Meisterstück politischer Kommunikation?


Stefan Klager, 06.03.2017

Für ein „ Meisterstück der politischen Kommunikation“ hält die SZ-Autorin Lara Fritzsche das Verhalten von Volker Beck, nachdem er vor genau einem Jahr mit harten Drogen in eine Polizeikontrolle geraten war. Einspruch, Lara Fritzsche!

Im SZ-Magazin vom 4. März (Nr. 9/2017) portraitiert Lara Fritzsche Volker Beck, den Bundestagsabgeordneten der Grünen und früheren innenpolitischen Sprecher. Vor genau einem Jahr wurde Beck mit harten Drogen von der Polizei festgehalten. Beck stellte sich den Behörden, aber nicht der Öffentlichkeit. Er taucht ab, lässt sich krankschreiben und kehrt erst nach sechs Wochen in den Bundestag zurück. In einer Presseerklärung gibt er sich wortkarg. Die SZ-Autorin Lara Fritzsche kommt zu dem Schluss, dass dieses Vorgehen ein Meisterstück der Kommunikation war. Ist es das wirklich?

Nein, es ist kein kommunikatives Meisterstück, einfach abzutauchen, der Öffentlichkeit eine Erklärung vorzuenthalten, die Licht ins Dunkel bringt. Ja, Beck kann in seiner Freizeit tun und lassen was er will. Aber auch das, bitteschön, kann, nein, MUSS er unmittelbar nach dem Vorfall klarstellen. Ansonsten setzt er seine Glaubwürdigkeit , Authentizität und Integrität aufs Spiel.

Genau mit diesem Vorurteil hat die Zunft der Kommunikationstrainer immer wieder zu kämpfen. Wie oft wird ihr unterstellt, dass sie ihren Klienten rät, sich so zu verhalten, dass es ausschließlich den eigenen Vorteilen – denen des Klienten – nutzt? Die Losung „Keine Rücksicht auf andere – weder auf Kollegen noch die Öffentlichkeit“, also „Me first“ ist keine gute Kommunikationsstrategie.

Becks Strategie war die von Vogel Strauß: Kopf in den Sand, nichts hören, nichts sehen, abwarten. Eine Art von Kommunikation, die keinem hilft. Beck am wenigsten. „Abtauchen ist eine aufwendige Sache.“, konstatiert Fritzsche. Regungslos zu bleiben, tatenlos und unbemerkt, sei eine große Anstrengung. Warum hat Beck sich denn versteckt, statt in die Offensive zu gehen und die Kommunikation als aktiv Handelnder zu steuern?

„Er hat keine Parteikollegen eingeweiht, schon gar nicht die Fraktionsspitze.“, heißt es. Kommunikationsfehler Nummer zwei: Nicht nur bei eitel Sonnenschein sollte geredet, sondern gerade in einer Krisensituation muss zielorientiert kommuniziert werden. Und zwar zum Schutz des Betroffenen! Dass diejenigen, die Beck nicht eingeweiht hat, heute noch mit ihm zusammenarbeiten, grenzt an ein Wunder. Wer in der Fraktionsspitze fühlt sich bei dieser Beck´schen Kommunikation nicht hintergangen?

Die SZ-Analyse der Kommunikationsstrategie gipfelt in der Formulierung, Beck „habe neben aller Strategie er selbst sein wollen“. Indem er andere linkt? Wie kann ich glaubwürdig bleiben und mir treu sein, wenn ich anderen die Möglichkeit nehme, sich ein annähernd objektives Bild der Wahrheit zu machen?

„Becks Strategie im Drogenskandal funktionierte deshalb so gut, weil er sich nicht so verhält, wie er ist, also nicht laut, nicht spitzfindig, sondern er verhält sich gar nicht.“ Das ist Kommunikation von vorgestern und Wasser auf die Mühlen all derer, die à la Trump und Erdogan kommunizieren: Sie schaffen sich ihre (eigenen) „alternativen Fakten“, indem sie sich gar nicht verhalten, die Fragen anderer ignorieren und ein Miteinander torpedieren.

Ob die Strategie sich für Beck tatsächlich ausgezahlt hat, bleibt eine offene Frage mit einem übergroßen Fragezeichen. Seine Reputation innerhalb der eigenen Fraktion wird sich massiv verringert haben. Seine politische Schlagkraft hat er verloren.

Ein professioneller Kommunikationsberater hätte Beck geraten, sich sofort zu erklären und der Öffentlichkeit, aber auch Partei- und Abgeordneten-Kollegen die Chance zu geben zu erfahren, was passiert ist, wie er damit umzugehen und welche Konsequenzen er zu ziehen gedenkt. Sachlich, nüchtern, vielleicht auch emotional – und zwar so, dass der Betroffene sich selbst dabei gut fühlt. Und die andere Seite weiß, was Sache ist. Erst dann wird nicht mehr nachgefragt und erst dann gibt die Presse Ruhe.

Ergo: Schnell handeln, glaubwürdig agieren, nachvollziehbar erläutern – das ist das Geheimnis gelungener Kommunikation, nicht das verunsicherte Abtauchen und angstvolle Abwarten.

Ein Gegenbeispiel: Margot Käßmann. Sie hat nach einem weitaus geringeren Vorfall alle Konsequenzen gezogen. Sofort. Das hat ihr größten Respekt eingebracht. Gerade weil sie authentisch gehandelt hat und sich der Öffentlichkeit als verletzlich, also menschlich, gezeigt hat, ist sie auch heute noch sehr geachtet - vielleicht sogar mehr denn je.

Autor

BMTD

Stefan Klager

Kontakt: www.Der-KommunikationsCoach.de

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