei allem guten Willen, hier zu helfen. Und insofern entsteht hier schon ein gewisser Stressfaktor, könnte man sagen.“

Die journalistische Übersetzung dafür lautet: „Die vielen Flüchtlinge machen der Bevölkerung Angst. Auch deswegen, weil man den Eindruck hat, dass die Regierung diese Flüchtlingswelle nicht in den Griff kriegt.“ Ach so. Aber neu ist das auch nicht gerade.

Auch die beiden weiteren Fragen und Antworten zeigen: Der Moderator stellt in seinen Fragen Theorien auf, die der Experte in den Antworten bestätigt. Inhaltlich sagt Mayer: „Ja, sehe ich auch so.“ Formal hängt er (offensichtlich spontane) Gedanken aneinander. Heraus kommt ein einziger, dafür langer Schlangensatz mit vielen Einschüben, ohne Pausen und ohne klare Botschaft.

Und da beklagen sich die Wissenschaftler, dass sich keine Sau für sie und ihre Arbeit interessiert.

Prof. Dr. Katrin Prüfig, 28.09.2015

Wie Theologe Friedrich Schorlemmer beim Thema Flüchtlingspolitik überzeugt

Radio – geht ins Ohr, bleibt im Kopf! Mit diesem Slogan wirbt das öffentlich-rechtliche Radio sehr bildhaft um Hörer. Nicht immer hält der Slogan, was er verspricht. Denn was Politiker und Verbandsfunktionäre auf den Infokanälen der Republik in Interviews so wegnuscheln, geht glatt am Ohr vorbei. Phrasen, tausendmal gehört. Da bleibt nichts.

Ganz anders das Interview, das der evangelische Theologe und DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer dem Inforadio des NDR vor kurzem gab. Thema: Flüchtlinge, Grenzkontrollen, Willkommenskultur.

Schorlemmer – so hat man den Eindruck - beantwortet alle Fragen aus tiefstem Herzen. Das ist nicht immer geschliffen, das ein oder andere „ähm“ schleicht sich ein, mitunter zögert er vor dem nächsten Satz. Manche Antworten geraten zu lang. Es ist also nach rein formalen Kriterien kein perfektes Interview.

Und dennoch unterbricht ihn der Moderator nicht, ist offenbar selbst gefangen vom leidenschaftlichen Plädoyer eines Mannes, der selbst „27 Jahre lang eingemauert“ war. Was tut Schorlemmer – auch dem Bauch heraus? Er argumentiert mit Leidenschaft dafür, die Flüchtlingsströme zu begrenzen. Er redet Klartext – und verleiht seinen Botschaften stimmlich Nachdruck. Und: Er liefert keine verbalen Nebelkerzen, sondern Schlagzeilen. Schlagzeilen wie diese:

„Wir lösen ein Problem. Und wir schaffen ein Problem!“ (Wenn die Grenzen offen blieben und alle, die wollten, nach Deutschland dürften.)

„Wir dürfen die Flüchtlinge nicht in Gegenden bringen, wo keine Hoffnung ist. Gegenden, wo viel Hoffnung ist, die müssen die Menschen aufnehmen!“ (Zur Frage, wo die Flüchtlinge denn am besten untergebracht werden sollen.)

Und – zur Bemerkung des Bundespräsidenten über „Dunkeldeutschland“ (= das fremdenfeindliche Deutschland): „Das dunkle und das helle Deutschland leben Wand an Wand!“

Schorlemmer fasst hier komplexe Sachverhalte in einfache, eindringliche Worte. Die bildhafte Sprache fesselt genauso, wie der Nachdruck, mit dem er die Dinge sagt. Nichts klingt, als hätten es ihm andere diktiert. Nichts erweckt den Eindruck, als habe er es schon hundertfach gesagt. Schorlemmer fesselt mit authentischer, leidenschaftlicher Kommunikation. Geht ins Ohr. Bleibt im Kopf.

Kathrin Adamski, 23.09.2015

VW-Chef Winterkorn mit abgelesenen Phrasen statt echter Emotionen

„Wenn Du es nicht fühlst, Du kannst es nicht erjagen“, das wusste schon Goethes Faust. Was er damit meinte? Du wirst niemanden mit logischen Argumenten oder einer ausgefeilten glatten Rhetorik überzeugen können, wenn Du nicht wirklich fühlst, was Du sagst.

Und genau das ist Volkswagen Vorstandschef Martin Winterkorn in seiner „Entschuldigungsansprache“ für den Abgas-Skandal passiert. Ein Videostatement, das der Anfang seiner „Image-Rettungsaktion“ sein sollte. Ein Videostatement, bei dem man ja bekanntlich weiß, es spricht mehr Sinne an als ein Zitat in einer Pressemitteilung. Gute Idee – wenn es denn gut umgesetzt wird. In diesem Fall geht es daneben. Denn sein Statement liest Winterkorn ab. Man sieht es an den Augenbewegungen, die einen ungeübten Teleprompterleser verraten. Seine betroffene, entschuldigende, etwas kleinlaute Wortwahl bleibt in den Silben hängen, tropft von seiner Krawatte herunter – und landet im kommunikativen Nirgendwo.

Was passiert bei uns, den Zuschauern? Wie nehmen ihm die Entschuldigung und Betroffenheit nicht ab. Warum? Weil seine Mimik keine Regung zeigt, weil er nur darauf konzentriert ist, seinen Redetext fehlerfrei rüberzubringen. Da spiegeln sich keine Emotionen in seinem Gesicht. Idiomotorische Effekte nennt man solche kleinsten Muskelbewegungen, die für unterschiedliche Gesichtsausdrücke sorgen und die niemand bewusst steuern kann. Sie „geschehen“ und sie richten sich nach Bildern, die wir entweder vor dem realen oder auch nur dem geistigen Auge sehen. Sie richten sich im besten Fall sogar nach Gefühlen und unserer inneren Haltung, die wir zu einem Thema haben.

Diese idiomotorischen Effekte bieten uns als Zuschauern Resonanzpunkte, lassen uns „mitfühlen“. Bei Herrn Winterkorn haben wir keine Resonanzpunkte, können Betroffenheit nicht nachvollziehen, empfinden die Entschuldigung als Phrase. Und im Stillen könnte der Zuschauer denken, dass Winterkorn vermutlich mehr damit beschäftigt ist, über seine eigene Zukunft nachzudenken als über die der Marke VW.

Fazit: Wer sich proaktiv in Bewegtbildern präsentiert, dann bitte mit wirklichen Gefühlen, ohne vorgeschriebene, abgelesene Texte und mit mehr Mimik, die für echte Emotionen steht.

Das Video zum Blogbeitrag finden Sie auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=_3ZdBvRiCTk

Katja Schleicher, 01.09.2015

Ob Unternehmer, Promi oder Hochleistungssportler: Irgendwann kommt der Moment, wo sie sich alle mehr oder minder freiwillig den Fragen der Journalisten stellen. Die ersten Statements von Medien-Newbies kommen oft unverhofft oder unerwartet, haften aber in Zeiten des Internets besonders hartnäckig. Begleitet von der Neugier der Journalisten und deren Wunsch, nichts verpassen zu können/dürfen. Wer weiß, vielleicht erlebt man hier sogar den Anfang einer großen Legende mit?
Genauso wichtig: erste Interviews/ Statements werden häufig als Referenz für künftige herangezogen. Sie dienen Redakteuren als Benchmark: Kann man sie oder ihn wieder mal befragen? Zu welchen Themen und in welcher Rolle?

Einige Beispiele von medialen Premieren, von denen es unzählige gibt – von geglückt bis gescheitert: Die kanadische Tennisspielerin Eugenie Bouchard erlebt mit 17 ihren ersten Medienhype. Toller Return, tolle Beine, die Presse ist voll des Lobes. Sie selbst sagt damals von sich: “I’m expecting great things from me”. Dann verweigert sie nach einer Niederlage der Konkurrentin den Handschlag. In der darauf folgenden Pressekonferenz pampt sie den Journalisten, der dazu eine Frage stellt, an: "Ich bin nur hier um zu gewinnen." Als die Karriere danach nicht mehr so steil nach oben geht, berichtet die Presse auch darüber. Fast jeder Artikel verweist auf jene Äußerung auf der Pressekonferenz in 2013. Kein Wunder, dass die Kameras bei den US Open Anfang September auf sie gerichtet sein werden.

Jazmin Grimaldi ist 18, als die Öffentlichkeit erfährt, dass sie die uneheliche Tochter von Albert von Monaco ist. Nach dem Outing herrscht zwei Jahre mediale Stille. Erst diesen Sommer, nach ordentlicher Vorbereitung, gibt es ein gut gedachtes und gemachtes Interview (glamouröse Fotostrecke inklusive) bei Harpers Bazaar.

VLogger Florian Mund (alias Le Floid) ist bei der deutschen Youtube-Generation Kult. Deshalb soll er die Kanzlerin interviewen, was so mittelmäßig gelingt. Seit seinem ersten Zusammentreffen mit dem klassischen Medium TV bei Markus Lanz Mitte August sieht er sich mit Kritik zu seiner Merkel-Befragung konfrontiert und wirkt dabei eher blässlich und wenig souverän. Bei ihm ganz besonders ärgerlich, weil jetzt bei der klassischen TV-Generation der Eindruck entsteht, dass diese jungen Formate nicht ernst zu nehmen sind.

Wie klappt es mit dem ersten Statement oder großen Interview? Zu Beginn kommt es auf einfache Dinge an: Wie gelingt Sympathie vor der Kamera? Wie gestalte ich meine Botschaft?
Sind die Umstände bei einem Zeitungs-Interview noch halbwegs beeinflussbar, werden ausnahmslos alle Interview-Neulinge spätestens dann nervös, wenn es ins Studio geht: Maske, Licht, Kamera, Moderator & Mikrofon… Wer die „großen Unbekannten“ in einem Training schon mal erlebt hat, wird es da leichter haben. Die Labor-Situation des Trainings ist gut geeignet heraus zu finden, ob die eigene Botschaft schon tragfähig und öffentlichkeitsrelevant ist.
Auch der Umgang mit Lampenfieber und Angst vor dem „ersten Mal“ kann einem mit wenig Trainings-Aufwand genommen werden. Damit wird ein positiver „Primär-Imprint“ (der Vermittlung des Gefühls von „ach so geht das“, „gar nicht so schlimm“) erreicht. Gelingt das gut, ist der Weg geebnet für positive Assoziationen für den zukünftigen Umgang mit Medien. Damit die jungen Stars Stück für Stück Interview- und Kamerapersönlichkeit entwickeln. Und Journalisten sie beim nächsten Mal gern wieder zum Interview anfragen.

Fazit:

Medien-Training hilft vorausschauend zu denken. Weil eben nicht nur der erste Aufschlag zählt, sondern der Match-Gewinn. Vorbereitung ist hier einmal mehr die Mutter der-Botschaft-Porzellankiste... Falsch gesetzt, gibt es oft später einen Scherbenhaufen. Im Vergleich zu den Kosten und Mühen, die PR-Abteilungen nach einem image-schädigenden Interview haben, sind ein oder zwei Medien-Trainingstage eine sinnvolle Investition. Unternehmen und Sportverbände sollten früh dafür sorgen, das Medientraining integraler Teil der Nachwuchs-Förderung ist. Im Sport-Bereich ist das besonders einfach umzusetzen: schließlich ist Medientraining auch ein Training - nur in einer anderen Disziplin!

Stefan Korol, 06.06.2015

Hans-Olaf Henkel im Radio-Interview, 21. Mai WDR 5 

Über mangelnde mediale Aufmerksamkeit musste sich Hans-Olaf Henkel noch nie beklagen. Egal ob früher, als Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, oder jetzt als AfD-Gründer und Mitglied: Henkel ist oft zu sehen und zu hören. Klar, wer eine Funktion, Position hat, gibt häufig Interviews. Aber entscheidender bei Henkel sind Verständlichkeit (kurze Sätze, einfache Worte) und die Verlässlichkeit, mit der er Meinung sagt und macht. Über die Inhalte seiner Interviews und Sätze kann man streiten – darüber, dass er es versteht, strategisch, geplant und dramaturgisch zu sprechen, nicht. Das hat er auch in diesem Radio-Interview in der WDR 5-Sendung „Morgenecho“ bewiesen. Henkel und andere AfD-Mitglieder haben die Aktion „Weckruf 2015“ gestartet; die Querelen in der AfD sollen damit beendet, die Partei soll aus der rechten Ecke geholt werden. Beispiele, Auszüge:

Eingangsfrage:
„Sie sind aus Protest gegen den Rechtsruck in der Partei zurückgetreten – man hat den Eindruck, dass Sie in der Partei keine Mehrheit haben.“ 

Henkel:
- „Das ist die mediale Darstellung.“ (Das ist eine Schuldzuweisung an die Medien – aber sachlich, fast wissenschaftlich formuliert. Inhaltlich wehrt er den Vorwurf ab.)
- „Ich darf daran erinnern…“ (er verweist auf die Zustimmung der AfD zum Ein-Personen-Vorstand – und das ist unbestreitbarer Fakt, da können wir nur zustimmend nicken….)
- „Dann ist was Interessantes passiert…“ (Jetzt kommt seine Meinung – aber spannend angeteasert mit diesem Einleitungssatz.)
- „Und das ist die Ursache der ganzen Sache (Das ist zwar auch Meinung – aber folgt der inneren Logik dieser Antwort.)

Übertrieben formuliert: Diese Antwort hat eine dramaturgische Struktur. Ein „normaler“ Interviewpartner formuliert Info an Info – Henkel nennt nur zu Anfang Infos (die wir zudem schon wissen und damit bestätigen); es folgt seine Meinung, die aber logisch zu den genannten Infos passt – und auch da nicken wir. Zufall? Natürlich nicht:

Frage, konfrontativ: „Frau Petry ist ja mit ihrem Aufstand wohl sehr erfolgreich, sonst müssten Sie ja nicht zur jetzigen Aktion „Weckruf 2015“ aufrufen…

Henkel: „Das ist völlig richtig.“ Was – der stimmt der Formulierung zu? Ja. Beruhigt die Interviewerin. Zeigt sich einsichtig. Gibt den Verlierer. Um dann mit vollem Elan seine Attacke gegen Frau Petra zu fahren: „Frau Petry hat die AfD in eine tiefe Krise gestürzt…. Erst nachdem sie Unterstützung aus dem Landesverband hat, greift sie nach dem Parteivorsitz…. Frau Petry hat keine politische Richtung, sie steht nur für sich selbst.“

Frage: „Sie tarnen das als „Aktion“. Aber wollen Sie nicht eine neue Partei gründen?“

Henkel: „Überhaupt nicht!“ Klare An-bzw. Absage. „Das ist die Behauptung von Frau Petry – aber diese Behauptung ist durch nichts bewiesen.“ Es folgen Fakten – unbestreitbar:
- „Man kann der Aktion auch als nicht-AfD-Mitglied beitreten“
- „Viele, die wegen des Rechtsrucks aus AfD raus sind, sind jetzt wieder dabei.“
- „Wir hatten mit 100 Eintritten gerechnet – innerhalb von 24 Stunden sind es schon 2.000.“ Und dann noch eine weitere klare Ansage: „Ex-NPDler haben in der AfD nichts zu suchen, diese Leute haben ganz klar eine rote Linie überschritten!“

Zwischendurch rhetorische Elemente, die die Interviewerin und die Hörer mit ins Interview ziehen: „Sie haben doch Frau Petry selber interviewt“ / „Die Hörer werden sich noch dran erinnern“ / „Ich denke, da werden mit die Hörer zustimmen“

Und zum Schluss noch ein schönes Wortspiel:

„Frau Petry benutzt sehr oft das Wort „integrativ“. Mir fällt zu ihr ein ähnliches, aber ganz anderes Wort ein: Ich halte sie für intrigant.“

Man muss Henkel, seine Meinung und seine Taten nicht mögen. Aber wer in Radio und Fernsehen „gut rüberkommen“ will, kann viel von ihm lernen. Das gilt vor allem für diejenigen Befragten, die noch glauben, mit harmonisch formulierten einerseits-andererseits Antworten die Aufmerksamkeit der Journalisten und die Sympathie von Lesern, Hörern und Zuschauer zu gewinnen. Sie haben die heutige Medienwelt (noch) nicht verstanden.

Ich formuliere etwas, was ich denke, aber eigentlich nicht hätte sagen sollen – das wird gerne als Freud´scher Versprecher bezeichnet. Da bricht sich etwas aus den Tiefen des Empfindens Bahn und sprudelt heraus, bevor mir klar wird, dass es wenig diplomatisch war oder nicht politisch korrekt ist. Meist geschieht dies im Affekt. Und gerade deswegen ist oft die Reaktion der anderen: Interessant, so denkt der also wirklich, aber… Schwamm drüber.

Stefan Klager, 12.05.2015

Was aber, wenn einer Bundesbehörde ein solcher Fauxpas passiert und hier sogar nicht entschuldigend von einem Affekt die Rede sein kann, weil diese Freud´sche Fehlleistung schriftlich fixiert ist?!

Nehmen wir zum Beispiel die Minijob-Zentrale. In einem offiziellen Standard-Schreiben heißt es: „Sofern Sie keine geringfügigen Arbeitnehmer mehr beschäftigen, teilen Sie uns dies bitte mit.“ Ich lese zweimal, dreimal – und traue meinen Augen nicht. Steht da wirklich etwas von „geringfügigen Arbeitnehmern“?

Ein Adjektiv beschreibt – so lernt man es hoffentlich auch heute noch in der Schule – das nachfolgende Bezugswort näher. Die Beschäftigung des Arbeitnehmers ist geringfügig, aber doch nicht der Arbeitnehmer selbst. Ich unterstelle, dass dies auch gemeint ist, aber warum wird es dann nicht so geschrieben? Ein Freud´scher Verschreiber? Hält die Bundesbehörde die Minijobber für geringfügiges Klientel? Wohl kaum, aber dann bitte auch nicht so formulieren! Und schon gar nicht in einem offiziellen, standardisierten Schreiben, das vermutlich täglich in hoher Auflage verschickt wird!

Der Duden definiert „geringfügig“ mit unbedeutend, nicht ins Gewicht fallend, belanglos. So gesehen ist sogar die allseits übliche Formulierung „geringfügige Beschäftigung“ politisch nicht korrekt und verbietet sich.

Warum Funktionen und Titel mitunter deutlich gekürzt werden müssen

Prof. Dr. Katrin Prüfig, 25.02.2015

Die Europäische Union ist nicht nur ein Hort überbordender Bürokratie und Regulierungswut, sondern mitunter ein echtes Kuriositäten-Kabinett:

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat einen Kommissar ernannt, der sich darum kümmern soll, dass die EU nicht zu viele nutzlose oder nebensächliche Vorschriften produziert. Dieser Kommissar soll also vereinfachen, verschlanken, die EU weniger abgehoben wirken lassen.

Und wie heißt dieser neue Posten, Junckers rechte Hand? „Erster Vizepräsident und EU-Kommissar für Bessere Rechtssetzung, interinstitutionelle Beziehungen, Rechtsstaatlichkeit und Grundrechtecharta in der EU-Kommission“. Total einfach und schlank, oder?

Als Erster darf diesen Titel der niederländische Politiker und frühere Außenminister Franciscus Cornelis Gerardus Maria Timmermans tragen. Puh. Schöner Name – langer Name. Wenn Herr Timmermans ein Fernsehinterview gibt und sein vollständiger Name eingeblendet wird, wäre der mindestens zweizeilig. Redakteure finden das gar nicht schön. Aber Herr Timmermans hat schon ganze Arbeit geleistet – und seine diversen Vornamen auf Frans reduziert. Das passt.

Bleibt seine sperrige Funktion. Stellen Sie sich mal die Anmoderation im Radio vor „Und nun spreche ich mit Frans Timmermanns, Erster Vizepräsident……usw.“ Da bleibt doch kaum ein Hörer dran! Die Presse hat sein Amt deshalb längst reduziert auf „Dr. No“. Weil er „Nein“ sagen soll zu ausufernden Gesetzen und Regularien. Einen Versuch, die Darreichung von Olivenöl an Restauranttischen gesetzlich zu regeln und auf bestimmte Karaffen zu beschränken, konnte er gerade noch verhindern.

Übersetzungsversuche: EU-Verschlankungskommissar vielleicht? Klingt zu sehr nach Frühjahrsdiät. EU-Vermeidungskommissar? Auch nicht toll. Also Dr. No.

Was heißt das nun für Ihren Medienauftritt, wenn Sie „Deputy President and Managing Director Supplies and Sales for Central and Eastern Europe“ sind oder verantwortlich für „Marketing and Communication Regional Managers D-A-CH and Middle East“? Dann sind Sie gut beraten, ihre Funktion im Kontakt mit Journalisten in einfaches Deutsch zu übersetzen und zu verschlanken. Sonst macht sich der Journalist ans Werk. Und heraus kommt vielleicht Mr. X…

Was Formulierungen mit Imagegewinn zu tun haben

Stefan Klager, 30.01.2015

Er taucht immer und überall auf: Der amtierende Außenminister Frank-Walter Steinmeier, ein gefragter Mann. Auch diesmal wieder: Der neue griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras, der als pro-russisch gilt, musste auf Kurs gebracht werden. Denn es ging in Brüssel mal wieder um Einigkeit mit Blick auf EU-Sanktionen gegen Russland. Die News des Tages war: Tsipras unterstützt die Sanktionen. Das, was der deutsche Außenminister in die internationalen Mikrofone im Originalton sagte, war dieser Satz:

"Jedenfalls ist es am Ende und… ähm… nach... ähm… einer Diskussion über Formulierungen, die dann am Ende von allen akzeptiert werden konnten, gelungen, den griechischen Kollegen davon zu überzeugen, den jetzt vorgelegten Text, der Ihnen jetzt gleich zugeht, mitzutragen.“

Ein Satz, der sich wie Kaugummi zieht. Die Stimme geht am Ende des zitierten Statements nach oben, was heißt, dass der Satz bei der Pressekonferenz sogar noch in die Verlängerung ging. Der O-Ton wird in dem Tageschau-Beitrag an der Stelle abgeschnitten, der Zuschauer mit weiteren unwichtigen Details verschont. Sendezeit: 21 Sekunden – immerhin fast 25 Prozent der Länge eines durchschnittlichen Tagesschaubeitrags. Sendezeit, die überzeugender hätte genutzt werden können. Nun muss Herr Steinmeier nicht um mediale Aufmerksamkeit buhlen - die ist ihm qua seines Amtes sicher. Dennoch sollte er das Wesentliche auf den Punkt bringen. Aus inhaltlichen und eigennützigen Gründen – und dies gilt für jeden, der Gehör haben und mit seinen Botschaften ankommen möchte. Nach dem oben zitierten Satz, bleibt bei jedem Zuhörer und Zuschauer hängen: Oh je, wie langwierig und wie langweilig! Und das, obwohl die Botschaft eine wichtige war: Der selbst ernannte Quertreiber in der EU hat in seiner ersten politischen Entscheidung auf EU-Ebene Schulterschluss bewiesen. 1:0 für die EU. Genau das wäre die Botschaft gewesen, die Steinmeier hätte transportieren müssen. Und zwar gut gelaunt. Stattdessen formuliert er fahrig, pomadig und wirkt gelangweilt.

Wie es besser geht, beweist in der gleichen Tagesschau-Sendung der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz. Er spricht Klartext, wie die EU gedenke, mit Tsipras umzugehen:

"Die große Gefahr ist dabei, dass man ihm Versprechungen macht, die man nicht halten kann. Eine Versprechung, die man nicht halten kann, ist, dass man sagt: „Wir geben euch Geld.“, aber man hat das Geld nicht und hofft darauf, man bekommt es von anderen. Da genau lag eine gewisse Befürchtung und liegt auch immer noch eine gewisse Befürchtung.“

Auf den Punkt formuliert – in 16 Sekunden! Anschaulich. Verständlich. Nachvollziehbar. Was „hängenbleibt“ ist: Der Mann weiß, wovon er spricht; er ist kompetent. Imagegewinn!

Ergo: Nicht drumherum reden, sondern geradlinig. Botschaften klar verständlich formulieren. Aktiv und kraftvoll sprechen. So kommen die Botschaften an. Das eigene Image profitiert ganz nebenbei.

Wenn Fremdworte zu Stolperfallen werden

Kathrin Adamski, 26.01.2015

Maybritt Illner am Donnerstag dem 22.1.2015. Es geht um das Thema Islam: „Mord im Namen Allahs – woher kommen Hass und Terror?“. Unter den Diskutanten auch der bekennende Atheist und ehemalige Lehrer Jürgen Trittin und Julia Glöckner, die stellv. Parteivorsitzende der CDU. In der Diskussion geht es auch um die mediale Darstellung von Gewalt durch radikalisierte Islamisten. Julia Glöckner will den Vergleich zwischen biblischen Bestrafungsbildern und den Bildern und Geschichten des Koran herstellen:

„Wenn man eine Synapse zwischen den Bildern aus dem Alten Testament und dem Koran herstellt…“ Gelächter im Publikum. Jürgen Trittin korrigiert: „Synopse, Frau Glöckner, Synopse…“ „Danke Herr Lehrer…“ Frau Glöckner ärgert sich sichtbar über die Betonung ihres verbalen Fauxpas und versucht, schnell von sich abzulenken. Denn nichts ist peinlicher als solch ein Fremdwort wählen zu wollen und dann die falschen Synapsen (Kontaktstelle zwischen Nerven- und anderen Zellen) zu verschalten und das falsche Fremdwort aus den Hirnwindungen zu zaubern.

Und wir als Zuschauer freuen uns darüber. Nicht weil wir gemein sind, sondern weil wir froh sind, dass auch andere über das Fremdwort Synopse stolpern. Und sogar die, die es selbst verwenden wollen. Das gibt uns in dem Fall Zeit, das Fremdwort Synapse oder Synopse zu verarbeiten.

Doch das ist nicht immer der Fall. Fremdworte sind auch gefährlich für die Aufmerksamkeit. Man stelle sich das so vor: Der Zuschauer hängt dem „Sprecher“ auf dem Bildschirm immer einen Moment hinterher, bis er verarbeitet und verstanden hat, was da gerade erzählt wurde. So lange der Sprecher in einfachen, kurzen Satzstrukturen spricht und einfache, dem Zuschauer geläufige Worte verwendet, kann der Zuschauer ohne Anstrengung folgen. Fällt ein Fremdwort, stellt man sich das am besten vor wie einen großen Felsbrocken, der dem Zuschauer plötzlich vor die Füße geworfen wird. Der Zuschauer muss den Felsbrocken „bezwingen“. Entweder muss er drübersteigen, drum herum gehen oder ihn aus dem Weg räumen. Sprich – er muss über das Fremdwort nachdenken, es ggf. herleiten oder zerlegen. Das braucht Zeit. Und während er das tut, geht die Geschichte des Sprechers weiter. Allerdings ist der Zuschauer da schon „raus“. Die Lücke zwischen Sprecher und Zuschauer wird größer, die Aufmerksamkeit sinkt. Ulrich Schwinges hat diesen Zusammenhang in seinem Buch „Das journalistische Interview“ so dargestellt:

Und Frau Glöckner zeigt uns auch noch, welche Gefahr in der Nutzung von Fremdworten für den Interviewgast liegt. In stressigen Momenten hat der Interviewte nicht immer die volle Kontrolle über seine Synapsen. Da kann es schon mal zu Fehlschaltungen im Gehirn kommen. Und um die zu vermeiden, ist es empfehlenswert – besonders in Situationen, die man nicht immer mit vollem Bewusstsein kontrollieren kann - einfache, alltägliche Worte zu verwenden. Warum die Synopse ziehen, wenn es die Gegenüberstellung oder der einfache Vergleich auch tut. Das kommunikative Ergebnis wäre sicher vergleichbar, oder sollte man besser sagen synoptisch?

Im Interview stellen die Journalisten die Fragen. Gegenfragen sind Gift für’s Gesprächsklima. Und deshalb nur sehr selten sinnvoll.

Prof. Dr. Katrin Prüfig, 12.01.2015

Klar, dass eine wie sie sich das traut: Arbeitsministerin Andrea Nahles, SPD, reagiert gleich auf die erste Frage im aktuellen ZEIT-Interview mit einer Gegenfrage.

Die ZEIT: Nach einem Jahr in der Regierung liegt die SPD in der Wählergunst nur bei 25 Prozent. Muss Ihre Partei in diesem Jahr wieder linker werden?

Andrea Nahles: Wieso sollte sie das?

Upps. Eine Vollbremsung, bevor Nahles überhaupt Gas gibt. Ein unerwartet holpriger Einstieg – auch für die Journalisten. Einerseits mutig von Nahles, den Spieß mal eben umzudrehen. Sie kann damit Zeit gewinnen, denn der Druck auf die zwei Interviewer wächst. Motto: Wer fragt, der führt!

Andererseits – muss sie ausgerechnet bei dieser erwartbaren Frage wirklich Zeit gewinnen? Denn eine solche Gegenfrage ist riskant. Die meisten Journalisten hassen Gegenfragen. Mit wenigen Ausnahmen, dazu gleich mehr. Sie hassen Gegenfragen, denn SIE führen doch das Interview. SIE sind doch der Anwalt der Leser, Hörer, Zuschauer und feuern stellvertretend für diese ihre Fragen ab. Eine Gegenfrage bringt also diese Grundkonstellation ins Wanken.

Aus meiner Sicht das wichtigere Argument: Wer eine Gegenfrage stellt, verpasst die Chance auf eine eigene, inhaltsreiche Aussage. Gespräche werden so schnell zu Scharmützeln, die Chance auf gute Kommunikation wird nicht genutzt. Denn Gegenfragen vergiften schnell das Gesprächsklima. Was Andrea Nahles vermutlich egal ist, so viele Interviews wie sie schon geführt hat, seit sie 1995 Juso-Vorsitzende wurde.

Wer weniger Routine im Umgang mit Medien hat, sollte mit Gegenfragen vorsichtig sein und wissen, dass er sein Gegenüber damit provozieren kann. Auf jeden Fall erlaubt ist diese Technik allerdings, wenn die Frage Falsches impliziert oder es um das Verständnis der Frage geht. Beispiel:

Frage Journalist: Studien belegen, dass die Stoffe, die Sie verwenden, gesundheitsgefährdend sind. Was sagen Sie dazu?

Gegenfrage des Interviewten: Mir ist nichts Derartiges bekannt. Von welcher Studie sprechen Sie?

Übrigens schaltet Arbeitsministerin Nahles im oben genannten Interview dann doch noch in den Antwort-Modus – und berichtet sehr amüsant und wortreich über ihren Spagat zwischen Spitzenamt und ihrer Tochter Ella Maria. Total sympathisch. (ZEIT vom 8. Januar 2015 – „Erklären Sie das mal als Mutter!“)

Wer Wichtiges zu sagen hat, macht keine Schachtelsätze. Wer verstanden werden will, fasst sich kurz.

Prof. Dr. Katrin Prüfig, 10.11.2014

Diplomaten sind häufig für schwammige Ausführungen, unscharfe Botschaften und die damit einhergehenden Endlos-Schachtelsätze bekannt. Oft laufen ihre Reden auf ein verschwurbeltes Sowohl-als-auch hinaus. Manchmal auch ein intellektuell aufgerüschtes Einerseits-Andererseits.

Nicht so Sir Simon McDonald, seit 2010 britischer Botschafter in Deutschland. In der aktuellen Ausgabe der ZEIT schreibt er über die Briten und die EU. Titel: „Wir wollen bleiben“. Und genau diese Kürze und Klarheit zieht sich durch den ganzen Artikel.

„Großbritannien ist anders.“ Ein Drei-Wort-Satz zum Auftakt. Es folgen rund 150 Zeilen, in denen nur wenige Sätze länger sind als 10 oder 15 Wörter. Der längste Satz bringt es auf 23 Wörter. Eine Länge, die in den Vorgaben der Deutschen Presse Agentur an ihre Autoren noch als tolerierbar, nicht aber als wünschenswert gilt. Ansonsten viele Sätze von der Sorte „Wir Briten sehen ein, dass wir Hausaufgaben zu erledigen haben.“ (10 Wörter) Oder: „Großbritannien muss für seine Sache eintreten (6). Aber wir brauchen die Unterstützung gleichgesinnter Partner (7). Dazu zählen wir Deutschland (4).“

Diese Kürze schafft Verbindlichkeit. Hier zieht sich keiner aus der Affäre. Hier wirft keiner verbale Nebelkerzen. Und diese Art zu schreiben – übrigens auch zu sprechen z.B. in Radio- oder TV-Interviews – ist unschätzbar wertvoll. Denn mit der Lesekompetenz ist es selbst bei Erwachsenen nicht immer weit her: Jeder 6. Deutsche liest wie ein Zehnjähriger, ergab jüngst eine Pisa-Studie unter Erwachsenen. Das Lese-Verständnis endet bei 10-15 Wörtern. Tests mit Kindern und Erwachsenen haben sogar gezeigt, dass 9 Wörter pro Satz optimal für eine durchgängige Verständlichkeit sind. Das Hörverständnis in flüchtigen Medien wie Radio und TV liegt vermutlich eher noch darunter.

Insofern lohnt es sich, so manchen langen Satz mit Einschüben und Relativ-Konstruktionen daraufhin zu überprüfen, ob man nicht zwei oder drei draus machen könnte (24 Wörter). Oder anders gesagt: Überprüfen Sie Ihre Sprache kritisch auf die Länge Ihrer Sätze (13). Sind sie zu lang, machen Sie zwei draus (8). Leser, Hörer und Zuschauer werden es Ihnen danken!

Was Formulierungen mit Imagegewinn zu tun haben

Warum es sich lohnt, praktisch jede Frage als Kommunikationschance zu nutzen

Prof. Dr. Katrin Prüfig, 20.10.2014

Randall Munroe hat früher für die NASA Roboter entwickelt. Heute zeichnet er drei Mal die Woche den Webcomic „xkcd“ (www.xkcd.com) zu wissenschaftlichen Themen. Das allein wäre schon eine Geschichte wert. Aktuell jedoch hat es Munroes erstes Buch auf einen Spitzenplatz der New York Times Bestseller-Liste geschafft: „What if? Serious Scientific Answers to Absurd Hypothetical Questions“. Und schon sind wir mitten im Thema.

Denn als absurd und rein hypothetisch tun viele Gesprächspartner die Fragen von Journalisten gern ab. „Hätte, hätte, Fahrradkette“, war die genervte Antwort Per Steinbrücks im Wahlkampf 2013 auf eine dieser Fragen. Und auch bei Podiumsdiskussionen sind die Fragen aus dem Publikum oft nur eine anstrengende Pflichtübung.

Der Wissenschaftler Munroe hat sich für einen anderen Weg entschieden. Leser (auch Kinder) durften ihm jede nur denkbare Frage stellen, wie z.B. „Kann man ein Steak garen, indem man es aus dem Orbit Richtung Erde fallen lässt?“ (Nein, trotz der enormen Hitze beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre.) Oder „Könnte man aus allen Lego-Steinen der Welt eine Brücke von London nach New York bauen?“ (Ja, fast. Es fehlen noch ein paar Millionen Steine, aber grundsätzlich könnte man eine schwimmende Brücke bauen.) Also, er wertschätzt die Frage, und sei sie noch so weit hergeholt. Er sucht eine Antwort. Auf manche hypothetische Fragen gibt es auch nur eine hypothetische Antwort. Macht nichts. Seine Leser sind trotzdem glücklich und inspiriert.

Auf die Kommunikation in jedweder medialen oder nicht-medialen Öffentlichkeit übersetzt heißt das: Sie müssen nicht auf jede Frage eine Antwort parat haben. Es geht vielmehr darum, wie Sie sich mit der Frage auseinandersetzen. Beispiel: Sie werden zu einer Kundenbeschwerde gefragt, von der Sie noch nicht gehört haben. Antwortvariante: „Dieser konkrete Fall ist mir nicht bekannt. Grundsätzlich kann ich Ihnen aber sagen, dass wir alle Fälle dieser Art genau analysieren….“ Hier besteht die Herausforderung darin, durch die innere und äußere Haltung eine Wertschätzung gegenüber der Frage oder dem Anliegen zu transportieren. Und dem Journalisten ggfs. die konkrete Antwort nachzuliefern.

Wie man kulturellen Missverständnissen vorbeugt

Katja Schleicher, 12.10.2014

Nun hat es Satya Nadella, der Chef von Microsoft und Nachfolger von Steve Balmer, also geschafft und ist kommunikativ fein ins Fettnäpfchen getreten. Auf die Frage, was Frauen tun sollen, die sich nicht nach einer Gehaltserhöhung zu fragen trauen, antwortete er auf einer Podiumsdiskussion in Hamburg, es sei ein Zeichen von gutem Karma, wenn eben jene Frauen diese Gehaltserhöhungen gar nicht proaktiv einfordern, sondern auf das Signal vom (universalen) System warten und damit ihr gutes Karma verstärken würden. Ahh, der Stoff, aus dem die Twitter-Shitstorms sind.

Aus der Perspektive des vorbereitenden Medientrainings sind zwei Aspekte hervorzuheben, Authentizität und Corporate Message hervorragend miteinander zu verbinden. Denn alles, was im Fall Nadella zu negativer Karma-Verschiebung führt, kann mit entsprechender Vorbereitung verhindert werden.

1) Agenda-Check:

Eine offene Frage-Runde auf einem Panel birgt immer Risiken. Es kann minimiert werden, wenn im Vorfeld mit dem Sprecher sogenannte Themen-oder Agenda-Wolken durchgesprochen werden.

Dass z.B. das Thema "Equal Pay" zur Sprache kommen würde, war vorherzusehen. Dafür steht es schon zu lange international auf allen Agenden. Dass aber der Unterschied zwischen Frauen-und Männergehältern in Deutschland überdurchschnittlich hoch ist, hätte ins Briefing gehört. Weiterer Aspekt: In Deutschland verwendet Microsoft viel Energie und Zeit darauf, zu den beliebtesten Arbeitgebern zu gehören. Was diese Art Frage dann nochmals wahrscheinlicher macht. Nadella hätte hier mit nur etwas mehr Vorbereitung diesen Arbeitgeber-Bemühungen großen Auftrieb geben können (ohne einen Cent Budget!).

Lokal relevante Themenkomplexe werden oft außer Acht gelassen, wenn internationale Top-Manager in einem Land sprechen. Hier hilft eine einfache Liste, in der die sensibelsten Aspekte zusammengefasst sind.

2) Kultur-Check:

Nadella's Wurzeln liegen in der Hinduistischen Kultur Indiens. Karma hat für ihn eine weitaus alltäglichere Bedeutung als für uns, die wir Karma oft auch mit dem "Wunsch ans Universum" gleichsetzen.

Sein Beispiel zeigt, dass gerade für international gefragte Sprecher und Interviewpartner zwei Aspekte im Vorfeld zu bedenken sind:

a) Was ist mein ganz persönliches (auch kulturell geprägtes) Verständnis von den Dingen, über die man spricht?

b) Auf welchen Bedeutungen/ Begrifflichkeiten setzt meine Zielgruppe auf? Auf welche Gemeinsamkeiten kann ich bauen? Zwei andere Beispiele zur Verdeutlichung: Die Verwendung des Schuld-Begriffes (der im christlichen Abendland fest verwurzelt ist) kann in asiatischen Kulturen zu großem Unverständnis führten. Das unkontrollierte kommunikative Übertragen des deutschen Ordnungs-Begriffes in Griechenland hat interkulturell und politisch zu großen Verstimmungen geführt.

Vor jedem internationalen Interview/Panel sollte dieser "Kultur-Abgleich" vorgenommen werden. Das sorgt für eine gemeinsame Basis zwischen Zielgruppe und Sprecher, ohne die Authentizität des Sprechers anzugreifen.

"Advocatus Diaboli"-Übung

Im Medientraining nutzen wir diese "Anwalt des Teufels" -Technik gern, um genau solche schwierig greifbaren Aspekte zu üben. Damit lässt sich die Angst vor gefühlt kritischen Fragen verringern und das Kommunikations-Portfolio erweitern. Gemeinsam werden die allerkritischsten Fragen gestellt und dann gemeinsam vorab beantwortet.

Es ist unmöglich, sich auf jede Interview-Eventualität vorzubereiten. In Sachen thematische und interkulturelle Befindlichkeiten dagegen kann Interview/Panelvorbereitung durch Mediatraining sehr wohl deutlich verbessert und die gefühlte Angst vor kritischen Fragen verringert werden. Wenn dann noch die Authentizität des Sprechers deutlich zum Interview-Erfolg beiträgt, dann klappt's auch mit dem Karma.

Pressekonferenz mit Paderborns Trainer André Breitenreiter in der Allianz-Arena München

Stefan Korol, 24.09.2014

Dass den Kleinen und Schwachen, aber Mutigen die Herzen der Menschen zufliegen, ist ja ein alter Hut. Aber eben doch immer wieder ergreifend, wenn man es erlebt. Der FC Paderborn verliert gegen den FC Bayern. Mit 0:4. Das ist schon eindeutig. Das kann am Selbstbewusstsein nagen. Das kann zu Mitleid und Selbstmitleid führen. Insofern hatte man sich als Zuschauer schon seine Abwehrtaktik gegen mögliches Fremdschämen bei der anstehenden Pressekonferenz beider Trainer nach dem Spiel zurechtgelegt.

Der Trainer der Gast-Mannschaft beginnt, André Breitenreiter. Sein erster Satz: „Herzlichen Glückwunsch zum tollen Sieg einer tollen Mannschaft.“ Huch? Haben wir uns da verhört? Hat er vielleicht was nicht richtig mitgekriegt? Aber er legt sogar noch nach: „Ein Gegner von überragender Qualität, die Bayern haben ein wahres Offensivfeuerwerk abgebrannt.“ Ja, das sehen wir auch so. Aber muss ein Trainer nicht nach Ausreden suchen, warum es heute nicht geklappt hat? Nein – muss er nicht. Jedenfalls nicht, wenn er so authentisch auftritt wie Breitenreiter: „Für uns war das ein tolles Erlebnis, hier heute aufzulaufen zu dürfen.“ Was können wir nun anderes tun, als diesen Mann einfach toll zu finden? Sympathisch. Ehrlich.

Dann der zweite Teil der Antwort: Das Lob für seine Mannschaft: „Die Bayern in Best-Besetzung, volle Kapelle, das ist natürlich auch ein Lob für uns. Und wir haben ja auch gute Aktionen gehabt, haben nicht einfach draufgehauen, sondern zwei, drei ganz gefährliche Situationen herausgespielt.“ Und dann öffnet er die Beziehungsgruppe: „Und nicht nur die Mannschaft, sondern alle unsere Fans können stolz darauf sein, was wir in den letzten Monaten geschafft haben.“

Teil 3 der Breitenreiter´schen Charme-Offensive: Gefühl, Leidenschaft: „Was soll ich noch sagen? Für mich ist das eine Ehre, hier sein zu dürfen, hier zu sitzen mit Pep Guardiola.“ Das geht ganz tief rein, denn davon träumt natürlich jeder Fußball-Fan. Und dann, am Ende, so steht es ja auch in jeder Redner-Anleitung, ein kleiner Witz. In diesem Fall wohl eher unbeabsichtigt, aber geklappt hat es dennoch: „Und so viel Leistung belohnen wir natürlich, wir gehen morgen für ein paar Stunden auf die Wies´n.“ Lacher im Publikum.

Was können Interviewpartner von Breitreitner lernen? Vor allem: Sei und bleib wie du bist. Ja, es gibt Regeln für den öffentlichen Auftritt. Aber: Die Regeln müssen zum Menschen passen. Alles andere wirkt steif, unpersönlich, unsympathisch. Dazu kommen Eigenschaften, die uns schon die Oma immer gepredigt hat: Sei bescheiden, zurückhaltend. Und Breitreitners dritter „Trick“: Jammere nicht, sondern siehe das Gute in einer Sache. Wenn dann auch noch die Leidenschaft dazu kommt, in diesem Fall für den Fußball, dann fliegen dem Mann alle (Fußballer-)Herzen zu: „Ich wünsche dem FC Bayern alles Gute, für die Champion League, für die Bundesliga. Haut sie zuhause alle weg. Dann sind wir auch nicht die einzigen.“

Herrjeh, was sagt dieser Mann erst, wenn Paderborn mal gegen Bayern gewinnt?

Frank Asbecks Auftritt in der ARD-Reportage

Stefan Korol, 29.07.2014

Geld. Erfolg. Macht. Status. Und dann ruft auch noch das Fernsehen an und fragt, will ein Porträt drehen. Im Unternehmen. Zu Hause. Mit Hintergrund und allem drum und dran.

Wir können nur hoffen, dass Frank Asbeck genau wusste, worauf er sich eingelassen hat, als er der ADR/dem WDR für diesen Dreh zugesagt hat: „Der Sonnenkönig“ (Montag Abend, 23.30 Uhr). Allerdings fällt das schwer zu glauben, wenn wir sehen, wie sehr er sich von den Journalisten provozieren lässt und schließlich, total verärgert, das Interview abbricht. Der Chef einer AG, erfahren, mit allen Wassern gewaschen – hat geglaubt, die Journalisten würden sich voller Ehrfurcht und Untertänigkeit von ihm durch seine Paläste und an der Nase herumführen lassen? Hatte nur den Gedanken „Das Fernsehen kommt und will einen Film über mich drehen“ im Kopf? Unwahrscheinlich, naiv, eitel. Aber nur so lässt sich Asbecks Reaktion auf die kritischen Fragen am Ende der Reportage (klar, wann sonst? Journalisten eröffnen nie konfrontativ) erklären.

Dazu passt, dass das in den ersten Minuten der Reportage aufgebaute Image des netten Selfmade-Manns durch Asbeck selber erste Kratzer bekommt: Mit sichtlichem Stolz zeigt er auf die 99 selbst erlegten Füchse, die er an seine Bürowand genagelt hat. Mit LEDs in den Augenhöhlen. Auch die Begründung für seinen Maserati („Irgendeiner muss das bisschen Öl, das wir noch haben, ja schließlich durch den Auspuff jagen…“) lässt manchen Zuschauer die Nase rümpfen.

Dass Füchse und Maserati erste Hinweise auf die kritische Haltung der Journalisten sind, scheint Asbeck überhaupt nicht in den Sinn zu kommen; er sieht in ihnen offenbar nur die Bewunderer, die Hof halten wollen im Palast des Sonnenkönigs. Dass Reportage und Interview eine Richtung nehmen, die überhaupt nicht in seinem Sinne ist und die ihm deswegen überhaupt nicht passt, scheint er erst zu merken, als es zu spät ist: Da erlauben sich die Journalisten doch, ihn nach möglichem Insiderhandel zu befragen, werfen ihm vor, er habe seine Aktienpakete zu Vorzugspreisen bekommen. Und dann wird aus dem Sonnenkönig ein aggressiver Terrier, dem man den Futternapf wegnimmt: „Sie werfen doch hier alles durcheinander“; „Mit Ihnen rede ich darüber nicht“, „Sind Sie so naiv zu glauben wir hätten das alles nicht rechtlich abgesichert?“ Und schließlich, arrogant-bockig: „Wissen Sie, ich bin jetzt Mitte 50, das muss ich mir nicht mehr antun“ Und das ist das Ende des Interviews; Abgang Frank Asbeck, Vorstandsvorsitzender der Solarworld AG, die, noch immer, mit 500 Millionen Euro bewertet wird.

Wahrscheinlich müssen rund um Bonn heute wieder einige Füchse dran glauben.

Die Strategie für unpassende Interviewfragen

Stefan Korol, 16.07.2014

Deutschland ist Weltmeister. Die Fans sind außer sich. Die Journalisten auch. Und da kann es schnell passieren, dass die Interviewfragen noch weniger intelligent sind als sonst: „Wie geil ist der Tag heute für Sie“ fragt der RTL-Reporter Thomas Müller. Der, obwohl selten verlegen, windet sich: „Na ja, das ist schon ein besonderer….“ und so weiter und so weiter.
Und muss dann noch zwei weitere Fragen über sich ergehen lassen: „Was ist der Schlüssel für den Erfolg der Mannschaft?“ Und dann: „Was bedeutet dieser Tag für den deutschen Fußball?“ Müller ist genervt; er schwafelt, rettet sich über die Zeit. Und das völlig zu Recht: Vier Wochen WM, das Finale, die Nacht durchgefeiert. Und dann solche Fragen. Müllers Ärger über solche Fragen bekommt dann die kolumbianische Reporterin ab, die ihm gleich danach das Mikro vor die laufende Kamera hält. Ob er nicht enttäuscht sei, dass nicht zum besten WM-Spieler gewählt worden sei. Müllers Antwort: eine ärgerliche bayrische Deftigkeit: „Das interessiert doch gar nicht, so ein Blödsinn, den Pott haben wir geholt…..“.

Dass sich Thomas Müller und viele seiner Mitspieler über naive und überflüssige Journalisten-Fragen ärgern, ist völlig verständlich. Fußballer sollen Tore schießen und Spiele gewinnen; sie müssen keine Interview-Spezialisten sein. Allerdings ist diese Einstellung und vielleicht auch Müllers Weigerung, sich den Medien-Regeln anzupassen, gefährlich. Seine bayrische Antwort auf die spanische Frage mag von vielen als ehrlich und auch witzig eingeschätzt werden. Aber der Grat zwischen Humor und Unhöflichkeit ist bekanntlich sehr schmal. Das hat dann auch Bastian Schweinsteiger erkannt, der neben Müller stand und die Situation mit einer doch sehr freien und keineswegs wortgetreuen Übersetzung der bayrischen Tirade gerettet hat.

Es liegt an den Fußballern (und an allen anderen Interviewpartnern) selbst, das Problem zu lösen: Journalisten wollen Antworten, wollen Sätze und Geschichten, die sie drucken und senden können. Nur: Es muss gar nicht die Geschichte sein, nach der sie fragen. Es kann auch eine ganz andere sein.
Warum also hat sich Thomas Müller nicht vorher eine schöne Antwort überlegt, die er gleich in den vielen Interviews erzählt? Er wusste doch, dass sich Dutzende von Reportern auf ihn stürzen und befragen. Warum nicht eine schöne Geschichte aus dem Training, aus dem Hotel, aus der WM-Wohngemeinschaft, ein Spruch von seiner Oma (die wir ja schon aus einigen seiner Interviews kennen)?

Ob Müller dann tatsächlich diese vorbereitete oder eine spontane Antwort gibt – das kann er im Interview entscheiden. Wichtig ist: Er hat eine Alternative zu seiner spontanen Reaktion. Er entscheidet, was er sagt. Er entscheidet, was er von sich preis gibt und was nicht. ER führt das Interview. Und handelt damit auch vor Kamera und Mikrofon ebenso professionell wie auf dem Spielfeld. Denn wie schnell eine spontane, auf den ersten Blick witzige Idee, total daneben gehen kann, haben ja Götze, Klose und Co. bei der WM-Feier mit ihrer Gaucho-Nummer bewiesen („So gehen die Gauchos… so gehen die Deutschen…“). Die Reaktionen: Wilde Entrüstung bei Twitter und viele verspielte Sympathien in den Medien und damit bei Lesern, Hörern und Zuschauern.

Spontan kann gut sein. Aber wer nur darauf setzt – wird irgendwann verlieren.

Die zitierten Quellen finden Sie auch hier:

http://www.youtube.com/watch?v=66dIrBmsYIY (Müller)
http://www.youtube.com/watch?v=su2wA_e4QLQ (Gauchos)

Warum man bei einem Messeauftritt klare Antworten haben muss – besonders in einer Krise

Kathrin Adamski, 07.07.2014

Panorama vom 3.7.2014 – Illegaler Waffenhandel nach Kolumbien – klingt spannend und ist es auch, wenn es auffliegt. So geschehen durch die Recherchen des Investigativ-Formats Panorama. Neugierige Journalisten, mutige Mitarbeiter und eine interne Kommunikation mit mehr als einem Leck ließen das vermeintlich gut getarnte illegale Geschäft des Waffenherstellers SIG SAUER aus Eckernförde auffliegen. Bereits die Recherchen und Anfragen der Medien machten die Konzernspitze um Michael Lüke nervös und sorgten für sichtbaren Aktionismus der Konzernleitung. Die wusste nämlich sehr genau, was da wie illegal nach Kolumbien verkauft wurde. Eine Krise, die man schon kilometerweit gegen den Wind riecht. Doch das schien den Konzernlenkern nicht bewusst zu sein. Denn statt sich Gedanken zu machen, was man zu diesem brisanten Thema in der Öffentlichkeit kommuniziert – falls nachgefragt wird - stellt sich SIG SAUER Chef Michael Lüke auf eine große Waffenmesse, um potentielle Kundschaft für seine Waffen zu begeistern.

Und genau hier taucht er auf – der „Feind“ Journalist – getarnt als interessierter Besucher, aber bewaffnet mit einem Kamerateam, das sich allerdings ein paar Meter neben ihm postiert hat, und einer Frage. Kaum im Sichtfeld steuert Michael Lüke den vermeintlich interessierten Messebesucher an, freundlicher Handshake und Blickaufnahme mit dem Interessenten. Und der fragt: „Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“. Lüke blickt sich um, entdeckt die Kamera und antwortet: „Nein – ich gebe keine Interviews tut mir leid“. Mimik und Haltung sagen genau, was da gerade in seinem Inneren passiert: „Sch… der weiß was, will noch mehr wissen und ich will nichts sagen, wie komme ich da raus…?“ Der Journalist fragt trotzdem nach: „Wieso geben Sie keine Interviews...?.“ - Lüke verharrt kurz und sieht sich um – der Journalist nutzt das Verharren: „...SIG SAUER in den USA gibt auf der Internetseite an, sie hätten Pistolen nach Kolumbien geliefert…“. Lüke bleibt stehen und man sieht, wie es in ihm arbeitet. Und dann tut er das, was mehr sagt als tausend Worte und dem Zuschauer klar macht: Der Vorwurf des Journalisten ist so wahr, dass es wahrer nicht sein kann!

Lükes Hand wandert Richtung Kamera und er hält dem Kameramann die Linse zu. Schwarzes Bild und die Stimme dahinter: „Ich habe gesagt, es gibt keine Interviews…“. Ende des O-Tons – Schnitt – aber es ist ja auch alles gesagt!

Päng – die Waffe des überraschenden Messe-Interviews hat ihr Opfer getroffen. In diesem Fall zurecht. Denn wenn man weiß, dass die Krise vor der Tür steht, dann ist es ratsam, für unübersichtliche Schlachtfelder wie z.B. einen Messeauftritt gute Antworten auf die entwaffnenden Fragen eines Journalisten parat zu haben. Und wenn die Hand vor der Kamera – oder besser der freundliche, aber unmissverständliche Hinweis, dass die Kamera jetzt ausgeschaltet wird, der einzig verbleibende Fluchtweg ist, dann bitte gleich VOR Beginn des verbalen Angriffs. Sonst gewinnt auf jeden Fall der Journalist den kommunikativen Krisen-Krieg.

Hier finden Sie den Beitrag in der ARD-Mediathek 

Ganzer Beitrag von 21:57– 28:44
Ausschnitt Messe: 27:59 – 28:44

Welche Macht die Stimme haben kann, wenn die innere Einstellung passt

Kathrin Adamski, 23.06.2014

Montagmorgen 6:45 Uhr – ich bin gerade in den frühen Zug nach Frankfurt eingestiegen oder besser, habe mich zwischen Laptoptaschen-tragenden Pendlern und den kofferschleppenden Reisegruppen, einem Kinderwagen und einer Band samt Instrumenten auf meinen Platz durchgekämpft. Neben mir der Fahrgast hat es sich gestern im Restaurant gut gehen lassen – die Knoblauchfahne teilt er jetzt mit uns. Ich bin schon fix und fertig, bevor der Arbeitstag überhaupt richtig angefangen hat und zweifle an der Richtigkeit meiner Entscheidung, statt meines Autos den Zug genommen zu haben. Doch dann werde ich überrascht. Kurz nach Anfahrt des Zuges meldet sich eine sichtlich gut gelaunte und ausgeschlafene Stimme aus dem Lautsprecher und verkündet: 

„Guten Morgen – nachdem auch die Ulmer jetzt ihr morgendliches Fitnessprogramm absolviert haben, lehnen Sie sich doch entspannt zurück und genießen Sie die Fahrt mit der Deutschen Bahn. Mit uns geht´s nach Dortmund und unser nächster Halt ist Stuttgart.“ Man hört noch das Schmunzeln in der Leitung und dann kommt das berühmte „Knack“ und die lustige Stimme ist weg.

Ich muss innerlich grinsen, obwohl ich noch müde bin und denke. „Na, der hat aber Spaß bei der Arbeit“. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Nächster Halt: Stuttgart. Gefühlt die halbe Landeshauptstadt steht auf dem Bahnsteig, um samt Kind, Kegel und Gepäck den Zug zu stürmen. Ich bin nur froh, dass ich schon sitze. Da wird gedrängelt, geschimpft, über Reservierungen gestritten, angerempelt, sich aneinander vorbeigequetscht, hektisch die wenigen nicht reservierten Plätze belegt. Ein Tumult. Doch dann wieder die Stimme aus dem Off – diesmal im Tonfall väterlich erklärend: „Es ist Montagmorgen – die Autobahnen sind voll und unser Zug auch, aber bei uns stehen Sie wenigstens nicht im Stau. Und wenn Sie bei der Platzsuche jetzt Rücksicht nehmen, wird diese Fahrt auch entspannt“. Ich ertappe mich dabei, wie ich diesmal auch nach außen grinse und mich umschaue: überraschte Gesichter, mancher fühlt sich sichtlich ertappt und ich meine zu spüren, dass die Atmosphäre unter den Fahrgästen sich schlagartig verändert.

Ich staune nicht schlecht. So eine Fahrgastansage hätte ich der Deutschen Bahn gar nicht zugetraut und es zeigt mal wieder, wie wichtig die richtige innere Einstellung ist, wenn man den Mund aufmacht. Gerade Stimme ist so verräterisch. Sie zeigt uns, ob wir etwas wirklich meinen oder nicht, ob wir nur ablesen oder auswendig Gelerntes wieder geben oder ob wir fühlen. Und genau da liegt der Unterschied zwischen sprechen und sprechen. Wer wirklich etwas zu sagen hat und andere damit erreichen will, der muss es fühlen. Auswendig Gelerntes, jeden Tag in gleicher Weise abgespulte Phrasen sind Teflon-Kommunikation. Sie prallen an uns ab. Wer aber in dem Moment, wo er den Mund aufmacht, wirklich fühlt und ein echtes Kommunikationsbedürfnis hat, wie der Schaffner in meinem Zug, der sagt wirklich etwas. Denn wie hieß es schon in Goethes Faust: „Wenn Du´s nicht fühlst, du wirst es nicht erjagen.“

(Halb) Europa hat gewählt – und in den Statements der Politiker jeglicher Couleur ist vielleicht ein Grund für die Wahlmüdigkeit zu finden. Positiv denken falsch verstanden. Und der SPD-Chef muss wohl erst noch siegen lernen...

Stefan Klager, 26.05.2014

Europa hat gestern gewählt – oder besser gesagt: halb Europa. Die Wahlbeteiligung lag unter 50%. Und der Wahlsonntagabend im Fernsehen läuft nach den immer gleichen Regularien mit dem immer ähnlichen Procedere ab: 18 Uhr Wahlprognose, wenige Minuten später die erste Hochrechnung. Und die hat diesmal Substanz und Aussagekraft. Sie schlägt sofort ins Kontor jeder Partei. Innerhalb weniger Minuten ist die Wahl analysiert: Schlappe für CDU/CSU, Gewinne für die SPD, nichts Neues von der FDP, die Grünen hat´s erwischt und die AfD ist drin. 

Was nun folgt sind die zahlreichen Politiker-Stimmen. Und auch hier: Die faktischen Verlierer wollen nicht verloren haben. Die Gewinner – und das ist wirklich neu, Herr Gabriel – tun so als hätten sie nichts gewonnen, zumindest wirkt es so. SPD-Chef Sigmar Gabriel tritt kurz nach der ersten Hochrechnung mit dem europäischen Spitzenkandidaten Martin Schulz vor die Mikrofone des Willy-Brandt-Hauses. Jubel, zu dem die SPD lange keinen Anlass mehr hatte, erfüllt das Foyer. Martin Schulz freut sich sichtlich – darf aber nichts sagen. Stattdessen spricht Herr Gabriel zu den Genossen und kostet die Ovationen aus. Gabriel weist auf die Grundsätze der europäischen Politik hin, die sich die SPD auf die Fahnen geschrieben hat. Martin Schulz freut sich sichtlich – darf aber nichts sagen. Der Erfolg habe einen Namen, ruft Gabriel aus: „Martin Schulz!“. Jubel brandet wieder auf! Geklatsche! Gejohle! Die Führungskamera schwenkt von Gabriel auf Schulz. Martin Schulz freut sich sichtlich – darf aber nichts sagen. Denn Gabriel genießt diesen politischen Erfolg und weidet ihn aus. Verständlich, aber egoistisch. Denn die Genossen wollen den Wahlsieger hören. Gabriel gefällt sich offensichtlich in der Rolle des toughen Siegers. „Ich hab´s doch immer gesagt! Die Menschen wollen die SPD!“ – das zumindest ist der Subtext. Sein Auftritt ist einerseits stark – stimmlich präsent und inhaltlich bestens vorbereitet, aber er wirkt auch gekünstelt. Warum? Weil es eine Divergenz gibt zwischen dem, WAS er sagt, und dem, WIE er es sagt! Er spricht von Erfolgen, aber seine Mimik ist ernst. Er spricht von Freude, seine Mimik ist starr und wirkt fast verbittert. Kein Lächeln, kein Augenzwinkern, keine emotionale Regung, keine sichtbare Freude.

Das ZDF schaltet von Berlin wieder zurück in die Sendezentrale, um die aktuelle Hochrechnung zu vermelden. Und dann folgen der Reihe nach Politiker jeder Couleur, die ihr noch so mäßiges Abschneiden positiv interpretieren. Der CDU-Spitzenkandidat McAllister habe sein Wahlziel erreicht, denn die EVP werde in Brüssel stärkste Kraft. Ähnliches reklamiert der FDP-Spitzenkandidat Graf Lambsdorff als seinen Erfolg: Die Liberalen seien drittgrößte Fraktion im Parlament. Die persönlichen Ziele der deutschen Spitzenkandidaten sind über Nacht offenbar bescheiden geworden. AfD-Chef Lucke bezeichnet seine Partei als „Volkspartei“. Das ist man mit 7%? Die Grünen lesen aus ihren Verlusten das Signal, Europa wolle eine ökologische Kraft. Und CDU-Generalsekretär Tauber ist froh, dass die proeuropäischen Parteien die Oberhand behalten haben. Sorry, aber alles andere wäre auch mehr als überraschend gewesen. Auch der Linke Bartsch ist „wahnsinnig stolz“ auf das Ergebnis seiner Partei. Sie hat – wohlbemerkt – Verluste hinzunehmen. So sind alle zufrieden. Jeder hat seine Ziele erreicht – zumindest aus Politikersicht. Aber nicht aus Wählersicht. Die merken, dass weichgespült wird und aus dem größten Verlust noch etwas vermeintlich Positives gezogen wird. Das wirkt aufgesetzt und ist nicht authentisch. Vielleicht ist gerade diese „Interpretationsflexibilität“ unserer Volksvertreter der Grund dafür, dass nicht ´mal jeder zweite Wahlberechtigte gewählt hat.

Apropos, auch sprachlich ging´s an dem Wahlabend manchmal drunter und drüber oder besser: voll daneben. Das Politiker-Statement des Tages formuliert CSU-Generalsekretär Scheuer: „Wir haben unsere Wähler nicht zur Urne gebracht“. Das käme ja auch fast einer Sterbebegleitung gleich. Oder wollte er damit nur sagen: Da die Wählerschaft so klein ist, hätte seine Partei Fahrdienste zu den Wahllokalen anbieten sollen? Stell´ dir vor, es ist Europawahl und keiner geht hin. Keine Vision, sondern Realität. Stell´ dir vor, nach der Wahl sprechen Politiker Klartext und zeigen Emotionen. Keine Realität, sondern Vision.

Der neue DGB-Chef Reiner Hoffmann könnte ein bisschen Yoga gut gebrauchen – zumindest würde es seiner Haltungsnote dienen.

Prof. Dr. Katrin Prüfig, 19.05.2014

Ungefähr 20 Mal in jeder Yoga-Stunde ermahnt uns unsere Lehrerin, das Brustbein vorzuschieben und die Schultern sinken zu lassen. Egal, bei welcher Übung: Brustbein vor, Schultern runter. Inwieweit das Ganze dem Energiefluss dient, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall dient es einer aufrechten, präsenten und überzeugenden Körperhaltung. 

Dieses Mantra unserer Yoga-Lehrerin fiel mir diese Woche wieder ein, als ich Reiner Hoffmann sah. Gerade gewählt zum Nachfolger von Michael Sommer in das Amt des DGB-Chefs. Da steht er nun in seiner Antrittsrede vor den Delegierten, Schultern hochgezogen, Kopf geduckt. Er pendelt geradezu manisch vom linken auf den rechten Fuß und wieder zurück, schaut, nein, wirft nur einen kurzen Blick mal nach links, mal nach rechts. So, als gäbe es keine Mitte. Auch in anderen Interviews schaut er geduckt eher von unten nach oben, sein Blick, so scheint es, streift dabei die eigenen Augenbrauen. Die Hände sind mitunter gefaltet. Zu seinem Vorgänger Sommer soll ein englischer Gewerkschaftsgenosse mal gesagt haben: Sometimes I was scared of you – manchmal hatte ich Angst vor Dir! Nun also das Kontrastprogramm: Vor Reiner Hoffmann, so das optische Signal seiner Auftritte, muss sich niemand fürchten.

Seine Stimme: recht hell für einen Mann, vielleicht auch der Aufregung geschuldet. Jedenfalls nichts, was man „sonor“ nennt. Hoffmann macht das zum Teil wett, indem er klar, ruhig und akzentuiert spricht. Man kann ihm gut folgen. Aber was sagt er? Er will die „Arbeitszeit über die gesamte Erwerbsbiografie in den Blick nehmen“. Er spricht von „personenbezogenen Dienstleistungen“ und „Ein-Personen-Gesellschaften“. Seine Sätze sind eher lang, haben Subjekt, Prädikat, Objekte, Nebensatz. Alle. Ohne Ausnahme.

Kein schrilles „Das geht so nicht!“ oder „Schluss damit!“– wie es sein Vorgänger mit donnernder Stimme dem Publikum entgegen schleudern konnte. Wie es Gewerkschafter mitunter lieben. Kein Wunder, dass der Applaus nach Hoffmanns Antrittsrede schon nach weniger als einer Minute vorbei gewesen sein soll. Da werden sich die Genossen umstellen müssen. Allerdings: Sie haben ihn mit mehr als 93 Prozent ja selbst gewählt.

Und Hoffmann selbst? Aufrecht stehen, Brustbein vor, Schultern runter. Das auf jeden Fall. Und natürlich dürfen Reden spritziger sein, aus dem Leben gegriffen, vielleicht auch kämpferischer. Da muss er sich mehr trauen, das täte ihm gut. Dass er als Person ein anderes Temperament mitbringt, wird so mancher Talkshow gut tun. Er darf dort allerdings weder untergehen, noch zum Brüllaffen mutieren. Seine große Chance liegt darin, mit seiner verbindlichen und ruhigen Art zu überzeugen. Genug rote Krawatten für’s Fernsehen hat er auf jeden Fall. Jetzt gilt wie beim Yoga: Halte durch, es ist zu spät um aufzugeben!

Wie Top Manager NICHTS sagen wollen und mehr damit sagen als ihnen lieb ist. 

Kathrin Adamski, 21.03.2014

Tagesthemen vom 19. März. Es geht um die Krim-Krise. Wie man beim Deutsch-Russischen Forum zu den Sanktionen gegenüber Russland steht. Teilnehmer sind vor allem Vertreter von deutschen Großkonzernen, die wegen möglicher Sanktionen um ihr Russlandgeschäft fürchten und hinter verschlossenen Türen für ihre Geschäftsinteressen kämpfen. Reden darüber? Ungern wie der Reporter in den Vortragspausen feststellt. Da ist zum Beispiel Dr. Bernhard Reutersberg, Vorstand des Energieriesen EON. Gebückt sieht man ihn am Kaffeebuffet nesteln. Er duckt sich noch mehr, als der Redakteur in seine Nähe kommt, und taucht förmlich ab, als ihm das Mikro unter die gesenkte Nase gehalten wird. Er schüttelt den Kopf: „Nein!“ Ein Wort, das viel mehr sagt als NICHTS.

Dann der Reporter: „Es geht nur um die Bedeutung des Deutsch-Russischen Forums.“ Pech gehabt, Herr Reutersberg. Diese Frage müssten Sie doch als Mitglied des Forums einfach beantworten können. Aber Reutersberg hat etwas zu verbergen, wie uns Zuschauern schwant. Und er zeigt es uns mit seiner Reaktion deutlich: „Ich wollte heute keine Interviews geben – überhaupt nicht. Das ist mir zu spezifisch heute.“ Aha, zu spezifisch! Die Rolle des Deutsch-Russischen Forums, dessen Kuratoriumsvorsitzender er ist. Man darf sich wundern. Der Reporter weiß diese Antwort übrigens zu würdigen mit einem Bild, das mehr sagt als tausend Worte. Es folgt eine Sequenz, in der Reutersberg nochmals heftig den Kopf schüttelt, „Nein, nein“ stammelt, eine abwehrende Handbewegung Richtung Kamera macht und davoneilt – verfolgt von der Kamera und einem Off-Text, der entlarvt, um was es ihm geht: Sanktionen gegen Russland schmälern seinen Gewinn.

Keine zwei Schnittbilder weiter der nächste vermeintliche „Nichts-Sager“. Michael Ropers - Hauptstadtrepräsentant der Deutschen Telekom. Er steht wenigstens aufrecht, würdigt den freundlich auftretenden Reporter allerdings keines Blickes. Als der ihn mit der „einfachen“ Frage nach der Rolle des Deutsch-Russischen Forums konfrontiert, dreht er sich um und geht wortlos weg. Man fragt sich, ob Manager auch eine Kinderstube haben und wir die wohl aussah.

Und dann gibt es noch einen „Mehr-als-NICHTS-Sager“: Georg Graf Waldersee ist Vorstandsvorsitzender der Unternehmensberatung Ernst & Young und sitzt bereits im Vortragssaal, eingerahmt von Mithörern. Er kann nicht flüchten. Jetzt sind wir gespannt, wie er NICHTS zur – jetzt enger gefassten - Frage des Reporters sagt. Der möchte nämlich wissen, wie Waldersee die Sanktionen im Augenblick bewertet. Waldersee zuckt zusammen und beginnt zu stammeln: „Die Sanktionen müssen unter äh…ja sagen wir mal, äh… unter dem Aspekt gesehen werden, wie es auf eine bestimmte Reaktion... ähm und auf eine bestimmte Situation ähm…im Gesamtkontext zu reagieren…“ Wie bitte? Vermutlich hat er selbst nicht verstanden, was er sagen wollte. Auf jeden Fall ist eine Chance auf Kommunikation vertan. Unser Rat: In dieser Situation lässt sich nicht einfach NICHTS sagen. Jede Aussage, und sei es zu Russland als wichtigem Handelspartner, wäre besser gewesen als die Auftritte dieser drei Top-Manager.

Wenn „man“ vermeidet den „Mann“ anzusprechen. 

Kathrin Adamski, 10.02.2014

Wochenende ist Sportzeit für Fußballfreunde und der Fußballfan schaltet selbstverständlich nicht nach dem Abpfiff um. Nein, da wird jedes der unzähligen und oft unsäglichen Spielerinterviews audiovisuell inhaliert. Doch es fällt auf, dass die Spieler ihre Sachen in diesen Kurzgesprächen gar nicht so schlecht machen. Dafür so mancher Reporter. Ein Interview direkt nach dem Spiel. Die Fragen des Reporters: „War man sehr erstaunt, wie das gelaufen ist?“ Und „Hat man mehr erwartet?“ Und wir fragen uns: Wer ist eigentlich „man“? Du, Sie, Ihr, die anderen? Wir fragen uns, warum der Reporter den Torwart nicht direkt anspricht. Hat er nicht gesehen, wer wirklich auf dem Spielfeld stand? War er vielleicht gar nicht dabei? Weiß er nicht, ob er den deutlich jüngeren Spieler siezen oder duzen soll? Will er überhaupt seine persönliche Meinung hören? 

Und wenn „man“ meint, das wäre nur ein Versehen gewesen, dann täuscht „man“ sich und „man“ erlebt gleich im nächsten Interview denselben Fragestil. Diesmal hört „man“ die Fragen an den gegnerischen Sportskollegen:

„Nimmt man das Lob an oder will man das gar nicht hören?“ und „Würde man im Nachhinein etwas anders machen?“

Wie gut, dass wenigstens die Spieler wissen, wer „man“ ist: „Ja genau so stelle ICH mir das vor, ICH bin froh, dass es geklappt hat...“.

Wäre dieser Reporter ein Klient in einem Medientraining würde man (= der Trainer) ihm von dieser „man-ie“ abraten. „Man“ schafft Distanz, „man“ signalisiert, dass man (=der Interviewpartner) nicht hinter der Botschaft steht. „Man“ verallgemeinert und macht Botschaften nicht konkret. Mit „man“ verschleiert man (= Interviewpartner) den Absender einer Botschaft. “Man“ gibt dem Zuschauer das Gefühl, dass man (= der Interviewpartner) sich um eine Antwort drücken will und vielleicht sogar etwas zu verbergen hat.

Also sollte man (= wer etwas zu sagen hat) auf „man“ verzichten und lieber seinen Mann oder natürlich auch seine Frau stehen und klar Farbe bekennen zum „Ich“, „Wir“, „Sie“, „Ihr“.